Herr Berben, wann haben Sie zuletzt mit Ihrem Kühlschrank gesprochen?
Mit meinem Kühlschrank? Gesprochen noch nie, aber vorgestern hat er sich bei mir gemeldet, weil die Filter ausgewechselt werden müssen. Er hat mir eine Nachricht aufs Handy geschickt.
Ich frage deswegen, weil sich zunehmend „Lösungen“ in unseren Alltag drängen, die von Künstlicher Intelligenz gesteuert werden. Sind Sie demgegenüber aufgeschlossen?
Ich bin positiv voreingenommen. Das sieht man vielleicht schon daran, dass ich ursprünglich ein technisches Fach studiert habe. Und auch als Filmproduzent bin ich neugierig auf Erfindungen: Ich habe früh auf CGI, computergenerierte Bilder, gesetzt und auf die Digitalisierung der Kamerasysteme. Wenn man jetzt sieht, wie sich Künstliche Intelligenz mit der Robotik verbindet, müssen wir bei Umwälzungen nicht mehr in Jahren, sondern in Monaten denken. Privat fährt bei mir zu Hause alles rum, was es aus diesem Bereich schon gibt. Ich beschäftige mich extrem gern mit diesen Dingen.
In dem Film „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ wirft der Regisseur Gore Verbinski, der mit „Piraten der Karibik“ bekannt wurde, allerdings einen kritischen Blick in die Zukunft, die daraus erwachsen könnte. Wie kam das Drehbuch auf Ihren Schreibtisch?
Das Projekt kam über unser amerikanisches Office herein. Gore Verbinski kannte das Drehbuch von Matthew Robinson. Bei der Firma Constantin haben wir vor zwei Jahren die kreative Marschroute in Amerika geändert. Wir wollen uns verstärkt auf große Filmemacher und ihre Ideen ausrichten. So kam es zu „All das Ungesagte zwischen uns – Regretting You“ von Josh Boone, nach einem Roman von Colleen Hoover. Wir haben inzwischen den Ruf, dass wir als unabhängige Firma bereit sind, Stoffe anzugehen, die ein wenig „out of the box“ sind.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Das trifft bei „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ deutlich zu: Der Film passt in keine Schachtel.
Das Drehbuch beginnt mit einem fünfzehn Seiten langen Monolog: Ein Mann aus der Zukunft kommt in einen Diner in Los Angeles und versucht, eine Gruppe von Menschen zu rekrutieren, um die Menschheit vor einer alles verschlingenden KI zu retten. Damit beginnt eine Geschichte, die es uns erlaubt, auf eine satirische Weise Gesellschaftskritik zu üben.
Es ist der einhundertsiebzehnte Versuch des Mannes aus der Zukunft, erfahren wir später. Die Stimmung des Films erinnert ein wenig an Terry Gilliams Zeitreise-Klassiker „Twelve Monkeys“.
Ein Film, den vielleicht nur noch Sie und ich kennen.

Auf jeden Fall ein Beispiel dafür, was Sie vielleicht mit einem Film meinen, der „out of the box“ ist. In Hollywood werden Filme fast nur noch über Stars verkauft. Wie passt Ihre Gruppe rund um Sam Rockwell und Haley Lu Richardson da hinein?
In unseren Augen ist auch Sam Rockwell ein absoluter Superstar, nehmen wir nur seine Rolle zuletzt in „The White Lotus“. Haley Lu Richardson ist eine sehr spezielle Schauspielerin, die sofort etwas auslöst, wenn man sie sieht. Wichtig aber ist, dass man sie alle als Ensemble sieht. In diesem Fall ist wirklich die Gruppe der Star. Das Tolle ist die Gesamtheit. Die Kerngruppe hatten wir auch relativ schnell beisammen. Gore Verbinski hat einen sehr guten Draht zu Schauspielern.
Sie spielen auf Fernsehserien an, die bei einem Teil des Publikums den Blick auf das Starsystem verändert haben. Das System ist deutlich vielschichtiger geworden.
Diese Idee der Stars hat sich total verändert. Es ist wesentlich schwieriger geworden, heute ein universeller Star zu sein. Es gibt sie noch, aber sie sind weniger geworden, und sie müssen in dem Bereich bleiben, mit dem sie assoziiert werden. Timothée Chalamet ist eine Ausnahme, der kann noch Dinge probieren. Neben dem Charisma braucht es auch so eine Art Fähigkeit, ein momentanes Lebensgefühl zu übersetzen. Fans sind durch Social Media mit den Stars ganz anders verbunden. Die Zuschauer sind sehr viel fordernder.
