Die Männer, die während des Jugoslawienkriegs von Italien aus nach Sarajevo fuhren, um dort am Wochenende auf Frauen, Männer und Kinder zu schießen, nahmen Trophäen nach Hause mit. Es waren die Patronenhülsen, zumeist vom Kaliber 7,62 mal 51 Millimeter, auf denen eine Farbe angab, welches Ziel getroffen worden war. Blau stand für einen Jungen, Rosa für ein Mädchen. Rot für einen Mann, Rot und Grün, wenn es sich um einen Soldaten handelte.
Gelb für eine Frau, Schwarz und Blau für den Mord an einem betagten Mann, Schwarz und Rosa für eine ältere Frau. Die begehrteste Ziele dieser „Jäger“ waren Kinder. So jedenfalls erzählte es ein Mann, genannt „Franzose“, dem Mailänder Autor Ezio Gavazzeni, und so steht es in seinem Buch „I cecchini del weekend“ (Die Wochenend-Scharfschützen), das jetzt in Italien bei PaperFirst, dem Buchverlag der Zeitung „Il Fatto Quotidiano“ erschienen ist. Es stellt die These auf, es habe in den Neunzigerjahren organisierte Tötungstouren nach Sarajevo gegeben.
Über Nacht wurde sein Name bekannt
Gavazzenis möchte mit seinem Buch Licht in eine dunkle Erzählung des Jugoslawienkrieges bringen, die oft als urbane Legende abgetan wurde. Sie handelt von wohlhabenden Westeuropäern, unter ihnen viele Italiener, die während der Belagerung von Sarajevo, die am 6. April 1992 begann und am 29. Februar 1996 endete, hohe Summen bezahlten, um an der Seite der Scharfschützen der bosnisch-serbischen Armee auf wehrlose Menschen zu schießen. Etwa 10.000 Zivilisten wurden in der abgeriegelten Stadt durch Granatenangriffe und die Kugeln aus dem Nichts getötet. Offiziellen Statistiken zufolge sollen 1600 Kinder unter den Opfern gewesen sein. Das jüngste war ein Mädchen, gerade ein Jahr alt.

Erste Erkenntnisse aus dem Buch, an dem die Kriminologin Martina Radice mitarbeitete, hatten im vergangenen Herbst für weltweite Aufmerksamkeit gesorgt (F.A.S. vom 29. November 2025). Noch während Ezio Gavazzeni an ihm schrieb, übergab er Informationen an die Mailänder Staatsanwaltschaft und erstattete zusammen mit dem pensionierten Richter Guido Salvini Anzeige. Im Oktober 2025 leiteten die Mailänder Ankläger Alessandro Gobbis und Marcello Viola ein Strafverfahren wegen mehrfachen Mordes aus niedrigen Beweggründen ein, im November wurden erste Zeugen vernommen. Dreißig Jahre nach Kriegsende stehen derzeit drei Männer unter dem Verdacht, in Sarajevo geschossen zu haben.
Über Nacht wurde Ezio Gavazzenis Name über die Grenzen Italiens hinaus bekannt. In der Folge meldeten sich weitere Quellen bei ihm, die in das Buch eingeflossen sind. Es beginnt am Morgen des 30. März 1995, als Gavazzeni durch einen Artikel des „Corriere della Sera“ zum ersten Mal von „Touristen in Tarnkleidung“ erfuhr, die das Wochenende mit Jagdgewehren in den Hügeln von Sarajevo verbrachten. 2022 nahm er Kontakt zu dem slowenischen Regisseur Miran Zupanič auf, dessen Film „Sarajevo Safari“ ebenfalls die Spur der Hobby-Scharfschützen verfolgt. Gavazzeni begann dort zu suchen, wo er und andere aufgehört hatten. Er konsultierte Dokumente und fahndete nach Menschen, die etwas wissen konnten. Edin Subasić, der während des Krieges für den bosnischen Geheimdienst arbeitete, wurde zu einer wichtigen Quelle. Seinen Aussagen zufolge war der italienische Militärnachrichtendienst Sismi über die Präsenz ausländischer Hobby-Scharfschützen informiert.
„Elite-Raubtiere, perfekt integrierte, erfolgreiche Individuen“
Das Buch ist vor allem dort stark, wo es seine Leser mit zu diesen Stimmen nimmt, die erstmals zu hören sind. Einige Zeugen suchte Gavazzeni zusammen mit Guido Salvini auf, der in Italien den Ruf eines hervorragenden Fahnders genießt. Die Transkripte dieser Gespräche, in denen Ungeheuerliches berichtet wird, werden in ungekürzter Form wiedergegeben und kritisch kommentiert. Wegen der laufenden Ermittlungen sind Namen verkürzt und manche Textstellen geschwärzt.
