Daniel Vorcaro war in Brasilien nicht nur für den kometenhaften Aufstieg seiner kleinen Investmentbank Banco Master bekannt, sondern auch dafür, seinen in kurzer Zeit erwirtschafteten Reichtum zur Schau zu stellen. Schätzungsweise 120 Millionen Dollar soll der 42 Jahre alte Banker in den vergangenen zwei Jahren für private Feste und Jetset-Ausflüge ausgegeben haben. Einmal mietete er eine ganze Insel und engagierte die Band Coldplay für die musikalische Unterhaltung.
Heute ist klar, dass die Banco Master weit weniger schillernd war als ihre Fassade. Wie Ermittlungen der Bundespolizei zeigen, soll die Bank ein Betrugssystem aufgebaut haben, über das fiktive oder gefälschte Kreditgeschäfte in Milliardenhöhe abgewickelt wurden. Das Geschäftsmodell der Bank beruhte auf Schuldverschreibungen mit überdurchschnittlichen Renditen, möglich nur durch Investments in extrem riskante Vermögenswerte, etwa Ansprüche aus Klagen gegen den Staat, deren Auszahlung sich oft über Jahre hinzieht.
Ein zentraler Anreiz für Anleger war, dass die Einlagen durch den Kreditgarantiefonds abgesichert waren. Als die Banco Master in Liquiditätsnot geriet und genauer geprüft wurde, begann das Kartenhaus einzustürzen. Im vergangenen Jahr ordnete die Zentralbank die Liquidierung der Bank an, kurz darauf wurde Vorcaro festgenommen.
Nähe zu Politikern und Richtern
Was als undurchsichtiger Finanzskandal begann, hat sich innerhalb weniger Wochen zu einer veritablen Krise für das Establishment in Brasilia ausgeweitet. Dort war Vorcaro kein Unbekannter. Über Jahre kaufte sich Vorcaro mit exklusiven Foren und aufwendigen Veranstaltungen in die Nähe der Elite des Landes ein.
Im April 2024 finanzierte er beispielsweise ein 6 Millionen Dollar teures „Ideenforum“ in London, das neben zahlreichen Spitzenpolitikern auch Richter des Obersten Gerichtshofs und selbst den Chef der Bundespolizei anzog, wie Ermittlungsunterlagen zeigen. Die Veranstaltung endete mit einer Verkostung von exklusivem Macallan-Whisky für 640.000 Dollar.

Obwohl Verfehlungen von ehemaligen Direktoren der Zentralbank sowie direkte Kontakte Vorcaros zu zahlreichen Spitzenpolitikern nachgewiesen sind, darunter beispielsweise die Vorsitzenden beider Parlamentskammern, birgt die persönliche Nähe des Bankers zu den obersten Vertretern der Justiz derzeit die größte politische Sprengkraft. Im Februar musste sich der Verfassungsrichter Dias Toffoli von der Leitung des Verfahrens zurückziehen, nachdem die brasilianische Presse finanzielle Verbindungen zwischen der Firma seiner Familie und Vorcaro aufgedeckt hatte.
Bolsonaro kann sich als Opfer inszenieren
Nun rücken auch mutmaßliche Kontakte Vorcaros zu Verfassungsrichter Alexandre de Moraes in den Fokus. Ob daraus ein belastbarer Vorwurf unzulässiger Einflussnahme erwächst, ist bislang offen. Unbestreitbar ist, dass die Banco Master einen lukrativen Beratungsvertrag mit dem Anwaltsbüro von Moraes’ Ehefrau hatte. Zudem fanden die Ermittler auf Vorcaros Mobiltelefon unter anderem eine Nachricht, die er am Tag seiner Verhaftung an eine Nummer schickte, die Moraes zugeordnet wird. Darin fragt Vorcaro: „Konntest du es blockieren?“
Obwohl der Richter jegliche unzulässige Einflussnahme bestreitet und technische Details der Zuordnung der Nachricht Gegenstand von Untersuchungen sind, ist die politische Tragweite, die allein der Verdacht verursacht, immens. Moraes ist nicht irgendein Richter, sondern jener, der den Prozess gegen den früheren Präsidenten Jair Bolsonaro leitete, der wegen eines versuchten Staatsstreiches letztes Jahr zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Schon zuvor hatte Moraes sich als Kämpfer gegen Desinformation und Hassrede zum Feind der Rechten gemacht.
