Zwei Rennen, zwei Sieger. An Abwechslung mangelt es der Formel 1 zu Beginn der Saison nicht. Nach George Russell gewann am Sonntag Kimi Antonelli den Großen Preis von China vor seinem Teamkollegen und Lewis Hamilton im Ferrari. Der erst 19 Jahre alte Italiener ließ dabei aber erkennen, wer das Tempo vorgibt in der Formel 1 nach der großen Regelreform. Antonelli kontrollierte auf dem Weg zu seinem ersten Sieg in der Formel 1 das gesamte Rennen auf der Rennstrecke vor den Toren von Shanghai. „Ich finde keine Worte, mir kommen die Tränen. Mein Team hat mir geholfen, diesen Traum wahr werden zu lassen“, sagt der Sieger im Ziel. Er schluckt, wischt sich Tränen aus den Augen.
Ferrari bot zwar beste Unterhaltung, konnte Mercedes aber nicht dazu zwingen, an die Grenze zu gehen. Eine halbe Überraschung gelang Oliver Bearman. Der Engländer wird Fünfter mit dem Haas samt Ferrari-Antrieb. Nico Hülkenberg, einziger Deutscher im Feld, erreichte das Ziel als Elfter im Audi. Das deutsche Werksteam ist die Konstante in jeder Hinsicht: Mittelklasse mit Ausfallerscheinungen.
Eines ist nach zwei Grand Prix der neuen Saison zu erkennen: Der Start der Rennen und die erste Phase bieten gute Unterhaltung. Raketengleich schossen die Ferraris voran. Hamilton überholte Antonelli, den mit 19 Jahren jüngsten Gewinner einer Poleposition in der Geschichte der Formel 1. Leclerc ließ, von Startplatz vier kommend, Russell „stehen“. Es folgte das schon in Melbourne zu beobachtende Hin und Her.
Die unterschiedlichen Ladezustände der Batterien führen zu Führungswechseln, leicht aussehenden Überholmanövern. Wird Ferrari diesmal Paroli bieten, kann der Rekordweltmeister Hamilton die Führung behaupten? Es läuft wie beim Sprint am Samstag. Nach ein paar Runden scheint ein Strohfeuer erloschen. Antonelli führt vor Russell. Mercedes diktiert das Tempo. Theater aber gibt es trotzdem im Rücken des dominanten Teams. Verstappen schimpft.
Zum dritten Mal fühlt sich der viermalige Champion wie zurückgeworfen beim Start, als sei er stehen geblieben, jedenfalls durchgereicht von Rang acht auf 13. Ein hausgemachtes Problem, denn sein Teamkollege Isack Hadjar ist fixer, liegt vor dem Chefpiloten von Red Bull in der ersten Runde, ehe er ein paar Kurven weiter von der Piste kreiselt, ans Ende des Feldes.
Am Sonntag fehlten dann beide McLaren in der Startaufstellung. Und – wie vor einer Woche bei der Premiere in Melbourne – musste Audi halbwegs die Segel streichen. Nach Nico Hülkenberg traf es diesmal Gabriel Bortoleto. Auch Alex Albon (Williams) blieb in der Garage. Vier aus dem Rennen vor dem Rennen: So viele technische Probleme bot die Formel 1 seit Jahren nicht mehr. Vorbei schienen die Zeiten, in denen etwa Mercedes-Motoren in den McLaren von Mika Häkkinen und David Coulthard am Nürburgring in Schall und Rauch aufgingen – in Führung liegend.
Verstappen parkt zehn Runden vor dem Ende
Die Formel-zuverlässig ist vorerst Geschichte. Auch Max Verstappen parkte seinen Red Bull zehn Runden vor dem Ende in der Box. Sieben kamen nicht los oder an. Was den Standfesten sehr gefällt. Wer was gewinnen will, muss erst mal losfahren. „Frustrierend, irgendwas mit der Powerunit“, sagte Norris, „das ist das erste Mal, dass ich in der Formel 1 nicht starten konnte. Ich erfuhr von dem Problem etwa eine Stunde vorher. Das Problem war im Moment nicht zu beheben.“ Teamkollege Oscar Piastri erlebte den zweiten Totalausfall. In Melbourne warf er das Auto in der Einführungsrunde wohl wegen einer unerwarteten Verzögerung durch das neue Hybridsystem in die Streckenbegrenzung.
