
Die offizielle Absage des Projekts eines gemeinsamen deutsch-französischen Kampfflugzeugs ist weder ein deutsch-französisches noch ein europäisches Drama. Die Absage war längst überfällig, nachdem die Kontroversen über das schon im Jahr 2017 ins Auge gefasste Projekt kein Ende nahmen. Europa braucht weder Pathos noch abstrakte Debatten über die Vision einer Souveränität, die es auf absehbare Zeit in zahlreichen technologischen und militärischen Anwendungen gar nicht erreichen kann. Es bedarf vielmehr überzeugender Taten.
Um vom ewigen Reden ins Handeln zu kommen, empfehlen sich in Europa auf möglichst vielen Ebenen Koalitionen von Willigen, die gedeihlich, schnell und effizient miteinander arbeiten wollen und können, aber keine gegen innere Widerstände erzwungenen Partnerschaften. Nicht mehr, sondern weniger Industriepolitik muss das Ziel sein; Freiraum für unternehmerische Initiativen und mehr Wettbewerb bleiben das Gebot der Stunde. Die europäische Luftfahrt- und Verteidigungsindustrie besitzt viele Stärken, aber das politische Management lässt immer wieder zu wünschen übrig.
Zahlreiche Kooperationen in Europa
Kooperationen williger Unternehmen für einzelne militärische Projekte existieren in Europa schon in großer Zahl. Das als Alternative zum amerikanischen Flugabwehrraketensystem Patriot bereitstehende europäische System SAMP/T wird vom französischen Verteidigungskonzern Thales und dem Unternehmen MBDA hergestellt, das Airbus, British Aerospace und dem italienischen Rüstungskonzern Leonardo gehört. IRIS-T LSM, ein anderes Flugabwehrraketensystem, wird federführend von dem deutschen Verteidigungsunternehmen Diehl hergestellt; tatsächlich handelt es sich aber um ein multinationales Projekt mit Partnern.
Für das geplante Bundeswehr-Satellitensystem SATCOM Bw4 haben sich neben Rheinmetall und dem Bremer Unternehmen OHB nun auch Airbus zusammengefunden. Ein Gemeinschaftsunternehmen von Leonardo und Rheinmetall hat Ende vergangenen Jahres einen Auftrag der italienischen Streitkräfte über Schützenpanzer erhalten. Für die zukunftsträchtige Drohnenproduktion entstehen in Europa neue Unternehmen und neue Partnerschaften, etwa mit in der Drohnentechnologie fortgeschrittenen Herstellern aus der Ukraine.
Mit der Beweglichkeit der Industrie hält die Politik nicht Schritt. Wer den relativen Niedergang des in alten, wesentlich von Paris gezimmerten, Strukturen erstarrten Herstellers von Trägerraketen Arianespace mit dem kometengleichen Aufstieg Elon Musks bei SpaceX vergleicht, sieht das Elend europäischer Industriepolitik in der Praxis, obgleich die europäische Industrie technologisch nicht hinter der amerikanischen zurückbleibt. Musk sah sich aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, wiederverwendbare Teile von Trägerraketen zu entwickeln, in Europa bestand hierfür aus politischen Gründen kein Anreiz. Ob junge Start-ups, Isar Aerospace ist nur ein Beispiel, das alternde Ariane-Projekt einmal ergänzen können, lässt sich nicht vorhersagen. Das Beispiel zeigt aber: Die Industrie regt sich auch jenseits etablierter Strukturen.
Pragmatismus statt Prestigeprojekte
Wer meint, das deutsch-französische Verhältnis hänge von Prestigeobjekten ab, hat es nicht verstanden. Auch wenn Airbus – wo man sich, wie offenbar vergessen wurde, über viele Jahre heftig gestritten hat – immer wieder als leuchtendes Gegenbeispiel angeführt wird, haben sich deutsch-französische Projekte in der Umsetzung häufig als schwierig erwiesen. Daher ist es richtig, wenn Paris und Berlin jetzt erst einmal eine übersichtliche Zahl gemeinsamer Projekte besprechen wollen, um zu sehen, wo es passt. Und wenn etwas nicht passt, sollte nicht krampfhaft versucht werden, es passend zu machen.
In diesem Geist besteht immer noch die Möglichkeit, Elemente des FCAS-Projekts zu verwirklichen, das neben der jetzt gescheiterten Herstellung eines Kampfflugzeugs die Entwicklung von Drohnen, digitalen Gefechtswolken und weiteren Elementen aus der Hochtechnologie bestehen soll. Das Scheitern des gemeinsamen Flugzeugs kann durchaus wie ein reinigendes Gewitter wirken und den Blick für das Machbare schärfen.
Auch bisher hat es in Europa mehr als einen Hersteller von Kampfflugzeugen gegeben. Deutschland, das seit vielen Jahren zu den Partnern des Eurofighters gehört, während Frankreich auf seinen Rafale setzt, dürfte für ein neues Projekt erprobte Partner finden. Aber auch hier gilt: In den vergangenen Jahren wurde viel Zeit verloren. Für eine Koalition der Willigen ist auch im Bau von Kampfflugzeugen die Zeit zwar noch nicht abgelaufen. Aber sie drängt.
