Wenn man die Geschichte der Super-Bayern in dieser Saison erzählen will, kann man sie nicht ohne Harry Kane erzählen, den besten Torjäger der Saison (und auch der beiden davor). Dass er sich jedes Spiel untertan machen kann, wusste man schon vor seinen drei Toren in diesem Pokalfinale. Nun kann man aber auch mit Sicherheit sagen, dass es nur eine eigenwillige Laune des Fußballs gewesen ist, eine spezielle Form von englischem Humor, dass ihm das bislang noch in keinem Finale gelungen war.
Man kann die Geschichte auch nicht ohne Michael Olise erzählen, den besten Spieler der Saison (und vielleicht auch der davor), der im Pokalfinale zwar nicht sein bestes Spiel machte, das aber immer noch gut genug war, um zwei Mal für King Kane den Harry zu machen. Olises Flanken führten beim 3:0 gegen den VfB Stuttgart zum ersten und zum dritten Tor.
Man kann die Geschichte aber schon gar nicht ohne Vincent Kompany erzählen, den besten Trainer der Saison. Es lässt sich vielleicht kein Nachweis führen, dass er in diesem Pokalfinale ein besserer Trainer war als Sebastian Hoeneß, der seinerseits den Preis für den besten Trainer der Saison verdient hat: den der anderen. Aber die Bayern-Kategorie ist eben noch einmal eine andere, eine eigene.
Was würde Kompany jetzt tun (oder sagen)?
Wie Kompany es in dieser zur Meisterschaft gebracht hat, zeigte sich auch am späten Samstagabend im Berliner Olympiastadion: Weil er die Bühne immer am liebsten ganz seinen Spielern überlassen würde. Weil er nicht viel reden muss, um das richtige zu sagen. Und weil nichts, was er tut, auf Effekt aus ist. Mit dem Effekt, dass er Fußball-München leuchten lässt.
Der FC Bayern ist die meiste Zeit seiner erfolgreichen Geschichte ein Player‘s Club gewesen, und in der jüngeren Vergangenheit dann besonders erfolgreich, wenn die Trainer das auch verstanden (oder gar nicht erst verstehen mussten): mit Jupp Heynckes, mit Hansi Flick. Nun kann man einwenden, dass Kompany auch erst den großen Henkelpott gewinnen muss, um als großer Bayerntrainer in die Geschichte einzugehen, man kann auch hinzufügen, dass er dazu womöglich noch Anpassungen an seiner Spielidee vornehmen muss; dass es zumindest Gesprächsbedarf gibt, hat Joshua Kimmich schon vor dem Aus in der Champions League anklingen lassen.
Aber der 40 Jahre alte Belgier hat die Bayern in seinen zwei Jahren mit einer solchen Bierruhe geführt, dass man sich in den vergangenen Wochen und Monaten, wenn es bei einer anderen großen Mannschaft turbulent wurde, schon fragen konnte: Was würde Kompany jetzt tun (oder sagen)? Und wenn die Nationalmannschaft eine Super-Weltmeisterschaft spielen soll in diesem Sommer, dann wäre es besser, wenn sich die Spieler das nicht so oft fragen.
Es ist schwer zu sagen, was die größere Herausforderung ist: Bayern- oder Bundestrainer zu sein, beides ist ein Posten, auf den einen kein anderer im Fußball vorbereitet. Julian Nagelsmann macht diese Erfahrung nun schon zum zweiten Mal. Dass es in München eine gemischte wurde, hatte auch damit zu tun, dass sich dort zu oft zu viel um ihn drehte, es zu viel Nagelsmann auf der Bühne war. Auch wenn er das vielleicht gar nicht wollte, dann aber doch nicht anders konnte. Zumal die Klubverantwortlichen ihn in schwierigen Momenten allein haben auf der Bühne stehen lassen.
Auch Kompany muss womöglich noch diese Erfahrung machen: Wie man in München die Ruhe behält, wenn es stürmisch wird, bislang herrschte fast immer Sonnenschein. Was man aber nach zwei Jahren mit Kompany als Bayern- und knapp drei mit Nagelsmann als Bundestrainer sagen kann: Während der eine gern eine Geschichte davon erzählen würde, wie man Klarheit schafft, in der Sache und in der Kommunikation, muss der andere das gar nicht tun. Weil seine für sich selbst spricht.
