Es entspricht dem Wesen von Wissenschaftlern zu zweifeln. Varun Venkataramani scheint darin ziemlich gut zu sein. Er sagt Sätze wie „Das war ein totaler Zufallsfund“, „Ich war sehr skeptisch, ob das so stimmen kann“ oder „Nein, das wissen wir nicht, wir vermuten das“. Auch deshalb ist er wahrscheinlich solch ein herausragender Wissenschaftler.
An diesem Wochenende erhält der 36 Jahre alte Facharzt für Neurologie, doppelt promoviert in Medizin und Biologie, in der Frankfurter Paulskirche den Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Nachwuchspreis, eine der renommiertesten Auszeichnungen in der Medizin. Es ist nicht die erste hochkarätige Würdigung für Venkataramani und seine Entdeckung, die Menschen mit einem Glioblastom, einem bislang unheilbaren, besonders schnell wachsenden Gehirntumor, Hoffnung geben kann.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Varun Venkataramani, 1989 in Hannover als Sohn eines aus Indien eingewanderten Paares geboren, beschäftigte sich im Rahmen seiner medizinischen Promotion zunächst mit Grundlagenforschung. Detailliert wollte er wissen: Wie sehen Synapsen – das sind Verbindungen zwischen Nervenzellen im Gehirn, die der Informationsübertragung dienen – aus? Einer seiner Mentoren, ein Neuroonkologe, fragte, ob Venkataramani mit den hochauflösenden mikroskopischen Techniken, die der Doktorand zur Darstellung der Synapsen entwickelt hatte, auch die Tumorzellen von Glioblastomen besser darstellen könne.
Er entdeckte eine ungewöhnliche Synapsenbildung
Was Venkataramani daraufhin entdeckte, im Jahr 2015, war der erwähnte Zufallsfund. Er beobachtete etwas, was er zunächst nur als „verrückt“ wahrnahm: dass sich Synapsen auch zwischen Nervenzellen und Tumorzellen, den sogenannten Glioblastomzellen, entwickelten. Das war zuvor niemandem aufgefallen beziehungsweise niemand hatte diese ungewöhnliche Synapsenbildung systematisch dokumentiert und analysiert. Genau das tat nun der Promovierende und stellte fest: „Die Tumorzellen nutzen die Nervenzellkontakte aus, um das Wachstum und die Invasion ins Gehirn voranzutreiben.“ Damit beschreibt er eine der besonderen Härten beim Glioblastom: Bei Diagnosestellung sind die Tumorzellen in aller Regel bereits im gesamten Gehirn verbreitet. Fünf Jahre nach der Diagnose lebt praktisch keiner der Patienten mehr.

Venkataramanis Entdeckung, die er 2019 in einem Artikel in der britischen Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlichte, begründete das neue wissenschaftliche Forschungsfeld „Cancer Neuroscience“, an dem seitdem vor allem in Heidelberg und in Stanford parallel gearbeitet wird. Venkataramani leitet die 20-köpfige Forschungsgruppe an der Neurologischen Klinik in Heidelberg, wo er auch als Arzt tätig ist. „Die Zeit zwischen Klinik und Labor ist manchmal knapp, aber die Fragen, die Patienten aufwerfen, sind der beste Antrieb, den ich mir als Wissenschaftler wünschen kann.“ Zum Ausgleich schwimmt und joggt der Neurologe, der mit Frau und Tochter in Heidelberg lebt.
Für eine Studie werden bereits Patienten rekrutiert
Momentan beschäftigt sich die Gruppe mit Methoden, „mit denen wir versuchen, die verbundenen Nervenzellen und Tumorzellen zu diskonnektieren“. Für die Überprüfung einer der Methoden werden bereits Patienten rekrutiert. Eine Studie soll herausfinden, ob ein Antiepileptikum einen Effekt auf das Tumorwachstum haben kann. Venkataramani hofft, dass ihre Forschung ähnliche Erfolge in der Krebsbehandlung erzielen kann wie die Immuntherapie, die vor 20 Jahren noch ein totales Nischenfeld war.
Die 60.000 Euro Preisgeld, die Varun Venkataramani von der Paul-Ehrlich-Stiftung erhält, wird er als „Hochrisikokapital“ einsetzen, um mit seinen Mitstreitern die Freiheit zu haben, die er selbst bereits einmal genossen hat: experimentieren zu können, wenn ihnen erneut etwas so Verrücktes wie diese perfiden, die Nervenzellen ausnutzenden Glioblastomzellen unterkommen sollte.