Könnte man „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ als einen deutschen Hollywood-Film bezeichnen?
Ja, das ist so. Wir produzieren in Amerika für den internationalen Markt. „Regretting You“ war unser erster Film, der in den amerikanischen Kinos auf Platz 1 landete. Ich hätte sehr gern gehabt, dass Bernd Eichinger, mein Vorgänger bei der Constantin, das noch erlebt hätte.
Von den USA aus gesehen, steht Ihre Arbeit für einen Aspekt, den zuletzt sogar Donald Trump beklagt hat: dass niemand mehr so richtig wisse, was Hollywood eigentlich noch sei. Er forderte, Filmproduktion – so wie andere traditionelle Industrien – nach Amerika zurückzuholen. Stattdessen entstehen Hollywood-Filme in aller Welt.
Hollywood hat sich schon früher ständig verändert. Das klassische Studiosystem gibt es in der damaligen Form auch nicht mehr. Trump beklagte, dass ein Großteil der Produktionen physisch nicht mehr in Hollywood gedreht werden. Auch in Deutschland müssen wir aufpassen, dass uns nicht mehr und mehr Produktionen verloren gehen, weil es anderswo billiger ist. Ohne ein wettbewerbsfähiges Anreizsystem droht Deutschland den Anschluss zu verlieren. Hierzu hat die Bundesregierung aber nun bereits Maßnahmen ergriffen, die bereits wirken, auch wenn noch Luft nach oben ist.
Soll sich Deutschland eher an Hollywood orientieren, also auch so gut es geht zu exportieren? Oder einfach einen robusten Binnenmarkt gewährleisten?
Deutschland hat ein mögliches Publikum von rund 100 Millionen Menschen, die gut genug Deutsch können. Sicher wird KI dazu führen, dass gerade im sprachlichen Bereich die universelle Betrachtung von Werken sehr viel einfacher werden wird. Bereits jetzt kann man jede Stimme lippensynchron in andere Sprachen übersetzen. Aber im Moment geht es nicht darum, mit unseren Filmen und unserer Produktionslandschaft in die Weltspitze zu kommen. Wir müssen überhaupt erst wieder in die Mittellage aufschließen. Vor dem kürzlich beschlossenen Investitionspakt, der auch die großen Plattformen in die Pflicht nimmt, waren wir für unsere Größe und unseren Wohlstand gesehen als Filmland beschämend ins Abseits geraten.
„Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ hatte gerade auf der Berlinale seine Weltpremiere. Ist das ein Film nach dem Geschmack von Tricia Tuttle?

Vor etwas mehr als einem Jahr hatte ich mich mit ihr getroffen, und sie hat damals sofort gesagt, das würde sehr gut passen. Als der Film fertig war, habe ich ihr eine Sichtung geschickt, sie hat ihn sich sofort angeschaut, und mich schon zehn Minuten später direkt angerufen. Wir haben dann gleich praktisch gesprochen und Ideen ausgetauscht, wie wir den Film präsentieren wollen.
Beim Fotoshooting mit den Stars war sie aber nicht dabei. Sie ließ sich jedoch mit dem Team von „Chronicles From the Siege“ fotografieren, mit einer Palästina-Flagge. Bald kursierten Gerüchte um ihre Ablösung. Offene Briefe, die als Reaktion darauf zu ihrer Unterstützung formuliert wurden, haben Sie nicht unterschrieben. Kann man da etwas hineinlesen?
Offene Briefe sind ein bisschen inflationär geworden. Tricia Tuttle und ich haben ein enges Verhältnis, und wir haben die ganze Zeit kommuniziert. Sie macht einen hervorragenden Job, und es wäre ein Riesenproblem für die Berlinale, wenn sie nicht mehr da wäre. Der wunderbare Regisseur İlker Çatak hat es in einem Interview ebenfalls völlig richtig beschrieben. Man würde mutwillig den Status eines der weltweit immer noch wichtigsten Filmfestivals aufs Spiel setzen. Natürlich gibt es Dinge, die man kontrovers besprechen kann und muss. Es ist dabei wahnsinnig wichtig, dass ein solches Festival seine politische Unabhängigkeit bewahrt. Was die Bilder anbelangt: Auf einer Berlinale finden unzählige Fototermine statt.
