Vor fast drei Jahren brannten Frankreichs Vorstädte. Ein inzwischen verurteilter Polizist hatte in Nanterre einen Minderjährigen erschossen. Damals zeigte DIE ZEIT Bilder des Fotografen William Keo, der selbst in einem Pariser Vorort aufwuchs. Heute ehrt die Jury des renommierten “World Press Photo Awards” Keos Langzeitprojekt über Orte, die kaum ein Fotograf betritt: die verarmten, zubetonierten und vernachlässigten Viertel am Rande der Großstädte.
ZEIT ONLINE: Die
französische Regierung sagt, die jüngsten Aufstände seien vorüber. Sie wohnen
im Vorort Saint-Denis und dokumentieren dort den Alltag. Ist der Ausnahmezustand beendet?
William Keo: Die Nächte sind ruhiger geworden, aber die Wut ist
noch da. Am meisten diskutiert wird derzeit über den Spendenaufruf eines
Rechtsextremisten für den Polizisten, der Nahel erschossen hat. Rund eine
Million Euro sind zusammengekommen – für jemanden, der wegen Totschlags in
Untersuchungshaft sitzt.
ZEIT ONLINE: Wie wird darüber gesprochen?
Keo: Viele scherzen: Willst du Millionär werden? Dann werde
Polizist und erschieße einen Jugendlichen aus der Vorstadt.
Es ist eine Schande und eine
Ohrfeige für die Jugendlichen. Dieser Spendenaufruf führt zu einem Gefühl der
Hilflosigkeit. Ebenso die Beschimpfungen durch Polizei und Rechtsextreme der
Vorstadtbewohner als Schädlinge und Gangster.
ZEIT ONLINE: Der Auslöser
der Aufstände war die Tötung eines Minderjährigen durch die Polizei.
Keo: Konflikte mit den Beamten sind Alltag, aber sie
werden nicht dokumentiert. Die Erschießung von Nahel ist ein seltener Fall,
denn der polizeiliche Übergriff wurde festgehalten. Zwei Wochen vorher
war ein junger Mann von der Polizei in Angoulême erschossen worden, ohne dass
sich irgendein Medium darum gekümmert hätte. Erst
jetzt wird darüber gesprochen. Diese Gewalt ist Alltag.
ZEIT ONLINE: Haben Sie in Ihrer Jugend Polizeigewalt erlebt?
Keo: Mit meinen asiatischen Wurzeln war ich weniger im
Fokus der Polizei, meine Eltern stammen aus Kambodscha. Es gibt eine Hierarchie
des polizeilichen Rassismus: Je dunkler die Hautfarbe eines Menschen, desto
häufiger wird er kontrolliert. Ich war häufig dabei, wie meine nicht weißen
Kumpel mitten am Tag von der Polizei angehalten wurden, ohne Anlass. Sie wurden
gegen die Hauswand oder ein Polizeiauto gestellt, mussten ihre Hände hochhalten
und sich von Kopf bis Fuß durchsuchen lassen. Das ist erniedrigend.
ZEIT ONLINE: Auch Jugendliche treten häufig aggressiv auf.
Keo: Mit der Polizei in den Vororten kann man kaum
sprechen, die Jugendlichen haben auch keine Lust mehr dazu. Die Polizeibeamten
sind gewalttätig. Viele von ihnen kommen aus französischen Dörfern und haben
keine Erfahrung mit nicht weißen Menschen. Sie haben keine Ahnung von den
vielen, sehr diversen Lebensläufen der Familien dort. Sie verstehen die
Vorstädte nicht und halten alle Menschen dort für kriminell.
ZEIT ONLINE: Viele Soziologen und Historikerinnen sprechen von
Kolonialismus, um die Verhältnisse in den Vorstädten zu beschreiben. Wie sehen
Sie das?
Keo: Die Vorstädte sind ein Spiegelbild französischer
Kolonialgeschichte. Dort leben viele Menschen aus den
ehemals unterdrückten Gebieten – aus Indochina, Algerien, Tunesien oder dem
Senegal. Aber die Regierung weigert sich anzuerkennen, wie traumatisch es ist,
aus einer ehemaligen Kolonie nach Frankreich zu kommen und dann einer
gewalttätigen Polizei gegenüberzustehen.
ZEIT ONLINE: Die Regierung hat in den vergangenen Jahren in die
Vorstädte investiert, hat Häuser renoviert, Bibliotheken und Buslinien
geschaffen. Hat das nicht geholfen?
Keo: Wir sprechen hier von Vierteln mit Millionen von
Bewohnern. Die Schulen sind in einem schlechten Zustand, die Bibliotheken sind
klein und arm, das öffentliche Angebot ist erbärmlich. Die Notaufnahme in Saint-Denis ist ein furchtbarer Ort: Die Pfleger und Ärzte sind überfordert, die
Menschen müssen nächtelang auf Bahren in den Fluren schlafen.
Sicherheitspersonal bewacht alle Eingänge, kürzlich wurde sogar ein Mensch im
Wartesaal erstochen. Das ist das Angebot, das die Einwohner hier vom Staat
sehen.
