
Schon die ganz Kleinen werden in Frühest-Förderkurse geschickt. Englisch für Babys, Mathe für Vierjährige: sinnvoll – oder Ausdruck verstiegener Erwartungen der Eltern?
Jakob steht heute der Sinn nicht nach Unterricht. Ganz gleich, was die Lehrerin veranstaltet, sein Interesse schenkt er weder dem Sperling noch der Ente, sondern einzig seiner Nachbarin Lydia. Heiterkeitslaute ausstoßend, balgen sich die beiden auf dem Boden. Die Lehrerin stimmt „Guten Morgen, die Nacht ist zerronnen“ an, da wird es Jakob dann doch zu viel, und er stößt Lydia von sich. Mit disziplinarischen Konsequenzen müssen die beiden Unterrichtsverweigerer indes nicht rechnen. Lydia ist zehn, Jakob elf. Monate, wohlgemerkt.
Jakob kuschelt sich jetzt wieder in den Schoß seines Vaters Sebastian Botzem. Gemeinsam mit fünf weiteren Eltern und der Kursleiterin Antonia Beckmann singt der 37-Jährige das „Mäuselied“, zu dem die Erwachsenen eifrig gestikulieren. Die Babys fixieren ihre Eltern mit Blicken.
Baby-Signing als Kommunikationsform
Gerade findet in einem kommunalen Zentrum im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg die zweite Stunde eines Kurses in Baby-Signing statt. Das soll eine nonverbale Form der Kommunikation sein, die den Eltern einen Austausch mit ihren Sprösslingen ermöglicht, bevor diese sprechen. So bedeutet beispielsweise die Geste, bei der die Hand aufs Ohr gelegt wird, schlafen.
„Baby-Signing macht unglaublich viel Spaß“, schwärmt Sebastian Botzem, „und ich habe das Gefühl, dass es gut für die Bindung zwischen Jakob und mir ist.“ Der Politikwissenschafter in Elternzeit glaubt zudem: „Es soll auch für den Spracherwerb von Vorteil sein.“
Säuglinge lernen Englisch-Vokabeln
Willkommen in der Welt der frühkindlichen Förderung, in der kein Kind zu klein ist, um zu lernen. In der zwölf Wochen alte Säuglinge in Helen-Doron-Sprachschulen mit Englisch-Vokabeln beschallt werden, in der Kindergartenkinder, die die exklusiven Phorms-Einrichtungen in München und Berlin besuchen, in „Mathematik, Naturwissenschaften und Literacy“ eingeführt werden – bilingual in Englisch und Deutsch. Und in der Kinder im Münchner Shanghai-Institut, bevor sie Fahrrad fahren können, Chinesisch lernen. Alle Bildungsangebote verstehen sich als pädagogisch maßgeschneidert und „rein spielerisch“.
Warum glauben Eltern neuerdings, dass sich bereits im Windelalter entscheidet, ob ihr Nachwuchs später in Harvard promoviert oder bei Hartz IV landet? Sind hier „überfürsorgliche Mutterglucken“ am Werk, die auf die Tricks der „Mütterbeschäftigungsindustrie“ hereinfallen, wie die Autorin Jutta Hoffritz in ihrem Buch „Aufstand der Rabenmütter“ schreibt? Hat der Pisa-Schock eine kollektive Verunsicherung ausgelöst, die nun mit einer „Lern-Orgie“ kompensiert werden soll, wie der Journalist und Autor Klaus Werle („Die Perfektioner“) vermutet?
„Wir haben es hier mit Eltern aus der Mittelschicht zu tun, die ihre Bildungsnervosität mit allzu viel Aktionismus zu bekämpfen versuchen“, analysiert Soziologe Berthold Vogel von der Uni Kassel. Anstatt ein Milieu als gaga-elitär zu verunglimpfen, solle man lieber nach den Beweggründen suchen. In seinem Essay „Mittelklassedämmerung. Die Prekarität des Wohlstands“ beschreibt Vogel die Befindlichkeit der mittleren Schichten, die angesichts drohenden Arbeitsplatz- und damit einhergehenden Statusverlusts „von Zukunftsangst zerfurcht“ würden.