In Triest, das während des Krieges ein Umschlagplatz für Waffen, Drogen und Menschen war, erzählte ihnen ein Mann, dass er im Auftrag eines Mazedoniers, der mit den Initialen CB abgekürzt wird, Fahrzeuge mit falschen Zeichen des Roten Kreuzes ausstattete und Waffenhalterungen in die Motorhauben schweißte. Mit ihnen seien Führungskräfte von Pharmaunternehmen aus der Region Vicenza, Bergamo und Verona nach Jugoslawien gebracht worden. Offiziell habe es geheißen, es gehe um Medikamententransport.

Die Männer selbst hätten von einem Kurzurlaub gesprochen, zu dem die Jagd auf Menschen gehört haben soll. Von zentraler Bedeutung für die Justiz könnten unter Umständen auch die Aussagen des „Franzosen“ sein, der angibt, „Reisegruppen“ von Mailand aus nach Bosnien begleitet zu haben. Im Auftrag einer Organisation, die den Mord an Zivilisten offenbar als eine Art Rundum-Sorglos-Wochenendpaket an wohlhabende Bürger verkaufte, nach heutigem Kurs für einen Preis von bis zu 200.000 Euro. Freitags brach man mit einem Kleinbus in Mailand auf, sonntags kehrte man nach Hause in sein Leben als angesehener Arzt, Notar, Unternehmer, Richter oder Anwalt zurück.
Für die Kriminologin Martina Radice, die das soziale und psychologische Profil der Täter skizziert, sind diese Männer „Elite-Raubtiere, perfekt integrierte, erfolgreiche Individuen, die über eine außergewöhnliche wirtschaftliche und soziale Macht verfügen“. An den Safaris hätten zwischen 1991 und 1995 etwa 250 Italiener teilgenommen, außerdem Franzosen, Belgier, Schweizer und Österreicher. „Die Jagd wurde mit der Sorgfalt eines exklusiven Sportereignisses geplant.“
Innerhalb von sechs Stunden sechs Menschen getötet
Im Zentrum soll „ein bedeutendes belgisches Sicherheitsunternehmen“ gestanden haben, das bis heute eine Mailänder Filiale besitze. In den Banken und Unternehmen, in denen die Firma tätig war, seien diejenigen angesprochen worden, die an der Menschenjagd interessiert sein könnten. Weitere „Kunden“ seien durch Mund-zu Mund-Propaganda hinzugekommen. „Bogenschützen“ auf der Jagd nach „Hirschen“, so habe der Code für potentiell Interessierte gelautet. Eine zweite Agentur habe sich darum gekümmert, die Kunden am Flughafen Belgrad in Empfang zu nehmen und sie in die Hügel von Sarajevo, Mostar, Tuzla oder Srebrenica sowie am Ende des Jagdausflugs zurück nach Italien zu bringen.
Die „Bogenschützen“ hätten in der Regel sechs Stunden lang Zeit zum Schießen gehabt. Die Preise für die Opfer seien gestaffelt gewesen. Die Ermordung eines Kindes habe am meisten gekostet, gefolgt „von jungen Mädchen im Alter von 15 bis 16 Jahren“. Am günstigsten sei die Erschießung älterer Menschen gewesen. Gegen Kriegsende hätten sich die Tarife für einen Abschuss vervielfacht – bei Kindern auf bis zu 50.000 Euro nach heutigem Kurs. „Im Laufe meiner Begleitungen gab es einen italienischen Bogenschützen, der innerhalb von sechs Stunden zwei Kinder, eine Frau und schließlich drei alte Menschen umbrachte“, berichtet der „Franzose“. Er habe auch als Leibwächter der „Bogenschützen“ fungiert und die Opfer gezählt, um die entsprechenden Trophäen auszugeben.
Anonyme Nachrichten auf dem Instagram-Profil
Man merkt dem Buch an, dass Gavazzeni hofft, durch die Veröffentlichung eine ethische Provokation auszulösen, um die Mauer des Schweigens, die seit Jahrzehnten die Täter deckt, weiter zu durchbrechen. An manchen Stellen scheint er sich direkt an Leser zu wenden, die dabei helfen könnten. „Es sind einige zaghafte Nachrichten auf meinem Instagram-Profil angekommen, sogar eine SMS in der Silvesternacht, am 1. Januar um 2:26 Uhr. Dann kehrten diese Wesen, versteckt hinter einem manchmal „sympathischen“ Spitznamen, in die Anonymität zurück. Hilferufe, die sich dann nicht in einen Kontakt, in eine Erzählung, in eine Geschichte verwandelten.“
Gavazzeni ist davon überzeugt, dass unter den „Bogenschützen“ wenigstens einer sei, dem sein damaliges Handeln auf der Seele laste. „Vielleicht bin ich ein Träumer. Aber ich bin überzeugt, dass es irgendwo jemanden gibt, der nachts nicht schlafen kann, geplagt von den Bildern eines getroffenen Kindes.“
Dass trotz zahlreicher Verdachtsmomente fast 34 Jahre vergehen mussten, ehe die Justiz sich dieses dunklen Kapitels annahm, ist für ihn nicht nachvollziehbar. „Zum Zeitpunkt der Fertigstellung meines Textes geht meine Recherche weiter“, schreibt er in diesem wichtigen Buch.