Sie haben ja schon erwähnt, dass Sie ursprünglich an der TU in Berlin Elektro- und Raumfahrttechnik studiert haben. Wie sind Sie stattdessen in die Filmbranche geraten?
Ausschlaggebend war mein damaliger Mitbewohner Carlo Rola, der mir in den Ferien immer Jobs bei Dreharbeiten besorgt hat. Die waren gut bezahlt und ein schönes Gegenprogramm. Am Ende habe ich mich entschieden, ein Angebot von der damals großen Firma Phoenix für eine Serie als Aufnahmeleiter anzunehmen. Da hatte ich an der Technischen Universität gerade mein Vordiplom abgeschlossen und sagte mir: Okay, jetzt mache ich mal eine Zeit lang etwas anderes. Schließlich habe ich 1996 die erste Produktionsfirma eröffnet. Ende der Neunzigerjahre habe ich dann Bernd Eichinger kennengelernt, der hat mir angeboten, zur Constantin nach München zu kommen.
Sie sind der Sohn der Schauspielerin Iris Berben. Hat Ihnen das den Zugang zum Filmgeschäft leicht gemacht?
Der Zugang ging eher über Carlo Rola. Ich bin früh von zu Hause weggegangen, war im Internat und bin mit 17 direkt nach Berlin gezogen. Dort kam ich zum Kino. Später hat meine Mutter sicher auch Türen für mich geöffnet. Durchgehen muss man aber trotzdem selber. Und man wird natürlich auch ganz anders beäugt. Wenn Sie eine Sache nur machen, weil Ihnen jemand dazu verholfen hat, fliegen Sie irgendwann auf.
Was war das Besondere am Bernd Eichinger, der 2011 plötzlich und früh starb? Er ist eine Legende, aber eine umstrittene.

Von ihm habe ich vor allem gelernt, mit Stoffen umzugehen und mich nicht beirren zu lassen durch die vielen Meinungen. Der erste Kinofilm, den wir zusammen gemacht haben, war „Elementarteilchen“. Dafür bin ich vier Jahre dem Schriftsteller Michel Houellebecq hinterhergelaufen. Ich habe unfassbare Dinge mit ihm erlebt. Wir haben uns gut angefreundet, was nicht leicht ist mit ihm. Es schien aussichtslos, seine Zustimmung zu bekommen. Aber Eichinger hat als Letzter immer zu mir gesagt: Oliver, hör nicht auf, irgendwann fällt jeder Baum. Diese Art, sich kompromisslos einer Sache zu verschreiben, findet man nicht oft.
Mit Ihrer Mutter haben Sie 2004 auch eine Dokumentation über Israel gedreht. Ist Ihnen dieses Land noch nahe? Hat sich daraus eine tiefere Verbindung ergeben, die es Ihnen erlaubt, sich in der gegenwärtigen Situation verhärteter Meinungen zurechtzufinden?
Ich habe seit Jahren beruflich wie privat viel Kontakt in die Region. Was man daraus lernt, ist ein wenig Zurückhaltung. Wir müssen versuchen, nicht zu schnell zu urteilen. Wir müssen üben, uns hineinzuversetzen, auch in die anderen Parteien. Die Situation ist manchmal so viel schwieriger und nicht so auf einen Nenner zu bringen, wie man das gerne hätte. Es gibt kein einfaches Schwarz oder Weiß. Ich glaube insgesamt, dass die Zeit der einfachen Antworten einfach vorbei ist – wenn es sie jemals gab.
Mitte März werden wieder die Oscars verliehen. Haben Sie für diesen Jahreshöhepunkt ein Ritual?
Ich fliege nächste Woche nach Texas zu South by Southwest, das ist ein sehr spannendes Festival, das Technologie, Musik, Kultur verbindet. Von dort geht es weiter nach Los Angeles. Ein festes Ritual habe ich nicht. Es gibt viele Möglichkeiten, diesen Abend zu verbringen. Ich gehe meist einfach auf eine der vielen privaten Oscar-Partys, auf der man nicht sechs Stunden im Saal eingesperrt ist wie bei der eigentlichen Zeremonie und wo man sich ein bisschen bewegen kann. Da führe ich dann viele Gespräche mit Künstlern und Künstlerinnen aus aller Welt, die natürlich in dieser Zeit alle dort sind.
„Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ läuft ab 12. März im Kino.
