
Silvan Widmer ist bereit. Bereit für die Fußball-Weltmeisterschaft mit der Schweizer Nationalmannschaft. Bereit, um mit dem FSV Mainz 05 eine fast schon in den Sand gesetzte Bundesligasaison zu einem guten Abschluss zu bringen – und bereit, in der Conference League womöglich nach den Sternen zu greifen.
Der 33-Jährige ist ein Beispiel dafür, dass man einen Spieler nicht vorschnell abschreiben sollte. Vor fünf Jahren vom FC Basel an den Bruchweg gewechselt, ergatterte er auf Anhieb einen Stammplatz auf der Außenbahn, den er in den beiden folgenden Spielzeiten erfolgreich verteidigte. Wann immer Widmer fit war, spielte er. Auch zunächst nach seiner Rückkehr aus einer knapp fünfmonatigen Verletzungspause, in der er sich einer Fersen- und Achillessehnenoperation unterziehen musste.
Das änderte sich in zwei Etappen. Im Frühjahr vorvergangenen Jahres brachte Trainer Bo Henriksen seinen Kapitän über mehrere Wochen hinweg als Einwechselspieler, die letzten drei Saisonspiele bestritt Widmer wieder von Beginn an – doch die vorige Saison stellte einen markanten Einschnitt dar: Zwar kam der Verteidiger noch immer auf 27 Einsätze, mit drei Ausnahmen aber stets von der Bank, und das nur für wenige Minuten.
In der Regel erhielten Anthony Caci und Phillipp Mwene den Vorzug auf seinen Positionen. Und der junge Neuzugang Nikolas Veratschnig machte sich daran, den Routinier zu überflügeln.
Widmers Wort hatte Gewicht
Widmers Bedeutung für die Mannschaft schmälerte das nicht. Wenngleich meist Nadiem Amiri die Binde am linken Oberarm trug, blieb Widmer Kapitän, sein Wort hatte Gewicht. Aber ins sportliche Geschehen eingreifen konnte er kaum noch. Wer im Sommer vorigen Jahres darauf gewettet hätte, dass der Verein den am Saisonende auslaufenden Vertrag des Schweizers verlängern würde, dem wäre eine hohe Quote gewiss gewesen.
Heute ist dies ein realistisches Szenario. Seit fünf Monaten führt Silvan Widmer die Mainzer wieder aufs Feld, lediglich drei Spiele hat er seither verpasst – einmal angeschlagen, einmal gelbgesperrt, einmal aus Gründen der Belastungssteuerung. Sicher, bei diesem Comeback profitierte er von Cacis langwieriger Muskel-Sehnen-Verletzung. Seiner Leistung, die mit dem Aufwärtstrend der gesamten Mannschaft unter Urs Fischer stärker wurde, tut dies keinen Abbruch.
Drei nicht ganz unwichtige Tore
Defensiv stabil, offensiv nicht ganz so agil wie der Franzose, harmoniert inzwischen auch das Zusammenwirken mit Paul Nebel auf der rechten Schiene. Und drei nicht ganz unwichtige Tore gelangen ihm: Beim 1:1 gegen den direkten Abstiegskonkurrenten Werder Bremen, beim 2:0 gegen Samsunspor in der Conference League und beim 2:1 gegen den 1. FC Heidenheim, dank dessen die Mainzer zum Hinrundenabschluss das Tabellenende verließen.
Auf 127 Bundesligaeinsätze kommt Widmer mittlerweile, und sollte er verletzungsfrei bleiben, dürfte er in den nächsten Wochen die Zahl seiner Spiele in der italienischen Serie A für Udinese Calcio übertreffen. Dafür müsste Fischer ihn noch fünfmal bringen.
Das Ruhebedürfnis des nach Stefan Bell und Jae-sung Lee ältesten Mainzer Feldspielers hält sich in Grenzen. Niemand hätte es ihm verübelt, wäre ihm nach der „unglaublichen Woche“ mit den Erfolgen in Bremen, gegen Sigma Olmütz und die Frankfurter Eintracht der Sinn nach einer Pause gewesen, wie sie die meisten seiner Mannschaftskameraden dieser Tage genießen dürfen.
Doch für Widmer ging es nahtlos weiter nach Basel, zur „Nati“, mit der er am Freitagabend in einem spektakulären Duell der deutschen Nationalmannschaft mit 3:4 unterlag. Widmer absolvierte die erste Halbzeit und bereitete mit einer Flanke die 2:1-Führung durch Breel Embolo vor.
Wie viele Punkte sind noch nötig?
„Solche Unterbrechungen tun immer gut“, sagte Widmer nach dem Spiel gegen die Eintracht, dem letzten vor der Länderspielpause. „Aber mit den Gedanken bin ich schon wieder in Mainz.“ Schließlich wartet auf die 05er ein knackiges Programm mit zwei englischen Wochen. Zwischen den Bundesligaspielen in Hoffenheim, gegen den SC Freiburg und in Gladbach finden auf europäischer Ebene die Viertelfinalduelle mit Racing Straßburg statt.
An Durchschnaufen sei nicht zu denken, sagt der Kapitän, auch nicht trotz des auf sechs Zähler angewachsenen Vorsprungs auf den Relegationsplatz. „Unser Job ist noch nicht erledigt, uns fehlen noch ein paar Punkte.“ Wie viele, darüber variieren die Schätzungen leicht. Sportdirektor Niko Bungert hält 39 für nötig, um sicher zu sein, Widmer glaubt, bei jetzt 30 Zählern könnten zwei weitere Siege reichen.
Dass die Mannschaft dieses Soll erfüllen wird, daran zweifelt wohl keiner der Beteiligten. „Die jüngsten Erfolge pushen uns“, sagt Widmer, „und es macht unheimlich Bock, mit den Jungs auf dem Platz zu stehen, weil jeder alles aus seinem Körper rausholt.“ Nicht die schlechteste Voraussetzung, um im Abstiegskampf zu bestehen.
