Wo die Grenze zu den „Ultrareichen“ liegt, die der Titel von Evan Osnos’ Buch anführt, wird sich mit einer Zahl kaum bestimmen lassen. Eher schon damit, dass für diese Ultrareichen eine echte und dabei halbwegs diskrete, nämlich hauptsächlich unter Mitspielern sichtbare Statusanzeige durch unproduktives Geldverbrennen gar nicht so leicht zu etablieren ist. Oder es für einige von ihnen zumindest war, bis die Yachten ins Spiel kamen. Deren Kategorisierung schwankt, jedenfalls aber hält man im laufenden Wettbewerb mittlerweile bei „Gigayachten“ von über neunzig Meter Länge, von denen bereits ungefähr hundert über die Meere schippern. Während über dreißig Meter Länge mittlerweile wohl schon bald von annähernd sechstausend Exemplaren erreicht werden, also bloß eine reiche Unterschicht anzeigen.
Dem Phänomen der Super-, Mega- und Gigayachten, den „Schreinen überflüssigen Kapitals“, ist der erste der Texte gewidmet, die Evan Osnos in diesem Band versammelt. Zwischen 2018 und 2024 (noch vor der Wiederwahl Donald Trumps) im „New Yorker“ veröffentlicht, beschäftigen sie sich alle mit der Amalgamierung von „big money“ und gesellschaftlich-politischer Macht in den USA. Man könnte auch sagen, mit der Vorgeschichte der von Donald Trump schamlos zelebrierten plutokratischen Übernahme amerikanischer Politik.
Die Yachten versprechen den Reichen Autonomie
In seiner im Original vor fünf Jahren erschienenen „Reise durch die gespaltenen Staaten von Amerika“ hatte der zweifache Pulitzer-Preisträger sich auf eine unruhige gesellschaftliche Mitte konzentriert, nun folgt ein „Bestimmungsbuch für die Ultrareichen“, einschließlich skizzierter Entwicklungen, wie sie zu ihrer dominanten Stellung überhaupt kamen.

Die ziemlich gut abgedichtete Welt der Yachten bildet den Einstieg des mit Bedacht komponierten Bandes. Angesichts der Aufmerksamkeit, welche diese aufs Äußerste gesteigerten Luxusobjekte seit einiger Zeit schon genießen, darf man sich keine grundlegenden neuen Einsichten erwarten. Aber das Geschick ist überzeugend, mit dem der Autor dabei eine Vielzahl von Stimmen zu Gehör zu bringen und zu arrangieren weiß, von Leuten, welche diese Welt am Laufen halten (und abgesehen von den Eignern an ihr meist auch gut verdienen).
Dieses Geschick zeigen auch die anderen Texte. Einer nimmt gleich die Überleitung vom Motiv der vermeintlichen Autarkie, das mit den Yachten verknüpft ist (von weit draußen grüßen sogar Peter Thiels schwimmende, aller staatlichen Regulierung enthobene Inseln), zum Prepping unter Reichen, also der aufwendigen Vorsorge für den Fall eines mehr oder minder vollständigen Ausfalls von Gemeinwesen und Infrastruktur: etwa durch festungsartige Anwesen, Bunker, Immobilien in umgebauten alten Raketensilos, betankt bereitstehende Hubschrauber und so fort. Da ist schon der Umstand bedeutsam, dass in Kreisen, wo man an den Hebeln gesellschaftlich einschneidender technischer Entwicklungen sitzt (und daraus immensen Reichtum zieht), offenbar nicht selten ein bevorstehender Zusammenbruch – vom mittlerweile „kulturell dünnen Eis“ spricht einer dieser Leute – als möglich oder sogar wahrscheinlich erachtet wird.
Nachforschungen an der Goldcoast
Angesichts dieser Bekenntnisse würde einen gar nicht wundern, wenn der Autor hier mit einem entschiedenen Verdikt nachsetzte. Aber das braucht es bei Osnos gar nicht. Er bringt da und dort einen feinen Stich an, kann aber ansonsten seine knappen, in gut recherchierte Hintergründe eingebetteten Porträts respektive die Porträtierten für sich sprechen lassen und sich an konzise Resümees halten.
Analyse und gut gewählte Gesprächspartner finden in einem exzellenten Text zusammen, der unterfüttert mit des Autors Jugenderinnerungen die Wandlungen des republikanischen Establishments an Connecticuts Gold Coast, im reichen Greenwich, nachzeichnet. Da gilt es – andere Autoren auf den Spuren der Anbahnung der Möglichkeit eines Donald Trump als Dominator der Grand Old Party haben es ebenfalls demonstriert – auch weit zurückliegende Weichenstellungen und atmosphärische Veränderungen in den Blick zu nehmen.
Am vorläufigen Ende jedenfalls steht ein Reichtum, der sich nicht mehr rechtfertigen muss, Zynismus gegenüber Marktmechanismen übt, Rücksichtslosigkeit bis zur Grausamkeit als Mittel des Profits verzeiht und über der „richtigen“ Steuerpolitik samt Deregulierung alles andere zu übergehen bereit ist. Und eine herrschende Klasse, die gemäßigte Ansichten von einst hinter sich gelassen hat und die Aushöhlung staatlicher Institutionen befördert (es sei denn, man braucht sie halt doch, wie in der Finanzkrise von 2008, um sich aus der gesamtgesellschaftlich angerichteten Bredouille zu ziehen).
Im Schlussteil des Buches steht das große Geld nicht mehr direkt im Fokus, aber doch Wirkungen, welche sein Aufschwung hat. Da schildert Osnos etwa eindrücklich, wie ein recht erfolgloser Schauspieler das größte betrügerische Schneeballsystem Hollywoods auf den Weg brachte, um zumindest für einige Zeit und zuletzt auf Kosten geprellter Kleinanleger unter die Reichen aufzusteigen. Oder porträtiert ehemals gut betuchte Geschäftsleute, die sich in einem Beratungskreis für abgeurteilte Wirtschaftskriminelle zusammenfinden, um Ratschläge für das Gefängnisleben und das Wiederfußfassen nach der Entlassung auszutauschen. Ein Abgesang, aber keiner, der die Ultrareichen kümmern muss.
Evan Osnos: „Yacht oder nicht Yacht“. Nachrichten aus der Welt der Ultrareichen. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. C.H.Beck Verlag, München 2026. 315 S., br., 20,– €.
