Im Rückblick sieht oft alles aus, als hätte es so kommen müssen. Das ist im Programm des Festivals Go East für den mittel- und osteuropäischen Film so. Und wenn man auf den Lebenslauf von Rebecca Heiler schaut, auch. Zum 26. Mal weitet das vom Deutschen Filminstitut und Filmmuseum (DFF) veranstaltete Festival in Wiesbaden den Blick in Richtung Osten, zeigt naheliegende Zusammenhänge, die Westeuropäern oft sehr fern und wenig bewusst sind, vermittelt jenseits der Filmkunst die diverse Kultur, Geschichte und Gegenwart der Länder östlich von Deutschland. Und holt die Blicke dortiger Künstler auf Deutschland ins Kino.
Das passt bestens zu Rebecca Heiler, die nun zum ersten Mal an der Spitze des Festivals steht. Ihr Lebenslauf und Werdegang sind eine West-Ost-Geschichte, in beide Richtungen. Ein „typischer Film-Nerd“ sei sie nicht gewesen, sagt Heiler, obwohl sie berufsbedingt schon lange auf mehrere Hundert Lang- und Kurzfilme im Jahr kommt. Der Film hat sich mehr oder weniger in ihr Leben geschlichen, weil sie sich zunächst geradezu unbändig für Sprachen und Kulturen interessierte und so die Wirkmacht des bewegten Bildes kennenlernte. Davor aber kam eine Wendung: hin zum Osten. Das lag, in jeder Hinsicht, nah.
Denn Heiler, geboren in Magdeburg, aufgewachsen im bayerischen Schwabenland, in der Kleinstadt Krumbach, kam als Kleinkind 1989, noch vor dem Fall der Mauer, mit ihrer Familie aus der DDR in den Westen. Früh ist ihr das Anderssein aufgefallen, mit ihrem Hochdeutsch zwischen den anderen schwäbischen Kindern und ihrem fremden „Grüß Gott“ beim Verwandtenbesuch im Osten Deutschlands, doch konnte sie das erst viel später benennen. Auch mittel- und osteuropäische Vorfahren hat es gegeben, kein großes Thema in der Familie. Und so hat die Begegnung mit einer Slawistikstudentin, die offenbar ziemlich gute Werbung für ihr Fach machte, Heiler gezeigt, was „so naheliegend war, aber ich hatte nie daran gedacht“.
Der Osten war schon immer da
Nach der akademischen Ausbildung zur Übersetzerin für Englisch und Spanisch kam in München also ein Studium der Slawistik und Osteuropageschichte hinzu, mit Studienaufenthalten in Prag und auf der damals noch nicht von Putin annektierten Krim. Die Filmklassiker aus der Sowjetzeit hat Heiler damals für sich entdeckt. So wie Go East gegründet wurde, um in Wiesbaden den Westdeutschen bewusst zu machen, wie nah und eng mit ihnen verwoben der Osten ist, hat die Studentin Heiler in München begonnen, ihren ersten Kurzfilmabend mit polnischen Filmen zu organisieren. Im Nachbarschaftsverein „Ahoj“, der dort bis heute Menschen mit und ohne Verbindungen nach Osteuropa zur interkulturellen Begegnung zusammenbringt. Studentenjobs für das Filmfest München und erste Projekte für Festivals reihten sich danach aneinander.
Ein Festival zu leiten: „Das war immer ein Traum, aber ich hatte auch Respekt vor der Position“, sagt Heiler. Die Verbindung von künstlerischer Leitung und Geschäftsführung ist eine hohe Verantwortung, der thematische Horizont des Festivals ist es auch: „Ich musste die Erfahrungen sammeln.“ Das hat sie getan. Die Nachfolgerin von Heleen Gerritsen als Festivaldirektorin hat allerhand Stationen absolviert, zuletzt etliche Jahre in verschiedenen Positionen bei Interfilm, dem Internationalen Kurzfilmfestival und Verleiher in Berlin.
2016 hat sie das erste Mal in Wiesbaden an Go East mitgearbeitet, damals hielt noch Gaby Babić, heute Leiterin der Kinemathek Asta Nielsen in Frankfurt, die Zügel in der Hand. Heiler hat immer wieder an Go East angedockt, als freiberufliche Festival-Fachfrau. Mit Gerritsen, die an der Spitze auf Babić folgte, hat sie schon früh zusammengearbeitet, bei Dokumentart, dem europäischen Dokumentarfilmfestival in Neubrandenburg. Trotzdem war es ein großer Schritt, mit Partner und Kind, heute drei Jahre alt, 2025 Berlin, Freunde und vertrautes Umfeld zu verlassen. Sie fühlt sich, bei aller Umstellung, wohl in Wiesbaden.

