
Der Albtraum beginnt um 22.50 Uhr. Bis dahin war es, wie man so schön sagt, ein ganz normaler Abend gewesen, genau genommen sogar ein richtig schöner. Meine Mutter und ich waren in der Alten Oper. Nach Beethoven und Rachmaninow überlegten wir kurz, ob wir mit dem Taxi nach Hause fahren sollten. „U-Bahn ist schneller“, sagte meine Mutter. Das sollte ein Trugschluss sein.
Wir sind eine zufällige Schicksalsgemeinschaft, die sich kurz darauf vor dem Aufzug an der U-Bahn-Station Holzhausenstraße unten am Gleis einfindet: eine schwangere Frau, zwei Männer, von denen einer eine leichte Gehbehinderung hatte, meine 84 Jahre alte Mutter und ich. Drei Menschen, denen es schwerfällt, Treppen zu steigen und die mit dem Aufzug hochfahren wollten, zwei Menschen als Begleitung. Ich drücke auf den Knopf „Straße“. „Tür schließt“, tönt eine mechanische, weibliche Stimme aus einem unsichtbaren Lautsprecher. Nur Sekunden später rumpelt der Aufzug heftig und bleibt stehen, zwischen zwei Geschossen.
Die Notruftaste funktioniert nicht
Für Menschen wie meine Mutter ist Mobilität ein großes Thema. Vor allem, dass diese immer weiter eingeschränkt wird. Meldungen dazu gibt es ständig. Aufzüge außer Betrieb an der Hauptwache, kaputte Rolltreppen am Hauptbahnhof oder am Flughafen, von wo mir ein Kollege kürzlich von amerikanischen Passagieren berichtete, die ihre Riesenkoffer die Treppen hochschleppen mussten und „Service Desert Germany“ so schnell nicht vergessen werden. Auch jener Aufzug an der Holzhausenstraße ist am Wochenende gerade mal wieder außer Betrieb gewesen. Es hätte uns eine Warnung sein müssen.
Jetzt sitzen wir in dem Aufzug fest und drückten die Notruftaste, die aber offensichtlich nicht funktioniert. Nirgends steht eine Notrufnummer. Also rufen wir die Polizei an, die auch schnell kommt – gefolgt von Feuerwehrleuten und Sanitätern. „Jetzt geht bestimmt alles ganz schnell“, reden wir uns gut zu. Einer der beiden Männer im Aufzug beginnt damit, Sudoku-Rätsel zu lösen, die er zufällig dabeihat. Das hat für uns alle etwas Beruhigendes. Unten in Fußhöhe können wir gerade noch durch die Verglasung den Bahnsteig sehen und die Feuerwehrmänner dabei beobachten, wie sie hin und her laufen und in unsere Richtung die Daumen nach oben strecken.
Schließlich bekommen sie vom oberen Geschoss aus irgendwie die Tür des Aufzugs auf. Aber von der Außenwelt trennen uns nun immer noch eine Betonmauer und darunter eine Panzerglasscheibe. Immerhin erreicht uns trotzdem etwas mehr oder weniger frische Luft durch den schmalen Schlitz zwischen Schacht und Aufzug. Die Feuerwehrleute reichen uns von oben Wasser und beruhigten uns: „Der Techniker der VGF ist in zehn Minuten da.“
Bei der Aufzugfirma ist niemand zu erreichen
Ich bekomme leicht klaustrophobische Anwandlungen, halte mich aber an den Sudoku-Spieler, der gleich am Anfang die Losung an die Truppe ausgegeben hat: „Wir sollten Ruhe bewahren.“ Durch das Fenster können wir dann tatsächlich den Techniker der VGF sehen, wie er die Lage sondiert. Ich meine, eine gewisse Ratlosigkeit in seinem Gesichtsausdruck erkennen zu können – und liege mit dieser Analyse leider richtig. „Wir kriegen den Aufzug nicht in Gang“, teilt uns wenig später einer der Feuerwehrmänner von oben durch den Schlitz mit. Inzwischen sind wir seit mehr als einer Stunde in dem etwa zweimal zwei Meter großen Aufzug gefangen. Später sagt man uns, die Einsatzkräfte hätten noch versucht, jemanden von der Aufzugfirma zu kontaktieren – vergeblich.
Uns wird langsam heiß. Noch mehr zu trinken, ist aber keine Option, schließlich weiß keiner von uns, wann wir das nächste Mal auf eine Toilette gehen können. Neidisch blicken wir auf die Menschen, die immer wieder aus den heranfahrenden Zügen steigen und einfach so nach Hause gehen. Mir kommen Schlagzeilen in den Sinn: „Frau 19 Stunden in Aufzug gefangen“.
Dann die nächste Durchsage der Feuerwehr: „Wir werden jetzt die Panzerglasscheibe zertrümmern und sie mit einer Leiter rausholen.“ Meiner Mutter, die bis dahin alles gut mitgemacht hat, fährt der Schreck in die Glieder. Klaustrophobie ist nicht ihr Thema, Höhenangst schon.
Man reicht uns Masken durch den Schlitz, wir setzen uns zur Sicherheit alle vorhandenen Brillen auf, um keine Glassplitter abzubekommen. Unsere Schicksalsgemeinschaft drängt sich zusammen und schließt die Augen, während das ohrenbetäubende Gehämmer losbricht. Es kommt mir ein bisschen vor wie beim Zahnarzt. Wann ist es endlich vorbei? Ist der Zahn jetzt draußen? Kann ich endlich gehen?
„Sie können sich umdrehen“, teilen uns die Feuerwehrmänner nach einer halben Ewigkeit mit. Inzwischen sind knapp zwei Stunden vergangen, seit wir nichts ahnend in den Aufzug gestiegen sind. Ein Feuerwehrmann kommt zu uns herunter in die Kabine. Die folgende Evakuierung geht dann relativ schnell vonstatten, auch meine Mutter schafft es, unbeschadet die Leiter herunterzuklettern. Wir fallen uns alle in die Arme, wie Gerettete nach einem Grubenunglück, und bedanken uns bei den Feuerwehrleuten, der Polizei und den Sanitätern. Sie alle haben einen guten Job gemacht und uns am Ende wohlbehalten rausgeholt.
Das Vertrauen in die Infrastruktur aber, in das „System Deutschland“, das über Jahrzehnte so gut funktioniert hat, haben wir an diesem Abend ein Stück weit verloren. Warum sind Aufzüge und Rolltreppen ständig kaputt? Warum funktioniert der Notruf nicht? Warum hat eine Aufzugfirma keinen Notdienst? Meine Mutter wird von nun an die Aufzüge in ihrer U-Bahn-Station meiden und sich stattdessen die Treppen hoch- und runterquälen. Komme, was wolle.