Für das Bolsonaro-Lager kommt der Verdacht gegen Moraes politisch zur rechten Zeit. Einerseits stärkt es die Darstellung Bolsonaros als Opfer einer befangenen Justiz, deren Protagonisten nun in die Nähe eines korrupten Bankers gerückt werden. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass zahlreiche Vertreter aus dem politischen Umfeld Bolsonaros direkte Verbindungen zu Vorcaro hatten. Darüber hinaus gewinnt auch die Forderung der Opposition nach einer radikalen „Säuberung“ des Obersten Gerichtshofs an Kraft, der in ihren Augen befangen ist und politisch agiert.
Lula hat ein Vermittlungsproblem
All das spielt derzeit vor allem Flávio Bolsonaro in die Hände, dem Senator und ältesten Sohn des ehemaligen Präsidenten. Seit Jair Bolsonaro ihn relativ überraschend zu „seinem“ Kandidaten für die Präsidentenwahl im Oktober erkoren hat, sind seine Umfragewerte kontinuierlich gestiegen. Hatte zu Jahresbeginn noch vieles auf einen Triumphzug des amtierenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva hingedeutet, zeichnet sich nun ein Zweikampf zwischen ihm und Flávio Bolsonaro ab, der in den Umfragen für eine Stichwahl nun praktisch gleichauf liegt.

Der 44 Jahre alte Senator gilt als der zurückhaltendste der vier Bolsonaro-Söhne. Das macht ihn auch für gemäßigtere bürgerliche Wähler attraktiver als seinen radikalen Vater. Wie viel davon auf Flávio selbst und wie viel auf den fortbestehenden Einfluss seines Vaters zurückgeht, ist offen. Bolsonaro ist selbst aus dem Gefängnis heraus die unbestrittene Führungsfigur der brasilianischen Rechten, die heute das einzige Gegenmodell zur Regierung von Lula und zu dessen linker Arbeiterpartei darstellt.
Obwohl der Skandal seinen Ursprung in der Regierungszeit von Bolsonaro hat und die Ermittlungen von der aktuellen Regierung angestoßen wurden, gelingt es Lula nicht, dies zu vermitteln. Das Bolsonaro-Lager nutzt den Skandal indes geschickt, um ein Klima des Misstrauens zu verstärken, in dem jede neue Enthüllung als Beleg dafür gelesen wird, dass sich an Brasiliens Machtstrukturen nichts geändert hat. Die Korruptionsskandale der Vergangenheit unter früheren Lula-Regierungen sind den Brasilianern immer noch in wacher Erinnerung.
Vorcaro denkt über eine Kronzeugenregelung nach
Ganz unabhängig vom Skandal um die Banco Master zeigen die Umfragen eine wachsende Ablehnung gegen Lula, die Politologen als eine Ermüdung gegenüber dem „Lulismus“ und teilweise auch als Ausdruck eines tieferliegenden soziologischen Wandels in Brasilien deuten. So ist beispielsweise der Anteil der Evangelikalen, die sich mit konservativen Werten identifizieren, auf 30 Prozent gestiegen. Individualismus und Eigenverantwortung werden wichtiger, während die kollektivistische Rhetorik von Lulas Arbeiterpartei zunehmend veraltet scheint.
Ein halbes Jahr vor der Wahl haben sich bereits mehr als 80 Prozent der Wähler entweder für Lula oder Flávio Bolsonaro entschieden. Die Wahl im Oktober wird die beiden Blöcke weiter verfestigen, in denen selbst gravierende Enthüllungen kaum noch zu einem Seitenwechsel führen dürften. Je knapper das Rennen wird, desto entscheidender wird die Frage, wer den Brasilianern besser vermittelt, nicht Teil jenes Systems zu sein, das Vorcaro zu nutzen wusste.
Der Skandal um die Banco Master wird deshalb noch für viel Wirbel sorgen in diesem Jahr. Vorcaro denkt über eine Kronzeugenregelung nach, um durch seine Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden eine Strafmilderung zu erwirken. Derweil wartet alles gespannt auf die nächste Enthüllung in Form durchgesickerter Ermittlungsdetails. Schon jetzt hat der Fall die Mächtigen in Brasilia in Alarmbereitschaft versetzt.
