Der Schnee war rechtzeitig weggetaut und der Regen ließ lange auf sich warten: Trotz grauen und nass-kühlen Wetters haben Hunderttausende Närrinnen und Narren friedlich und ausgelassen den Höhepunkt des Straßenkarnevals beim Rosenmontagszug in Mainz gefeiert.
Die Veranstalter gehen davon aus, die Marke von 500.000 Zuschauern wieder geknackt zu haben, wie der Sprecher des Mainzer Carneval-Vereins (MCV), Michael Bonewitz sagte.
Das Wetter
Es habe etwas verhaltener begonnen, «jetzt ist es aber ganz schön voll», stellte Bonewitz am Nachmittag am Schillerplatz vor dem Fastnachtsbrunnen fest. «Ganz klar, das liegt am Wetter.» Der kurzzeitige Wintereinbruch am Sonntagabend und in der Nacht habe viele verunsichert, dazu seien zumindest auf der Strecke Mainz-Ingelheim Zugprobleme gekommen.
Ganz so viele Zuschauer wie im Vorjahr bei Traumwetter feierten zwar in Mainz nicht, aber eine halbe Million sei bei sechs bis acht Grad doch gekommen. Der Regen, der am Nachmittag einsetzte, verzog sich auch bald wieder. «Schlechtes Wetter hatten wir schon immer», sagte Bonewitz. «Und eigentlich sind Fastnachter hart gesotten.»
Motivwagen
US-Präsident Donald Trump, Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) wurden auf Motivwagen auf die Schippe genommen. Die Gefahren von Social Media, den Wurst essenden CSU-Chef Markus Söder, die Aktivrente und das neue Bestattungsverbot in Rheinland-Pfalz spießten die Narren auf den elf Motivwagen auch auf.
Kürzerer Zug hat sich bewährt
Pünktlich um 11.11 Uhr hatte sich der Zug mit mehr als 9.200 Teilnehmern und elf Motivwagen in der Neustadt auf den Weg durch die Landeshauptstadt begeben. Die Verkürzung des Zugs um 20 auf 121 Nummern habe sich bewährt und ihn wie erhofft wieder handelbarer gemacht, sagte Zugmarschall Thorsten Hartel. Bis zum Sonnenuntergang um kurz vor 17 Uhr sollte der Zug die 7,2 Kilometer lange Strecke – vorbei am Dom – vollständig hinter sich gebracht haben. «Wir sind gut durchgekommen», sagte der Zugmarschall.
Das Motto der Fastnacht lautet in diesem Jahr: «Die Hofsänger im Gold’nen Mainz – seit 100 Jahr’ die Nummer eins». Der auch über Mainz hinaus bekannte Chor feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag.
Kostüme
Dick eingepackte Leoparden, Kängurus, Löwen und viele andere Tier-Kostüme: Zahlreiche Närrinnen und Narren wählten wärmende und oft pelzige Verkleidungen, vermutlich wegen des Wetters. Viele Narren waren auch mit dicken, wasserabweisenden Jacken unterwegs oder mit Mütze und Brille als Skifahrerinnen und Skifahrer kostümiert.
An vielen Ecken in der Innenstadt ging es tierisch zu. Nicht immer war ganz klar zu erkennen, um welchen Vierbeiner es sich handeln sollte. Zu sehen waren an der Zugstrecke etwa auch Igel mit braunen Schaumstoffstacheln, andernorts Kühe oder Waschbären. Eltern jubelten den Wagen in Imkerkostümen zu, davor die Kinder im warmen Bienen- oder Hummel-Look. Es schunkelten Mönche mit Piraten, tanzten Zwerge, Mäuse und Elfen mit Wikingern und Clowns.
Stimmung
Polizeisprecher Rinaldo Roberto sprach von einer ziemlich fröhlichen und ausgelassenen Stimmung und sah bis zum späteren Nachmittag aus polizeilicher Sicht überhaupt keine Probleme. «Es wird jedes Jahr besser.»
Alkohol und Sanitäter
Mehr als 510 Menschen wurden bis zum Nachmittag kontrolliert, 375 von ihnen bei Jugendschutzkontrollen. Über 140 Liter Alkohol mussten entsorgt werden. Die Feuerwehr habe nur 88 Einsätze gehabt, darunter 10 wegen Alkohol – und es seien nur zwei Minderjährige betroffen gewesen.