„Das Programm wird schlanker“, sagt sie. Dicht bleibt es, und auch die Länge des Festivals bleibt. Aber die experimentelle Schiene „Cinema Archipelago“ gibt es nicht mehr, etliche der Nebenreihen ebenso. Dafür hat Heiler mit „Kaleidoskop“ ein Dach für Angebote geschaffen, das auch auf breiteres Publikum zielt. Dort können weitere Schwerpunkte gesetzt werden. Dieses Jahr glänzt das „Kaleidoskop“ unter anderem mit Archivpräsentationen, einer Hommage an den Regisseur Andrzej Wajda zum Hundertsten und mit einem eigenen Kinder- und Jugendprogramm, das Heiler ausbauen möchte.
„Man kann nicht alles auf einfache Formeln herunterbrechen“
Zu sehen ist unter anderem das bezaubernde Kinderporträt „Blue Eyes and Colorful my Dress“ (2020) der bulgarischen Regisseurin Polina Gumiela über ihre damals drei Jahre alte Tochter. Mit dem Kurzfilmprogramm „Romani Cinema“ von und mit Romnja knüpft Heiler auch an ihre eigene Vergangenheit bei Go East an. „Against Othering“, das sich mit der Stigmatisierung von Sinti und Roma befasste, hat sie seinerzeit betreut. Bei Go East hat Heiler auch mehrfach die Kommunikation verantwortet, vor allem im Krisenjahr, als der Ukrainekrieg ausbrach.
„Für mich ist Empathie sehr wichtig“, sagt sie. Dazu gehöre auch, dass ein Festival ein Diskursraum sein müsse, in dem durchaus kontrovers diskutiert werde, in dem es aber auch „safe spaces“ geben müsse. „Man kann nicht alles auf einfache Formeln herunterbrechen.“ Im Symposium vor allem, das sich mit „Filmischen Strategien des Widerstands“ befasst, wird der Blick daher auch geweitet, auf Iran, Nigeria, Italien, die zugehörige Filmreihe zeigt Raritäten, unter anderem von Irena Vrkljan, Harun Farocki und dem späteren RAF-Terroristen Holger Meins, die gemeinsam an der Berliner Film- und Fernsehakademie studierten. Von Vrkljan stammt auch einer der drei Kurzfilme, „Berlin unverkäuflich“, die statt eines Langfilms zur Eröffnung gezeigt werden.

Im Wettbewerb gezeigt werden diesmal wiederum Deutschland- und internationale Premieren. „Ich wollte da etwas strenger sein“, sagt Heiler – denn Filme, die schon zuvor auf Festivals wie der Berlinale gelaufen seien, hätten ihr Forum. Auffällig ist, dass es in dem Wettbewerb, der seit vielen Jahren keinen Unterschied zwischen Dokumentar- und Spielfilmen macht, diesmal sehr viele Dokumentationen gibt, wie auch sonst im Programm. „Das Verhältnis hat sich fast umgedreht“, so Heiler zum Langfilmwettbewerb. Was auch daran liege, dass Dokumentarfilme wie Giedrė Žickytės Dokumentarfilm „A Goodnight Kiss“ über die Holocaustüberlebende Irena Veisaitė eine „widerständige“ Form des Filmschaffens seien, für die man nicht so viel Geld brauche.
In Kriegs- und Krisenregionen ist das ebenso von Vorteil wie in jenen Ländern, in denen autoritäre Regierungen missliebigen Künstlern Förderung und Strukturen kappen. Go East ist für sie eine Plattform im Westen. Auch dazu sendet schon die Eröffnung ein Signal, mit „The Exhibition“, in dem Dáša Raimanová und Béla Váradi von einem queeren ungarischen Roma-Künstler erzählen, der nach Jahrzehnten der Ferne, doppelt, dreifach Repressalien unterworfen, in seinem Heimatdorf eine Ausstellung organisiert.
Erstmals ist das Porträt nicht einer Regiehandschrift, sondern einer Produzentin gewidmet. Die Rumänin Ada Solomon, Jahrgang 1968, ist schon früher zu Gast bei Go East gewesen, schließlich ist sie mit mehr als 90 Filmen, die sie ganz oder koproduziert hat, eine Größe, an der man nicht vorbeikommt im internationalen Filmgeschäft. Und so ist sie nicht nur selbst anwesend, um in einem Filmgespräch Rede und Antwort zu stehen, es sind auch neun ihrer Filme zu sehen. Der von ihr produzierte Festivalliebling Radu Jude ist mit „Bad Luck Banging or Loony Porn“ mit dabei, ebenso wie der Erfolgsfilm „Toni Erdmann“ von Maren Ade, dessen ausführende Produzentin in Rumänien Solomon gewesen ist. Noch mehr Fäden also, die das erste Go East unter Heilers Leitung zusammenbringt.
