Im Old Trafford ist die Schlussphase angebrochen. 2:2 steht es zwischen den Fußballerinnen von Manchester United und dem FC Bayern, als sich eine dieser Szenen ergibt, die über ein ganzes Spiel entscheiden. Im Zentrum bekommt Momoko Tanikawa den Ball und verlagert auf die linke Seite zu Franziska Kett, die nach kurzem Dribbling wieder zu ihr zurückspielt.
Tanikawa nimmt an, lässt ihre Gegenspielerin mit einer Körpertäuschung ins Leere laufen – und verwandelt zum 3:2-Siegtreffer. Das können nicht viele. Und das trauen sich in dieser Situation auch nicht viele. Tanikawa wirkt dabei, als hätte sie Zeit, obwohl sie keine hat.
Für das Viertelfinal-Rückspiel am Mittwoch (18.45 Uhr bei Disney+) dürfen sich die Bayern-Frauen aber nicht darauf verlassen, dass sich das Spiel wieder durch eine einzige Aktion entscheiden lässt. Ob sie erstmals seit der Saison 2020/21 wieder ins Halbfinale der Champions League einziehen, wird auch damit zusammenhängen, ob sie jene Präsenz im Zentrum, die im Hinspiel erst mit Tanikawas Einwechslung entstanden ist, diesmal von Beginn an herstellen – und damit früher Kontrolle über das Spiel erzwingen.
Bis zur 60. Minute hätte es in beide Richtungen kippen können. Dann kam Tanikawa und mit ihr eine Komponente, die der Mannschaft zuvor gefehlt hatte. Zwar konnten die Gegnerinnen nochmals ausgleichen, aber mit Tanikawa wurden die Bayern-Frauen deutlich gefährlicher. Tanikawa ist erst 20 Jahre alt, spielt aber bereits mit einer Selbstverständlichkeit, die man eher von routinierteren Spielerinnen erwarten würde. Ein bisschen erinnert sie an Jamal Musiala, wenn sie das Spiel an sich zieht: ihr Ballgefühl, das plötzliche Aufdrehen, ihre Kreativität.
FCB-Trainer Barcala: Tanikawa ist „Weltklasse“
Linda Dallmann nennt Tanikawa einen Glücksgriff – sportlich wie menschlich – und spricht von einer Qualität, die sie „nur sehr selten“ gesehen habe: „Und ich habe schon mit vielen zusammengespielt.“ Bayern-Trainer José Barcala lobt sie als eine Spielerin, die „selbst unter Druck im Ballbesitz in der Lage ist, nach vorne zu spielen“. Sie könne das Pressing durchbrechen und Pässe mit dem ersten Kontakt spielen, wo andere eine zusätzliche Berührung brauchten. Tanikawa sei unberechenbar, und sobald sie im letzten Drittel Raum bekomme, sei sie eiskalt. Zugleich betonte Barcala aber auch ihre defensive Cleverness: „Sie ist Weltklasse.“
Gerade in Spielen, die von Kleinigkeiten entschieden werden, ist Tanikawa für die Bayern-Frauen so wertvoll, weil sie beides verbindet: die individuelle Qualität, um ein Spiel zu fühlen – und die Übersicht, um es zu lesen. Tanikawa bewegt sich zwischen den Linien, findet auf engem Raum Lösungen, die andere nicht erkennen, und kann das Spiel mit wenigen Kontakten beschleunigen. In Abwesenheit von Klara Bühl ist ihre Bedeutung für die Mannschaft nochmals gewachsen, weil sie dem Spiel den X-Faktor gibt.
Vor allem an der Seite von Pernille Harder entsteht so ein Duo, das in der Champions League den Unterschied machen kann. „Wir haben eine gute Chemie zusammen“, sagt Harder, und solche Chemie hilft insbesondere auf engem Raum: Mitspielerinnen wissen, dass Tanikawa eine Idee haben wird – und passen ihre Spielweise daran an.

Schon im Januar 2024 hatten die Bayern-Frauen Tanikawa aus der japanischen JFA Academy verpflichtet. Sie wurde aber umgehend für ein Jahr an den schwedischen FC Rosengård verliehen, um sich dort an den europäischen Fußball zu gewöhnen. Tanikawa sollte lernen, ihren Körper und ihre Technik auch in einer physisch starken Liga einzusetzen.
In München ist Tanikawa den nächsten Schritt schneller gegangen, als viele es erwartet hätten. Bei der ersten Austragung des Kleinfeldturniers „World Sevens Football“ erzielte sie nicht nur die meisten Tore, sondern wurde auch als beste Spielerin ausgezeichnet. Im November verlängerte sie ihren Vertrag beim FC Bayern vorzeitig bis Mitte 2029. „Wir sind überzeugt, dass sie eine ganz Große werden kann“, sagt Bianca Rech, Direktorin Frauenfußball, über Tanikawa. Seit ihrem ersten Tag in München sei man sich bewusst gewesen, welches Entwicklungspotential sie habe.
Im Hinspiel war Tanikawa nach dem gewonnenen Asien-Cup mit Japan noch nicht im Takt – und hat der Partie trotzdem ihren Stempel aufgedrückt. Im Rückspiel wird sie wohl in der Startelf stehen. Es wird auch an ihr liegen, ob die Bayern-Frauen den entscheidenden Moment nicht nur suchen, sondern ihn auch finden.
