Manchmal spielt der Fußball verrückt. Manchmal wissen Sieger wie Verlierer kaum, warum die einen gewonnen und die anderen verloren haben. Ein solches Achterbahnduell erlebten am Samstagabend 81.365 Zuschauer im wie immer ausverkauften Dortmunder Stadion, in der der nach sieben dürren Zweitligajahren endlich wieder aufgestiegene Hamburger SV bei Halbzeit verdientermaßen 2:0 führte.
Der Klub aus dem Norden schien vor dem Coup des 27. Spieltages zu stehen, während der Tabellenzweite Borussia Dortmund nach 45 wirren Minuten mit der Kraft seiner Fans im Rücken nicht zuletzt dank zwei genutzter Elfmeter durch den eingewechselten Rami Bensebaini und ein weiteres Tor des ebenfalls erst in der zweiten Halbzeit aktivierten Fabio Silva ein denkwürdiges Spiel drehte.
Daran hatte der HSV mit seiner Courage und Konterqualität in der ersten Halbzeit einen großen Anteil. Die 2:0-Führung durch die Treffer von Otele (19. Minute) und Lokonga (38.) hatten sich die Norddeutschen allemal verdient. Der BVB dagegen hätte sich nicht einmal über einen höheren Rückstand beklagen dürfen, weil die Dortmunder, beim Pausenpfiff von einem Teil ihrer Fans ausgepfiffen, seltsam konfus anmuteten.
Die Hamburger dagegen besaßen eine Strategie und setzten sie auch um. Bis auf einen Lattenkopfball von Schlotterbeck (36.) produzierte die Mannschaft von Trainer Nico Kovač ein einziges Durcheinander in ihrem Bemühen, endlich Fuß zu fassen.

Schrecksekunden in diesem überaus bewegten wilden Duell hatte aber auch der Hamburger SV in der ersten Halbzeit zu überstehen, nachdem Schiedsrichter Jöllenbeck zuerst auf Foulelfmeter an Nmecha entschied, diesen Strafstoß aber wieder zurücknahm, weil der Gefoulte im Abseits stand (28.). Als Dortmund nach Omaris Minischubser an Beier tatsächlich einen Elfmeter ausführen durfte, schoss ihn Pechvogel Nmecha dann auch noch vorbei (45.).
Das passte zum wirren Auftritt der Borussia in den ersten 45 Minuten. „Wir haben einfache Tore zugelassen und hatten nicht die Kontrolle über das Spiel“, sagte der Elfmeter-Pechvogel Nmecha über die verkorkste erste Hälfte der Borussia.
Und dann? Reagierte Kovač und ließ anstelle der ausgewechselten Karim Adeyemi und Luca Reggiani Serhou Guirassy und Rami Bensebaini an den Reparaturarbeiten mitwirken. Gegen einen HSV, der nun von Kopf bis Fuß auf wehrhaftes Verteidigen eingestellt war und seine Angriffslust vergessen zu haben schien.
„Da wirst du teilweise ein bisschen erdrückt“
Es folgte zunächst ein folgenloses Anrennen der vor der Pause überrumpelten Dortmunder. Alles, was vorige Woche beim 2:0-Heimsieg über den FC Augsburg noch so leicht und inspiriert anmutete, wirkte diesmal bis hinein in den zweiten Durchgang bleischwer und ideenlos. Also musste nochmals ein Strafstoß den Dortmundern auf die Beine helfen. Mikelbrancis hatte Beier im Strafraum gefoult, und Bensebaini schob den Ball ins linke Toreck, während Heuer Fernandes in die andere Richtung hechtete (73.).
Nun war das Momentum endgültig aufseiten des BVB. Ein letzter Spin in diesem jederzeit unterhaltsamen Duell, der den Portugiesen Fabio Silva dazu beflügelte, den Ball aus kurzer Tordistanz zum 2:2 ins Netz zu befördern (78.). Binnen fünf Minuten hatte Dortmund seine Defizite wettgemacht.
Nun ging es für den BVB nur noch um den Sieg. Es folgte der nächste, dritte Strafstoß für Dortmund in diesem verrückten Duell, nachdem der Hamburger Muheim einen Schuss von Bellingham im Strafraum mit abgespreiztem Arm geblockt hatte. Bensebaini bedankte sich zum zweiten Mal für die Einladung und traf binnen elf Minuten aufs Neue vom Punkt (84.).
Die in der Bundesliga nur von den Bayern besiegte Borussia kam spät, dafür aber mächtig in Fahrt und holte sich doch noch den etwas glücklichen Heimsieg gegen einen Aufsteiger, der extrem viel zu diesem abenteuerlichen und extrem aufregenden Samstagabend beigetragen hatte. Auch der starke HSV-Keeper Daniel Heuer Fernandes respektierte den Endstand pro Dortmund, als er über den Dauerdruck der Westfalen in der zweiten Hälfte sagte, „da wirst du teilweise ein bisschen erdrückt“. Eigentlich kein Wunder in einem Duell Zweiter gegen Elfter.
Ende gut, alles gut? Der Dortmunder Trainer Niko Kovač blieb bei den Tatsachen und deklarierte die erste Halbzeit seiner Borussen als „schlecht“. Dafür sei der zweite Teil dieses wild bewegten Spiels „sehr viel dynamischer und energischer gewesen“. Versteht sich, dass dessen Hamburger Kollege Merlin Polzin nach den ersten 45 Minuten „verdammt stolz“ auf seine „Jungs“ war und den Dortmundern fair wie immer trotzdem einen „nicht unverdienten Sieg“ bescheinigte.
