
An einer Grundschule in Hessen trällert ein Mädchen das Marschlied „Erika“. Was harmlos klingt („Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein“), hat seinen Ursprung in der nationalsozialistischen Propaganda und ist darum bis heute in der rechten Szene beliebt. Ein Neuntklässler in Hessen krakelt eine Skizze von Auschwitz in sein Heft, versehen mit Hakenkreuzen. Der Rechtsextremismus hat in Hessen auch die Schulen erreicht.
Woher haben sie das? Die Kinder antworten, sie seien durch die sozialen Netzwerke an solche Inhalte gewöhnt. Denn sogenannte Memes und Beiträge, die den Rechtsextremismus verharmlosen, gibt es auf Tiktok und anderen Kanälen zuhauf. Experten sprechen auch von der Tiktokisierung des Rechtsextremismus. Damit die Lehrer diese Formen und Inhalte erkennen und die Kinder vor den Gefahren der Radikalisierung schützen können, bieten die Staatlichen Schulämter nun Fortbildungen an.
„Seit 2023 beobachten wir, dass die Zahlen radikalisierter Minderjähriger deutlich steigen“, sagt Sven Daniel, der das Kompetenzzentrum Rechtsextremismus des Landesamts für Verfassungsschutz leitet. Und die radikalisierten Schüler werden immer jünger. Er spricht von einer „Speedradikalisierung“, denn es sei in der virtuellen Welt einfach, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Die Schüler geraten im Netz entsprechend schnell in Gruppen, die sich radikalisieren und dann in die analoge Welt übergehen.
Schon mit 14 Jahren in der Terrorgruppe
Seit 2024 beobachtet der Verfassungsschutz, dass sich neue gewalt- und aktionsorientierte Jugendgruppen bilden. „Der gewaltbereite, subkulturelle Rechtsextremismus ist zurück“, sagt Daniel. Diese Gruppen heißen beispielsweise „Jung + Stark“, „Deutsche Jugend Voran“ oder „Störtrupp“. Ihre Methoden zielen auf Gemeinschaftserlebnisse ab: Die jungen Leute werden zum Wandern oder zum Kampfsport eingeladen. Und in der rechtsextremistischen Terrorgruppe „Letzte Verteidigungswelle“, gegen die die Bundesanwaltschaft Anklage erhoben hat, war auch ein Vierzehnjähriger aus dem mittelhessischen Haiger aktiv.
Die Gruppen hätten zum Teil zwei- bis dreistellige Mitgliederzahlen, berichtet Daniel. Ihre Feindbilder: queere Menschen, die linke Szene, Personen mit Migrationshintergrund. Allerdings seien die Jugendlichen, die in die Fänge dieser Gruppen geraten, in der Regel ideologisch noch nicht so gefestigt, dass kein Ausstieg mehr möglich ist.
Die Nazis von heute tragen nur noch selten Springerstiefel. Was die Kinder in den sozialen Netzwerken sehen, soll harmlos oder witzig wirken. „Rechtsextremisten sind Medienprofis“, sagt Daniel und zeigt Beispiele. Ein Beitrag besteht aus Fotos von Adolf Hitler, der seinen Schäferhund streichelt. Auf den Fotos erscheinen Kussmünder, unterlegt mit einem populären Rap-Song.
Lehrer werden auf rechtsradikale Codes aufmerksam gemacht
„Wir wollen Lehrer fortbilden, damit sie selbst Präventionsarbeit leisten können“, sagt Daniel. Zu der Fortbildung gehört deshalb auch, die Lehrer auf versteckte Erkennungszeichen und Symbole aufmerksam zu machen. Einige Rechtsradikale verwenden zum Beispiel das Taucher-Zeichen, den mit Zeigefinger und Daumen gebildeten Kreis, der in dieser Szene für „White Power“ steht. Und zwei Blitze in der Chatgruppe stehen für die SS.
Lea Plavcic vom Kompetenzzentrum Rechtsextremismus hat schon etliche Workshops an Schulen organisiert. 2025 haben sie und ihre Kollegen 85 derartige Fortbildungen gehalten, mit dem Schwerpunkt auf Rechtsextremismus in den sozialen Medien. Die Zielgruppe sind siebte bis neunte Klassen, besonders an Haupt- und Realschulen, aber auch in anderen Schulformen. Den Urhebern der Videos und Memes gehe es darum, einen rechtsextremen „Lifestyle“ zu verbreiten, sagt Plavcic. Sie verbreiten Rechtsrock-Lieder oder rechtsradikale Ballermann-Hits und zeigen völkische KI-Memes von Wilhelm Kachel. Die Workshops sind auf vier bis sechs Schulstunden ausgelegt und sollen von allen Schulämtern in Hessen für weiterführende Schulen angeboten werden.
Mit dem Workshop für Lehrkräfte wollen das hessische Innen- und Kultusministerium sowie der Verfassungsschutz des Landes die Lehrer und Schüler für den wachsenden Rechtsextremismus in sozialen Netzwerken sensibilisieren. Die Behörden haben auch eine Unterrichtseinheit konzipiert, die im Staatlichen Schulamt Frankfurt vor rund 50 Lehrern von weiterführenden Schulen vorgestellt wurde.
Rechtsradikalismus ohne Springerstiefel, aber mit Musik und Lifestyle
So will die Landesregierung gegen die zunehmende Radikalisierung vor allem junger Menschen im Netz vorgehen. Ziel ist es, die Lehrkräfte zu schulen, um Tendenzen frühzeitig zu erkennen, einzuordnen und angemessen darauf reagieren zu können. Die erarbeiteten Konzepte sollen Schüler für rechtsextremistische Erscheinungen und Strategien in sozialen Medien sensibilisieren, ihre Medienkompetenz stärken und Handlungskompetenzen fördern.
„Die Zukunft dieses Landes befindet sich in den Klassenzimmern. Die Schulen bilden die Grundlage dafür, dass wir weiterhin eine stabile Demokratie in Hessen haben“, sagt Kultusminister Armin Schwarz (CDU) vor den Lehrern in Frankfurt. Der Rechtsextremismus sei der Feind der Demokratie, die Schulen müssten bei der Bekämpfung unterstützt werden. Laut Umfragen kämen 40 Prozent der Schüler mit rechtsradikalen Inhalten im Internet in Berührung. „Der Rechtsextremismus kommt nicht mehr offensichtlich in Springerstiefeln daher, sondern subtil mit Musik und Lifestyle“, sagt Schwarz.
Innenminister Roman Poseck (CDU) berichtet, dass immer häufiger Einzelfälle an den Schulen spielen. „Auch dort versuchen Extremisten anzudocken.“ Jede Form des Extremismus sei ein Angriff auf die Demokratie, egal ob von rechts oder links. „Aber der Rechtsextremismus ist die größte Gefahr. Er ist weit in die Mitte der Gesellschaft und in die Parlamente vorgedrungen.“
