Die Frage, ob Mesut Özil ein Deutscher ist, musste der gebürtige Gelsenkirchener in seinem Leben immer wieder beantworten. Noch öfter meinten andere, es für ihn tun zu dürfen.
Özil war das größte fußballerische Talent seiner Generation. Mit seinem linken Fuß öffnete er Räume, deren Existenz vorher niemand erahnen konnte. Als Spielmacher wurde er zum Taktgeber der deutschen Nationalmannschaft. Abseits des Platzes aber wurde er zur traurigen Hauptfigur einer Debatte über Integration und Zugehörigkeit, vom Helden zum Verräter – oder für manche eben auch umgekehrt. Wie sich Özil dabei seine ganze Karriere lang mit der Identität zweier Heimaten auseinandersetzen musste, wie er zur Projektionsfläche einer komplexen Debatte wurde, die oft auf eher unterkomplexem Niveau ablief, steht nun im Mittelpunkt einer neuen ZDF-Dokumentation des Filmemachers Florian Opitz. „Mesut Özil – Zu Gast bei Freunden“ heißt sie, wie das Motto der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, und deutet damit an, dass auch Mesut Özil, obwohl hier geboren, nur ein Gast in diesem Land gewesen sein wird.
Bei der WM im eigenen Land präsentierte sich die Bundesrepublik als weltoffen und selbstbewusst: Überall tauchten plötzlich schwarz-rot-goldene Flaggen auf. Den Deutschen hatte man 60 Jahre zuvor das Flaggenschwenken abgewöhnt; nun freuten sie sich, dass sie es nicht verlernt hatten. Nationalstolz und Toleranz – beides schien möglich. Die Flaggen sollten nicht mehr verschwinden, vor ihrem Hintergrund wird Özil seine größten Erfolge im Nationaltrikot feiern. Kurz nach der WM schnuppert Özil zum ersten Mal Bundesligaluft, am 12. August im Trikot von Schalke 04, ein Jahr später legt er die türkische Staatsbürgerschaft ab, um für Deutschland spielen zu können. Und lange sah es so aus, als ob es die richtige Antwort war, zumindest für ihn. Bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika hob er die Nationalmannschaft mit seiner Kreativität auf ein ungekannt spielerisches Niveau. Und als er sie mit seinem Tor gegen Ghana ins Achtelfinale schoss, musste ihn sogar die „Bild“-Zeitung, die ihn zuvor noch als „geldgierigen Jungstar“ beschimpfte, als Erlöser feiern.
Einer mit Ö im Namen
Zu zeigen, dass ihn auch damals schon nicht alle Deutschen dafür hielten, ist eines der großen Verdienste der Doku. Denn viele Deutsche hatten wenig Verständnis für Özils Entscheidung, für Deutschland zu spielen, vor allem die mit türkischen Eltern. Aber auch in der deutsch-türkischen Community gab es verschiedene Stimmen: „Ich habe das als Bekenntnis empfunden und fand’s cool, dass einer mit einem Ö im Namen in der deutschen Nationalmannschaft war“, erinnert sich die Journalistin Özlem Topçu. Ihrem Kollegen Volkan Ağar ging es anders: Er schildert, wie er damals das Türkeitrikot „mit Stolz getragen“ hat, als Protest und Trotzreaktion gegen die Ausgrenzung und Abwertung, die viele Deutschtürken empfanden. Und wie er dennoch damit haderte, als sich viele dieser Fans über den Verräter Özil erregten und damit alle Klischees über die „jungen, nichtintegrierten türkeistämmigen Jungs“ bewahrheiteten.
Als Angela Merkel Özil nach einem Spiel gegen die Türkei in der Kabine die Hand schüttelt, erreicht die gesellschaftliche Anerkennung für ihn einen Höhepunkt. Der Deutsche Fußballbund verbreitet das Foto als Beispiel gelungener Integration. Das Schulterklopfen nimmt so bizarre Formen an wie die Verleihung des „Bambi für Integration“, bei der Özil stockend eine auswendig gelernte Rede vorträgt. Aber die Erzählung von der gelungenen Integration war fragil, weil sie abhängig vom sportlichen Erfolg war. Als dieser zwei Jahre später bei der EM ausblieb, fiel den einschlägigen deutschen Fußballexperten plötzlich auf, dass Özil vor den Spielen die Nationalhymne nicht mitschmetterte. Deutschland war gegen Italien ausgeschieden, weil Özil nicht gesungen hat – so der Tenor. Die Doku kommentiert das sehr subtil, indem sie Bilder der komplett biodeutschen Nationalmannschaft von 1974 zeigt, in der auch kaum jemand die Hymne mitsang.
