Was macht Tadej Pogačar? Wo der Dominator des Radsports aufschlägt, ist das Spiel meist dasselbe. Die Konkurrenz blickt das gesamte Rennen über auf ihn. Sie wartet auf den Moment, in dem der Weltmeister attackiert. Und wenn es so weit ist, verliert sie ihn mit ziemlich großer Sicherheit irgendwann aus den Augen.
Diesmal waren noch knapp 18 Kilometer zu fahren bei der Flandernrundfahrt, als auch der letzte Verfolger sein Hinterrad nicht mehr halten konnte. Wie schon im vergangenen Jahr musste Mathieu van der Poel den großen Favoriten bei der dritten Überfahrt des Oude Kwaremont ziehen lassen. Und Pogačar hielt im Anschluss an den Kopfsteinpflasteranstieg seinen Vorsprung bis ins Ziel. Dort lagen 34 Sekunden zwischen beiden. Dritter wurde der Belgier Remco Evenepoel bei seinem Debüt.
Pogačar steigt mit seinem Erfolg in einen erlesenen Kreis auf. Es ist der dritte Sieg bei der „Ronde van Vlaanderen“, die in Belgien einem Nationalfeiertag gleichkommt. Damit zieht der Slowene mit van der Poel gleich. Niemand hat bei dieser 280 Kilometer langen Hatz, bei der 16 giftige Anstiege zu bewältigen sind, öfter gewonnen als diese beiden, die sich den Thron nun also erst mal teilen müssen.
Eine Bahnschranke stoppt das Feld
Die Flandernrundfahrt war nicht nur wegen dieses Duells mit Spannung erwartet worden. Mit Pogačar, van der Poel, Remco Evenepoel, Wout van Aert und Mads Pedersen standen die fünf besten Eintagesrennfahrer alle gemeinsam am Start – das gab es selten bisher. Doch am Ende spielten im Kampf um den Sieg wieder nur die zwei eine Rolle, die nun schon seit einigen Jahren die Klassiker dominieren. „Das war ein verrücktes Rennen heute. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“, sagte Pogačar. „Es war superhart, aber es ist gut für mich ausgegangen.“
Dass es hart werden würde für alle Beteiligten, ist schon beim Start in Antwerpen klar. Als das Rennen beginnt, dauert es wie so häufig bei solch einem wichtigen Klassiker lange, bis sich eine Ausreißergruppe formiert. Und wie fast immer steht auch früh fest, dass sie keine Chance haben wird. Weil hinten Männer wie Mikkel Bjerg oder der Deutsche Nils Politt für Pogačar das Tempo hochhalten.
Zwischenzeitlich haben die Ausreißer mal knapp sechs Minuten Vorsprung, nachdem das Hauptfeld von einer heruntergelassenen Bahnschranke geteilt und die vordere Hälfte angehalten wird, zu warten. Es ist der erste kleine Aufreger. Pogačar und Evenepoel haben wie etliche andere Fahrer die rote Warnleuchte missachtet. Das führt normalerweise zu einer Disqualifikation. Doch aus dem Rennen genommen wird niemand.
Während der ersten Hälfte herrscht starker Gegenwind, was dazu führt, dass Pogačars Helfer früh Probleme bekommen. Immer wieder fehlen er und die Teamkollegen an den Schlüsselstellen ganz vorn. 104 Kilometer vor dem Ziel ist das UAE Team Emirates-XRG zwar wieder an der Spitze, aber außer Florian Vermeersch und Politt ist kein Helfer mehr übrig.
Van der Poels Mut wird nicht belohnt
Der Deutsche schlägt in der Folge ein irres Tempo an. Am Molenberg reißt das Feld erstmals. Alle Favoriten sind in der Gruppe, die sich dort bildet und harmoniert. Die Mannschaften arbeiten zusammen. Doch das Bild ist ungewöhnlich: 100 Kilometer vor dem Ziel fahren Pogačar und van der Poel schon im Wind. 17 Kilometer später bläst der große Favorit die Backen auf und lässt die Lippen flattern. Geht Pogačar die Puste aus?
Davon kann keine Rede sein. Schon die zweite Passage des Oude Kwaremont liefert einen ersten Hinweis darauf, wie das Rennen ausgehen wird: Pogačar drückt aufs Tempo. Van Aert und Pedersen können es nicht mitgehen. Kurz darauf muss auch Evenepoel am Paterberg reißen lassen. Der Belgier kämpft bei seinem Debüt, hat die beiden vor ihm vor Augen, aber er kommt nicht mehr heran.
Nur noch van der Poel und Pogačar sind übrig. Wie die Kräfteverhältnisse verteilt sind, hatte der Niederländer schon vor dem Start klargemacht: „Er ist ein Level über allen anderen“, sagte van der Poel über Pogačar. „Das war bei seinen letzten beiden Siegen hier ganz klar. Als er in den Oude Kwaremont fuhr, hatte niemand eine Antwort darauf.“
Die große Frage ist in so einem Fall, welche Schlüsse ein Fahrer daraus zieht. Van der Poel hätte auch die Möglichkeit, eine Zusammenarbeit zu verweigern. Danach klang es aber schon vor dem Rennen nicht. Es sei nicht gut, zu zeigen, dass man Angst habe, hatte der Niederländer gesagt.
Von Furcht ist dann auch nichts zu sehen. Van der Poel kooperiert mit Pogačar, bis dieser ihn bei der dritten Überfahrt des Oude Kwaremont abhängt und allein ins Ziel steuert. Der dreimalige Sieger dieses Rennens hat bewiesen, dass er kein Angsthase ist. Doch mehr als Platz zwei ist in Pogačars Welt auch für den Mutigsten nicht drin.