Sicherheit
Die Polizei setzte auf mehr Videoüberwachung als in den vergangenen Jahren gesetzt. «Wir rüsten jedes Jahr technisch ein bisschen auf», sagte Innenminister Michael Ebling (SPD) beim Besuch der Einsatzbefehlsstelle im Polizeipräsidium in Mainz am Morgen. Mehr Videoüberwachung solle dazu beitragen, an neuralgischen Punkten frühzeitig zu sehen, wenn etwas passiere.
Wichtig sei auch die Luftüberwachung – die Polizei habe das Instrumentarium, um notfalls Drohnen vom Himmel zu holen, sagte Ebling, der den Besuch im Polizeipräsidium wie gewohnt in Gardeuniform absolvierte und Kreppel mitbrachte. Polizeisprecher Roberto berichtete, erstmals sei ein Drohnenpilot ausfindig gemacht worden, ihm drohe jetzt ein Bußgeld.
Allein an Rosenmontag in Mainz ist die Polizei über den gesamten Tagesverlauf mit rund 1.100 Beamtinnen und Beamten im Einsatz. Es wurden für in Vorjahren aufgefallene Menschen Aufenthaltsverbote ausgesprochen.
Die Polizei nahm zwei Körperverletzungsdelikte auf und eine Person wegen aggressiven Verhaltens in Gewahrsam. Zudem wurden vier täuschend echt aussehende Waffen sichergestellt.
Ministerpräsident als Gutenberg
Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) setzte an Rosenmontag auf Bewährtes. Erneut in der Verkleidung als Johannes Gutenberg – dem berühmtesten Sohn der Stadt – zeigte sich der Regierungschef auf der Ehrentribüne in der Nähe des Mainzer Doms.
«Das hat mir im letzten Jahr Spaß gemacht. Und dieses Jahr hat es auch wieder gepasst», sagte Schweitzer lachend zu seiner Kostümauswahl. «Das passt zu Rheinland-Pfalz und zu Mainz.» Das Denkmal des Erfinders des Buchdrucks gegenüber der Tribüne hatte wie Schweitzer auch eine traditionelle Fastnachtsmütze auf.
Politprominenz schunkelt zusammen
Fröhlich und bestens gelaunt begrüßte der Regierungschef die vorbeiziehenden Wagen und Gruppen unermüdlich mit einem dreifach donnernden Helau, Helau, Helau. Schweitzer rief immer wieder: «Schön, dass ihr da seid», «willkommen in Mainz» und sagte die aufziehenden Züge an.
An der Seite des Ministerpräsidenten zeigte sich weitere Politprominenz aus Rheinland-Pfalz: Der Mainzer Oberbürgermeister Nino Haase (parteilos) schunkelte und lachte genauso wie Innenminister Michael Ebling (SPD), Finanzministerin Doris Ahnen und Justizminister Philipp Fernis (FDP).
Politiker im Flamingo-Look
Innenminister Ebling fühlte sich von einem Motivwagen mit seinem Konterfei im Flamingo-Look geschmeichelt. «Ich bin ein bisschen überrascht, dass ich so schlanke Beine habe», sagte er vor dem Start des Zuges. Auch das Sixpack bei dem Motivwagen-Ebling sei ihm aufgefallen. «Seit zwei Tagen habe ich jetzt einfach das Essen eingestellt», sagte er.
Auf dem Wagen sind der frühere Mainzer Oberbürgermeister Ebling, der aktuelle Mainzer Oberbürgermeister Haase und der frühere Finanzdezernent und Bürgermeister von Mainz, Günter Beck (Grüne) als im Wasser watende Flamingos zu sehen.
Hintergrund des Ganzen ist, dass es im Mainzer Stadtpark viele Jahre einen Weiher mit Flamingos gab. Aus Tierschutzgründen entschied die Stadt im vergangenen Jahr, die Vögel nicht weiter dort halten zu wollen, was einige Mainzer bedauerten. Auf dem Motivwagen steht nun geschrieben, dass Haase, Ebling und Beck in die Rolle des Federviehs schlüpfen wollten.
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