Checken, was auf dem Spiel steht
Özil selbst äußert sich nicht in dieser Dokumentation, er hat auf eine Anfrage nicht reagiert – zum Glück. Das bewahrt die Dokumentation vor den üblichen Fallstricken des Genres: leere Phrasen und gezielt positionierte Narrative. Stattdessen zeichnet Opitz mit Interviews mit den wichtigsten Wegbegleitern Özils und Journalisten ein nachdenkliches Porträt jener Zeit. Differenziert nähert er sich so der größten Zäsur in der Biographie Özils, die sogar den Weltmeistertitel von 2014 überschatten wird: Im Vorfeld der WM 2018 in Russland ließ sich Özil, gemeinsam mit seinem Nationalmannschafts-Kollegen İlkay Gündoğan, mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan ablichten, der zu diesem Zeitpunkt sein Land bereits autokratisch umgebaut hatte. Die Empörung war groß, zu Recht. Auch Özil hätte wissen müssen, was Erdoğan für ein „Gangster“ ist, sagt etwa der Journalist Denis Yücel, der erst drei Monate vor dem Foto aus türkischer Haft entlassen worden war. Auch Ağar konnte nicht nachvollziehen, dass Özil und Gündoğan „nicht checken, was auf dem Spiel steht“.
Aber Opitz’ Film zeigt auch, wie die Kritik in blanken Rassismus umschlug, in einem Ausmaß, das man heute schon wieder vergessen hat: Bei einem Testspiel gegen Saudi-Arabien in Leverkusen wird Gündoğan bei jedem Ballkontakt von den deutschen Fans ausgepfiffen, Özil steht gar nicht erst auf dem Platz. Und es sind nicht nur die Pegida-Demonstranten und AfD-Wähler, die nun ihrem Rassismus freien Lauf lassen: In der VIP-Lounge finden Leute „wie du und ich“, „diese Dreckstürken sollten nicht mehr für Deutschland spielen“, erinnert sich Özils Berater. Ein Münchner Theatermann forderte von Özil: „Verpiss dich nach Anatolien“, ein SPD-Politiker nennt ihn „Ziegenficker“. Es wurde nicht mehr über Verhalten, sondern über Zugehörigkeit verhandelt.

Und kaum jemand empörte sich über den fränkischen Rekordnationalspieler Lothar Matthäus, der sich bei der WM mit Wladimir Putin trifft und sich bei ihm für eine der besten Weltmeisterschaften bedankt, die er in 40 Jahren erlebt hat. Und der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel, der erst als moralische Instanz erscheint, die Werte nicht für sportlichen Erfolg opfern würde, erklärt in einer früheren Bundestagsrede: „Multikulti ist in Wahrheit Kuddelmuddel.“ Opitz stellt auch diese Doppelmoral elegant aus.
Ein Spiel ohne Gewinner
Die Ära Özil ist die brüchige Version der Ära Merkel. Özil hat gezeigt, wie weit das deutsche Selbstverständnis als Einwanderungsgesellschaft fortgeschritten war. Oder war das nur die Projektion einer Gesellschaft, die sich selbst gefallen wollte? Beides ist wahr. Erst vor Kurzem ist in Baden-Württemberg eines der höchsten Ämter, die dieser Staat zu vergeben hat, an einen Mann mit einem Ö im Namen gegangen.
Gewinner, sagt Per Mertesacker am Ende, gibt es in dieser Geschichte keine. Özil trat aus der Nationalmannschaft zurück, heute lebt er in der Türkei und hat sich nicht nur immer weiter von Deutschland entfremdet, sondern auch politisch radikalisiert: Er unterstützt die AKP, auf seiner Brust trägt er ein Tattoo der rechtsradikalen Grauen Wölfe. Opitz gelingt es, dieses Schicksal zu erzählen, ohne Özil zu glorifizieren. Mesut Özil ist nicht der Held seiner Geschichte.
Was er zu Özil sagen würde, wenn er ihn heute träfe, wird Volkan Ağar am Schluss gefragt. „Oh Mann, Mesut“, antwortet er. „Oh Mann, ey. Warum?“
Die Doku ist im ZDF-Streaming-Portal abrufbar und am Dienstag, 31. März 2026, 20.15 Uhr und 0.15 Uhr, im linearen ZDF zu sehen.
