Fritz fühlt sich übergangen. Bruno durfte schon in den Wald, Henry hat seine Aufgabe mit Bravour gemeistert, sogar Rentnerin Daika durfte eine Runde drehen. Nur Fritz hockt immer noch in seiner Box im Hundeanhänger der Bad Sodener Feuerwehr, die am Rande des Eichwalds steht. Fritz ist ein abgebrühter Profi, aber bei so viel Missachtung entfährt ihm doch das eine oder andere Winseln.
Fritz ist ein schwarzgelockter Double Doodle, also der Nachkomme eines Goldendoodle und eines Labradoodle. In ihm mischen sich die Freundlichkeit und Intelligenz beider Rassen, er ist leicht zu motivieren und erledigt seine Aufgaben mit Freude. Das ist wichtig für seinen Einsatz, denn Fritz gehört zur Hundestaffel der Freiwilligen Feuerwehr Bad Soden. Zu seinen Tätigkeiten gehört das Aufspüren von Personen. Erst im vergangenen Jahr hat er die Einsatzkräfte zu einer Dame geführt, die unter Demenz leidet und orientierungslos war. Sie lag unterkühlt in einem Gebüsch, das schwer einzusehen war. Wenn Fritz nicht gewesen wäre, wäre die Sache wohl anders ausgegangen.
Seit 2011 gibt es die Rettungshundestaffel bei der Freiwilligen Feuerwehr, offiziell heißt sie RHOT. Das steht für Rettungshunde-Ortungstechnik, denn oft werden die Hundespürnasen von Fritz und seinen Kollegen mit technischen Ortungsmitteln wie Drohnen oder Endoskopkameras kombiniert. Viele Feuerwehr-Rettungshundestaffeln gibt es nicht, in Hessen sind es nur sechs. Und fast alle deutschen Rettungshunde sind in privater Hand und in ehrenamtlichem Einsatz.

Die Hunde sind sehr effektiv, 30.000 Quadratmeter kann ein Hund in zwanzig Minuten absuchen, so verlangt es auch die offizielle Prüfung. Das Training ist aufwendig, zweimal in der Woche trainiert die Staffel. Die Hunde werden in zwei Disziplinen ausgebildet, dem Flächeneinsatz und dem Trümmereinsatz. Der Flächeneinsatz wie hier im Eichwald kommt weitaus häufiger vor. „Die meisten Hunde gehen in Rente, ohne je einen Trümmereinsatz gesehen zu haben“, sagt Patrick Ritter. Er leitet die Einheit und ist Hundeführer von Fritz, dessen Frauchen momentan gesundheitlich ausfällt. „Wir haben eine Arbeitsbeziehung“, sagt Ritter. Ihm gehört auch Labradorhündin Daika, die ihr Leben lang als Rettungshund gearbeitet hat. In ihrem Kopf ist sie das auch noch, aber die Hinterbeine spielen wegen eines neurologischen Schadens nicht mehr so mit. Auf ihrer Rentnerrunde muss sie nur ein kleines Stück Waldboden absuchen. Ein Leckerli gibt es trotzdem.
Die Staffel besteht aus 15 Hundeführern, auch Hundebesitzer benachbarter Feuerwehren sind dabei, mit 20 Hunden in unterschiedlichen Stadien der Ausbildung. Hund und Herrchen bilden jeweils ein Team und werden auch zusammen geprüft. Acht Teams haben die Flächenprüfung, dazu kommen vier Trümmerteams. Henry, der Golden Retriever von Marlin Prauss, zertifizierter Flächensuchhund, wird gerade auf die Trümmerprüfung vorbereitet. Mit zwei Jahren kam Henry aus dem türkischen Tierschutz zu Prauss, mit fünf Jahren wurde er geprüft. Damit ist er ein Spätzünder, aber er macht seine Sache ebenso gut wie alle anderen. Geduldig hat er in seiner Box gewartet, dann geht es in den Wald, wo sich drei Personen für ihn versteckt haben. Er bekommt ein Leuchtgeschirr mit Glöckchen angezogen, dann ist er im Dienst.

Marlin Prauss prüft mit Pulverspray immer wieder die Windrichtung. Der Hundeführer ist im Einsatzfall dafür zuständig, dass das ihm zugewiesene Gebiet systematisch abgegangen wird, da spielt auch der Wind eine Rolle. Ein Hund kann je nach Wetter und Gelände zwischen 70 und 200 Meter weit riechen, aber nicht dann, wenn der Wind den Geruch von ihm fortträgt. Deshalb gehe man das Gebiet im rechten Winkel zur Witterung ab, sagt Prauss.
Die erste Person findet sich im Unterholz. Henry bellt, um sie anzuzeigen, dann bekommt er ein Leckerli und wird ausführlich gelobt. Die zweite hat zur Ablenkung eine Jacke an einen Ast gehängt, aber Henry lässt sich nicht irritieren. Er findet die Versteckte, die sich auf einen erhöhten Ast gelegt hat, und auch die dritte Person unter dem Tarnnetz.
„Es findet nicht der beste Hund, sondern der, in dessen Gebiet sich der Vermisste befindet“, sagt Marlin Prauss. Im Ernstfall wird das Gebiet in Rasterfelder eingeteilt und systematisch abgesucht. Der Eichwald ist recht häufig Einsatzgebiet der Staffel, denn in seiner Nachbarschaft befinden sich die psychiatrische Klinik, das Kreiskrankenhaus und eine Seniorenresidenz. Insgesamt wird die Hundestaffel etwa zehn bis 20 Mal im Jahr zu Einsätzen gerufen.