Wenn ich in Kriegsgebiete
fahre, in Sudan, in den Irak, nach Syrien oder in die Ukraine, dann gucke ich
mir zuerst die staatlichen Einrichtungen an: An ihnen ist abzulesen, ob der
Staat noch funktioniert, ob er anerkannt ist, ob es noch Polizeiwachen, Schwimmbäder
oder Postfilialen gibt und wie die Schulen aussehen.
ZEIT ONLINE: Wie ist die Situation in Nanterre, wo der Jugendliche
Nahel erschossen wurde?
Keo: In Nanterre oder Saint-Denis sind diese Einrichtungen
viel schlechter, dreckiger, maroder als in Paris – oder nicht mehr vorhanden.
Der Staat ist abwesend. Am stärksten betroffen sind die Geflüchteten. Sie
wurden 2017 von Emmanuel Macron aus Paris in die Vororte vertrieben und sich
selbst überlassen. Während einige rechts regierte, reichere Kommunen regelmäßig
Flüchtlingsheime verhindern, schert es niemanden, dass in den Vororten Hunderte
Flüchtlinge in verlassenen Supermärkten oder Baracken hausen.
ZEIT ONLINE: Polizei und auch Einwohner sagen, der abwesende Staat
sei in vielen Vororten durch ein System des Drogenhandels ersetzt worden.
Keo: Das Absurde ist: Der Drogenhandel hat die Vorstädte
friedlicher gemacht. Vor 15 Jahren gab es Handtaschenraube, Überfälle, die
Armen raubten andere Arme aus. Das ist heute vorbei. Wir wissen alle, dass
Drogen gefährlich sind und das Geschäft brutal läuft. Aber der Drogenhandel hat
Strukturen geschaffen. Damit das Geschäft funktioniert, damit Kunden auch aus
Paris zum Einkaufen kommen, muss es friedlich sein. Ein Mord oder Überfall
zerstört das Geschäft. Die Dealer sorgen dafür, dass heute weniger passiert als
früher.
ZEIT ONLINE: Wie sehen die Bewohnerinnen und Bewohner das?
Keo: Sie nehmen, was sie kriegen können. Sie werden Teil
des Systems – es gibt ja kein alternatives. Für die Jugend bleibt die
Langeweile das vorherrschende Gefühl. Man geht raus, trifft andere Jugendliche,
hängt rum. Ich habe Sport gemacht, die Sportvereine dort sind enorm wichtig, da
hatten wir wenigstens dreimal in der Woche unser Training. Mein Verein kostete
60 Euro Mitgliedsbeitrag im Jahr, das ist der günstigste Beitrag in ganz
Frankreich. Einmal im Jahr sind wir mit der Schule nach Paris gefahren, in eine
andere Welt. Dabei machen meine Nachbarn essenzielle Jobs für die ganze
Gesellschaft, sie sind Kanalarbeiter, malochen auf Baustellen, im Altenheim,
viele sind Busfahrer.
ZEIT ONLINE: Wieso gehen die Jugendlichen tagsüber nicht woanders
hin?
Keo: Eine Vorstadt ist wie ein mentales Gefängnis. Die
Leute bleiben unter sich, gehen nicht raus. Was viele Wohlhabende
unterschätzen, ist, dass es ohne Geld keinen Plan B gibt. Die Busse und Regionalzüge
von den Vorstädten aus sind sehr unzuverlässig, ständig fallen sie aus. Niemand
kann sich dann ein Taxi leisten, die Leute müssen zu Fuß zurücklaufen,
stundenlang.
Aber die Gemeinschaft ist
stark, es gibt auch schöne Seiten im Alltag. Die gemeinsamen Feste, etwa nach
Ramadan, das gemeinsame Kuchenessen und Grillen, die Spiele im Fußballclub. So
etwas müsste der Staat jetzt fördern, die Vereine, die Verbindungen schaffen,
Mediatoren, die diskutieren.
ZEIT ONLINE: Sie beschreiben die Cités als Raum, aus dem
kein Entkommen ist. The place not to be heißt eine Ihrer Fotoserien. Wie sind Sie ein
gefragter Fotograf geworden?
Keo: Vor allem weil meine Eltern in ein sogenanntes
Pavillon-Viertel gezogen sind, mit kleinen Häusern, vor der Stadt. Meine Mutter
ist Näherin, mein Vater war Verlader in einer Autofabrik, meine Eltern haben
alles getan, um uns eine zweite Chance zu geben.
Als ich aus dem Hochhaus raus
war, hat sich mein Radius erweitert, ich dachte, wow, die Welt ist groß. Dann
konnte ich mich hocharbeiten, habe Werbedesign studiert, für NGOs in
Krisengebieten gearbeitet. Meine Lehrer haben mir aber immer dazu geraten,
meine Herkunft zu verheimlichen und auf Bewerbungen nur eine Telefonnummer zu
schreiben, keine Adresse. Dabei wäre es
gut, wenn mehr Leute aus den Vororten auf anderen Posten säßen, warum nicht
auch in der Regierung? Vielleicht hätten die Aufstände der vergangenen Tage so
verhindert werden können.
Interview: Annika Joeres
Bildredaktion: Tina Ahrens
