Gerade möchte Howard Carpendale im letzten Konzertdrittel einen weiteren seiner Golden-Oldies-Titel anstimmen, da dröhnt es aus den Sitzreihen einer kleinen Gruppe: „Happy Birthday to you …!“ Gut hörbar, da richtig schön laut gesungen. Carpendale blickt kurz auf, grinst dezent und sagt: „Mein 80. Geburtstag war schon vor drei Monaten.“ Recht hat er: Am 14. Januar 1946 kam die blonde Schlagerikone im südafrikanischen Durban zur Welt. Und seit er 1966 das erste Mal in Nachtlokalen in Düsseldorf und Norddeich aufgetreten ist, gehört er zu den Stars der deutschen Schlagerzunft. Nun, 60 Jahre später, befindet sich der einstige Elvis-Imitator auf einer ganz besonderen Gastspielreise: „Meine Abschiedstournee“.
Doch anders als vor einigen Jahren, als er wiederkam, meint er es dieses Mal tatsächlich ernst. Howard Carpendale hört auf. Jedenfalls mit großen Tourneen. Einzelne Auftritte wären aber weiterhin möglich, wirft er vorsichtshalber ein. Um die Zäsur angemessen zu feiern, hakt er mit seinem Orchester, 16 exzellenten Musikern, akribisch eine 32 Songs lange Liste ab. Mit 80 will das was heißen. Los geht es also, nach einem futuristischen Techno-Intro, mit „Let’s Do It Again!“. In der ersten Konzerthälfte findet sich bis auf das zarte „Fremde oder Freunde“, „Tür an Tür mit Alice“ samt vom Publikum hysterisch gebrülltem „Who the fuck is Alice?“ sowie dem originell umgetexteten Udo-Jürgens-Gassenhauer „Ich war noch niemals in New York“ hauptsächlich Meterware einer langen Karriere. Wobei „Emotionen“, „Du bist das Letzte …“, „Unter einem Himmel“ und „Eine Nacht in New York City“ schon starkes Material abgeben.

Zwischendurch erfährt die mal sitzende, mal stehende Besucherschar von Howard Carpendale, der ebenfalls ab und an auf einem Barhocker sitzt, allerlei: recht lustige bis ziemlich ernste Geschichten, diverse gar nicht so unkomische Witze, ein Bekenntnis über seine seit Jahrzehnten glückliche Ehe mit seiner ebenfalls in der Festhalle anwesenden Frau Donnice Pierce und auch, wie ernst derzeit die Lage auf unserem Planeten Erde sei. Diesem Thema widmet Howard Carpendale gar einen erstklassigen Protestsong namens „Ihr Großen dieser Erde“ mit der denkwürdigen Schlusszeile „Bedenkt: Wer uns den Frieden schenkt, der wird der Größte sein“.
„Wer uns den Frieden schenkt, der wird der Größte sein“
Nach einer halbstündigen Pause gerät Carpendale samt seiner Truppe so richtig in Fahrt. Knapp 20 Evergreens feuert er locker aus der Hüfte raus, allesamt ikonisch arrangiert. Ein stürmisch inszeniertes „Hello Again!“ macht den Anfang, und angesichts der Hitfülle befindet sich das Publikum bereits in kollektiver Schnappatmung. Zumal nun auch der Platz direkt vor der Bühne von der strengen Security freigegeben wird. Da lässt es sich mit „Das ist unsere Zeit“, „Das alles bin ich“, „Wie frei willst du sein“, „Samstag Nacht“, „Wem (erzählst du nach mir deine Träume)“ und „Deine Spuren im Sand“ so richtig schwofen, die Hüften kreisen, es wird energisch mitgeklatscht. Für die finalen Songs gerät die gesamte Festhalle in eine Zeitschleife. Nicht jeden Tag gibt der blonde Hüne schließlich ein Abschiedskonzert. Ob „Laura Jane“ und „Das schöne Mädchen von Seite 1“, ob „Nachts, wenn alles schläft“ oder „Ti amo“, es gibt nichts Schöneres, als zu schwelgen.
Für seinen endgültigen Abgang hat sich Howard Carpendale noch etwas Besonderes ausgedacht: Nachdem er sämtliche Musiker mit inniger Umarmung verabschiedet hat, greifen sein Keyboarder und er zu einem ganz besonderen Dankeschön an die Fangemeinde, der „Symphonie meines Lebens“ mit den Zeilen „Die Symphonie meines Lebens bleibt da. Tief in unseren Herzen lebt sie weiter, unsere Zeit“. Ein letztes Winken, dann ist Howard Carpendale endgültig in den Kulissen verschwunden.