Während Polizeihunde auf das Auffinden von Drogen, Geld oder Blut trainiert werden und Täter stellen, müssen Rettungshunde anders vorgehen. Die Personen, die sie finden, können sich erratisch verhalten, hilflos oder in einer psychischen Ausnahmesituation sein. „Dem Hund muss egal sein, was diese Person macht und wie sie aussieht“, sagt Patrick Ritter. Auch das wird geübt, manche Zielpersonen lässt Ritter daher singen. Weil viele Vermisste massiv unterkühlt sind und auch Herzbeschwerden und Diabetes vorliegen können, haben die Hundeführer zudem eine erweiterte Sanitätsausbildung.
Der Bad Sodener Eichwald ist an diesem Morgen voller Ablenkungen. Spaziergänger, Jogger, Radfahrer und der Duft einer großen Wildschweinpopulation sorgen für reichlich Ablenkung. Ein ausgebildeter Hund wie Henry darf sich davon nicht beeindrucken lassen und auch nicht von Karnickeln und Eichhörnchen. Er kann Beruf und Freizeit trennen.
Bruno, der junge Cockerspaniel von Nadine Arnold, ist hingegen frisch aus dem Tierheim Koblenz adoptiert und ganz am Anfang seiner Laufbahn. Er umkreist eine gefällte Eiche, die kennt er noch nicht, die ist neu und viel interessanter als die reglose Person, gespielt von Marlin Prauss, die auf dem Eichenstamm liegt. Es braucht ein wenig Motivation, um ihn dorthin zu lotsen, aber es ist die Mühe wert: Prauss hat eine Dose Leckerli dabei.
Zuerst lernen die Hunde, dass es sich lohnt, zu Menschen zu gehen. Dann werden die Verstecke immer besser. Nach der Übungsrunde gibt es eine Pause, dann setzt sich das Gelernte besser fest. Geeignet sind alle Hunde, die mittelgroß sind und sich gut motivieren lassen. Zu kleine Hunde schaffen die Einsätze womöglich körperlich nicht, zu große Hunde haben oft eine verkürzte Lebenserwartung. In Bad Soden liegt das Maß zwischen kleinem Terrier und großem Dobermann.

Bei der Trümmerübung wird die Suche nach Überlebenden nach einer Gasexplosion, einer Flut wie im Ahrtal oder im Falle eines Erdbebens simuliert. Die Hunde reagieren auf menschliche Stoffwechselprodukte, das bedeutet, sie suchen nur nach lebenden Personen. Um sich durch einen Meter Schutt zu wühlen, brauche man eine Stunde, erklärt Patrick Ritter, daher würden bei solchen Einsätzen zunächst alle Ressourcen auf Überlebende fokussiert, die Rettung brauchen. Die Trümmersuche ist komplex, weil der Hund lernen muss, dort anzuzeigen, wo im Schutthaufen er jemanden vermutet.
Das Trainingsfeld für die Trümmerübungen ist der Bauhof der Stadt gleich hinter der Feuerwehr, „weil hier viel Zeug herumsteht“, sagt Ritter. Zorro, elf Monate alt, stammt aus dem Tierheim in Sulzbach. Anica Schmoll ist mit ihm noch ziemlich am Anfang, aber dass er Menschen finden muss, hat er schon verstanden. Zorro rennt los, bewegt sich mit einiger Agilität über die Hindernisse und findet schließlich den Versteckten, der oben auf einem Anhänger liegt. Zorro hat es noch nicht gelernt, die Personen zu verbellen, das ist der nächste Schritt. Auch Bruno ist wieder dabei, der kleine Cockerspaniel lernt diesmal, dass auch strömender Regen einen Hund nicht abhalten darf, seiner Aufgabe nachzugehen.
Um ein offizieller Rettungshund zu werden, gibt es in den Disziplinen Trümmer und Fläche drei Stufen. Die Prüfung RH1 ist die Grundschule, in der Grundgehorsam und das Anzeigen einer Person verlangt werden. Mit RH2 wird es schon schwieriger, hier müssen zuverlässig Personen aufgespürt werden, die Prüfung muss zudem jährlich wiederholt werden. Besteht ein Hund die RH3-Prüfung, kann er international bei Katastrophenschutzeinsätzen mithelfen. Hier wird ausdauernde Suche mit wenig Zeit zum Schlafen und Regenerieren verlangt, die Hunde müssen sich abseilen lassen, dazu muss auch der Mensch zehn Kilometer Gewaltmarsch bewältigen und seine Erste-Hilfe-Fähigkeiten prüfen lassen.

In Bad Soden kommen solche Qualifikationen seltener zum Einsatz, die meisten Hunde haben die RH2-Prüfung. Dafür schlägt aber endlich die Stunde von Double Doodle Fritz. Die Zielpersonen haben sich alle versteckt und unterschiedliche Schwierigkeitsgrade verabredet. Fritz darf aus der Box im Anhänger, wo sich nebenan Rentnerin Daika auf den Trinknapf stürzt. Er bekommt sein Geschirr übergezogen, der Hundeführer prüft mit Puderspray die Windrichtung. Dann fetzt er los in den Wald.