Aber auch die Schwäche der Gegner weiß nicht jeder zu nutzen. Aston Martin zum Beispiel, die Enttäuschung der Saison. Kein Speed, einen klagenden Fernando Alonso am Steuer und trotz der Schleichfahrt nicht stabil. Der zweimalige Weltmeister musste aufgeben. Vorher rollte Lance Stroll rollte wegen eines Batterieproblems schon in der zehnten Runde aus, die Streckenleitung schickte das Safety-Car auf den Kurs.
Schon rückte das Feld wieder auf Schlagdistanz zusammen, erweiterte das Rennen um den Sieg vom Werksduell bei Mercedes zum Auto-Quartett. Nach dem fliegenden Neustart vier Touren später leistete sich Russell einen Fehler in Kurve sechs. Schon zog Hamilton an ihm vorbei, Leclerc überholte den Landsmann später auf der Zielgeraden. Toto Wolff, Teamchef von Mercedes, hatte gewarnt: „Ferrari ist schnell im Rennen.“ Zu schnell für die Verfolgerfraktion im Mittelfeld. Aber auch für den Führenden Antonelli?
Fast zur Hälfte der 56 Runden auf der Rennstrecke vor den Toren von Shanghai führt der Italiener nur mit gut zwei Sekunden. Der Vorsprung vergrößert sich, weil die Konkurrenten hinter ihm heftig um die Positionen streiten. Aufregung im Lager der Roten. Die Ferraris lassen sich kaum Platz. Leclerc attackiert Hamilton. Freie Fahrt für die Ferrari-Besatzung – im identischen Boliden. Nerven anspannend, kraft- und zeitraubend.

Warum also? Weil in dieser Phase der Saison die Hackordnung im Team festgelegt wird. Weil Hamilton nach der heftigen Niederlage gegen Leclerc das Vertrauen in seine Führungsfähigkeit zurückgewinnen will. Das Ergebnis auf der Piste: ein Rennen Rad an Rad, im Parallelflug durch manche Kurven. Wer die Regelreform tadelt, muss sie in diesem Moment loben. Die Autos erlauben die Nähe wie lange nicht mehr. Nichts mehr zu sehen, schon gar nichts zu hören von der Sorge der Steuermänner, wegen der Luftverwirbelungen zu viel riskieren zu müssen.
Hamilton zieht – das hängt auch mit dem Energiemanagement zusammen – wieder an Leclerc vorbei. Der kontert. Sie führen hier und da die hohe Kunst des Überholens vor. Und die Kosten dieses Zweikampfes im eigenen Stall. Denn die Reifen leiden. Russell saugt sich an und schlüpft vorbei. Ein Blick auf die Zeitenlisten offenbart, was die Show Ferrari gekostet hat: Antonelli vergrößerte seinen Vorsprung auf fast acht Sekunden, ist auch unerreichbar für Russell. Grazie.
Ein Dank gilt auch der Ferrari-Fraktion. Sie setzt ihr Spiel fort. Ein Fehler Leclercs erlaubt Hamilton den nächsten Platztausch, aber nur die Aussicht auf einen spannenden Zweikampf um die Position im eigenen Team. „Fantastische Arbeit“, ruft Hamilton später via Funk seinem Team zu. Er schaute nicht nach vorne. Russell war ja auch in wenigen Runden enteilt – um sechs Sekunden, es werden 26 daraus fünf Runden vor dem Ziel. Unausgesprochen dankbar werden manche Teams auch wegen der Absage der Rennen in Bahrein und Saudi-Arabien sein.
