Es war das erfolgreichste Quartett in diesem Formel-1-Jahrzehnt: Christian Horner, Adrian Newey, Jonathan Wheatley und Max Verstappen waren über vier Jahre hinweg die Strahlemänner der Königsklasse, folgten mit Red Bull Racing dem Seriensieger Mercedes nach. Jetzt, wo alle bis auf den Fahrer den Getränkerennstall verlassen haben, sind sie alle gleichermaßen verzweifelt. Ihre Schicksale verknüpfen sich mit dem Team des Milliardärs Lawrence Stroll, allerdings ist die unter dem berühmten britischen Racing Green antretende Truppe von Aston Martin jene im Starterfeld, die derzeit den größten Nachholbedarf hat.
Es wäre überhaupt schon ein Erfolg, wenn Fernando Alonso und Lance Stroll beim Großen Preis von Japan an diesem Sonntag (7.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei Sky) überhaupt die Zielflagge sehen würden. Aber selbst wenn sie die Minimalanforderung erfüllen könnten, dürfte das Chaos nur bedingt gelindert werden. Von einer sportlich-technischen Perspektive ist die bislang so ambitioniert und aggressiv auftretende Truppe noch deutlich weiter entfernt.
Für Eigner Lawrence Stroll ist der Rennstall ein Investment, bei dem sich der Return schon längst hätte abzeichnen sollen. Spätestens mit der Verpflichtung des als Design-Guru verehrten Adrian Newey sollten sich die Dinge nach dem Reglementschnitt endlich zum Besseren, wenn nicht zum Besten wenden. Weltmeistermacher Newey aber traf in Silverstone auf einen Teamchef namens Andy Cowell, vormalig Motorenmanager bei Mercedes.
Die beiden Briten konnten nicht miteinander, was auch mit Neweys aus McLaren-Zeiten stammender Abneigung gegen jedwede einengende Kontrollstrukturen für seine kreative Arbeit zu tun gehabt haben dürfte. Fachmann Cowell wurde auf einen Posten mit dem schönen Titel Chief Strategy Officer weggelobt und dem eher menschenscheuen Newey auch noch der Job als Teamchef aufgehalst. Dessen Unwohlsein und die Gefahr der Arbeitsüberlastung waren von Anfang her evident, weshalb sich der bei Red Bull geschasste Kommandeur Christian Horner mehrmals mit Stroll senior traf, um seine Expertise anzudienen.

Aber auch zwischen Horner und Newey war offenbar einiges vorgefallen, die Wiedervereinigung kam nicht zustande. Vermutlich auch im Hinblick auf eine mögliche zukünftige Verpflichtung des noch bei Red Bull verbliebenen viermaligen Weltmeisters Max Verstappen, der derzeit zu den unglücklichsten Fahrern im Feld zählt und kein Horner-Freund ist.
Wheatly als Kandidat bei Aston Martin?
Seit sich Ende vergangener Woche Audis Teamchef Jonathan Wheatley offenbar desillusioniert und überhastet nach nicht einmal einem Jahr aus seiner Rolle beim neuen deutschen Konzernrennstall verabschiedete, wird der Brite als potentieller Kandidat dafür gehandelt, Aston Martin wieder auf Kurs zu bringen. Eine Einigung über Sperrfristen, Ablösen, Machtbefugnisse und Entlohnung vorausgesetzt. Wheatleys Expertise wäre vermutlich genau die richtige, Aston Martin braucht einen Krisenmanager, um den dringend notwendigen Befreiungsschlag einzuleiten. Zumal einen, der über Erfahrung im Umgang mit Honda verfügt.
Der japanische Motorenhersteller wird von Adrian Newey explizit für die Probleme mit dem AMR 26 verantwortlich gemacht. Die Vibrationen, die von der Antriebseinheit stammen, sind so groß, dass die Fahrer über eine längere Distanz kaum das Lenkrad halten können. Dazu gesellt sich die mangelnde Leistungsfähigkeit der in dieser Saison entscheidenden Batterie im Rennwagen. Schon beim Saisonauftakt in Melbourne hatte Newey seine eigene Konstruktion für sakrosankt erklärt: „Ich fühle mich irgendwie ein bisschen machtlos, denn wir haben ganz klar ein sehr großes Problem mit der Antriebseinheit. Da wir nicht fahren können, lernen wir gleichzeitig auch nichts über das Auto.“
Bei seinen Rennwagen legt der 67-Jährige stets einen besonderen Wert auf die Ästhetik, sein Design ist zugleich Ausdruck eines Machtanspruchs: Die Physik habe sich nach den Entwürfen zu richten, was Motoren-Ingenieure nicht zum ersten Mal in die Bredouille bringt. Die Unwägbarkeiten des so radikalen Reglementeinschnitts, bei dem alle Techniker gerade enorm dazulernen müssen, kommen noch hinzu.
Ohne Teamwork geht es nicht
Die technische Lage mag so schlimm sein, dass Newey dem Motorenlieferanten bereits empfiehlt, sich mit den Aggregaten für 2027 zu beschäftigen, und damit die Saison schon abgeschrieben hat, bevor sie richtig losgeht. Aber gefährlicher noch ist die Gefahr einer Spaltung des Rennstalls. Die Frage, was wichtiger ist im Motorsport, Auto oder Motor, entspricht etwa jener nach der Henne und dem Ei. Ohne Teamwork geht es nicht, was Hondas Sportchef Koji Watanabe am Freitag in Suzuka beinahe flehentlich unterstreicht. Der Manager, dessen Vorname so viel wie „Frieden“ bedeutet, gesteht zwar die Probleme ungewöhnlich offen ein, appelliert aber mehrmals an den Mannschaftsgeist: „Wir arbeiten nicht nur im technischen Bereich eng mit Aston Martin zusammen, sondern auch auf übergeordneter Ebene. Wir wollen mehr sein als ein Lieferant und gemeinsam eine starke Partnerschaft aufbauen.“ Eine Frage der Ehre.
Den großen Nachteil des neuen Partners, für den das Leasingabkommen mit Mercedes gekündigt worden war, hatten Stroll oder einer jener vielen Verantwortlichen, die sich in den vergangenen Jahren an der Teamspitze die Klinke in die Hand gaben, nicht erkannt: Honda war 2021 abrupt aus der Formel 1 ausgestiegen, viele der Ingenieure, die mit Red Bull Erfolge gefeiert hatten, waren zu anderen Herstellern abgewandert oder, wie im Rahmen ihrer Konzernlaufbahn vorskizziert, in die Serienproduktion versetzt worden. Erst im November wurde das richtig offensichtlich, als sich Leistungsdefizite und die Probleme bei der Integration einstellten. Hinzu kamen, dass Aston Martin einige technische Hausaufgaben nicht richtig gemacht hatte. Die Fahrzeugkonstruktion wurde zu spät begonnen, in der nagelneuen Traumfabrik fehlten die richtigen Werkzeuge, der Windkanal lieferte widersprüchliche Werte. Prompt verpasste das Team die erste Hälfte der Testwoche in Barcelona, womit sich schon der voraussichtliche Platz in der Hackordnung andeutete.
Die Probleme Schritt für Schritt zu lösen, wie es den Honda-Verantwortlichen vorschwebt, klingt zwar nach einem Plan. Nur, dass sich die Gesetze aus der Fabrik nicht so einfach auf das Fahrerlager übertragen lassen. Dort ist die einem gegebene Zeit deutlich knapper bemessen. Dass Aston Martin schnell produktiver werden muss, weiß auch Adrian Newey. Das ist Teil seines Jobs. Aber vielleicht ist seine derzeitige Rolle auch das größte Problem.
