Europa hat diese Abfolge schon einmal erlebt. Irak 2003. Libyen 2011. Dann, 2015, erreichten die Konsequenzen Europas Grenzen und drangen in seine Politik ein.
Jetzt wiederholt sich dasselbe Muster – in weit größerem Maßstab. Seit dem 28. Februar bombardieren die USA und Israel Iran. Vergeltungsschläge weiten sich in der gesamten Region aus. Auf dem Spiel steht nicht mehr nur eine militärische Befehlskette, sondern der zivile Apparat eines Staates: Ministerien, Lieferketten, Polizeikapazitäten, grundlegende Verwaltungsstrukturen – die fragilen Routinen, die ein Land von 90 Millionen Menschen vor dem Abgleiten in gewaltsames Chaos bewahren.


Europas Fehler besteht nicht darin, dass es die Gefahr nicht erkennt. Es verhält sich vielmehr so, als sei die Gefahr eine äußere. Das ist sie nicht. Europa wird bereits militärisch, wirtschaftlich und politisch in die Peripherie dieses Krieges hineingezogen, während es so tut, als hätte es noch den Luxus der Distanz. Europäische Regierungen haben Marine- und Luftwaffenverbände verlegt, begrenzten logistischen oder defensiven Beistand geleistet und versucht, die Sprache der Nichtbeteiligung aufrechtzuerhalten, während der Konflikt um sie herum eskaliert.
Drohende Flüchtlingsströme
Diese Fiktion ist umso leichtsinniger, als Iran bereits vor dem ersten Bombenabwurf unter außerordentlichem innerem Druck stand. Die Weltbank prognostizierte, dass die Wirtschaftskrise 2025 weitere zwei Millionen Iraner in die Armut treiben würde, mit einem weiteren Anstieg um drei Millionen im Jahr 2026. Die Inflationsaussichten waren bereits drastisch. Die Bomben fielen nicht auf eine stabile Gesellschaft. Sie fielen auf einen Staat, der durch Sanktionen, wirtschaftliche Erschöpfung und eine tiefe Legitimitätskrise bereits geschwächt war.
Das ist für Europa folgenreich: Denn ein Staatszerfall in Iran würde nicht in Iran bleiben.
Die Europäische Asylagentur (EUAA) hat dies mit ungewöhnlicher Deutlichkeit formuliert: Selbst eine partielle Destabilisierung Irans könnte Flüchtlingsbewegungen von beispiellosem Ausmaß auslösen. Bei einer Bevölkerung von rund 90 Millionen Menschen würde die Vertreibung von nur zehn Prozent mit den größten Flüchtlingsströmen der jüngeren Geschichte vergleichbar sein – auch wenn die Agentur ausdrücklich betont, dass ein solches Szenario hochgradig spekulativ bleibt. Diese Kombination aus Warnung und Vorsicht ist genau die richtige. Falsche Präzision ist überflüssig; das Ausmaß der Gefahr steht außer Zweifel. Europa muss die genaue Zahl nicht im Voraus kennen, um zu wissen, dass kein System, das es gegenwärtig besitzt, für einen Schock dieser Größenordnung ausgelegt wurde.
Die Türkei ist entscheidend
Die Gründe zur Besorgnis reichen tiefer als die bloße Bevölkerungszahl. Anders als Syrien 2011 ist Iran bereits vor einem vollständigen Zusammenbruch wirtschaftlich ausgezehrt. Ein Land, das schon rasante Verarmung, politische Repression und institutionellen Verfall erlebt, wird Erschütterungen weniger auffangen als in Flucht verwandeln.
Ein weiterer Faktor wird im europäischen Diskurs zu oft übergangen. Iran ist selbst ein bedeutendes Aufnahmeland. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR schätzt, dass dort rund 2,5 Millionen Vertriebene mit unterschiedlichem Rechtsstatus leben, darunter rund 770.000 registrierte Flüchtlinge, überwiegend Afghanen. Das Auseinanderbrechen des iranischen Staates würde auch diese Bevölkerung in Bewegung setzen – auf Routen, die geographisch zwangsläufig über die Türkei und den Balkan nach Europa führen.
Die Türkei ist in diesem Sinne kein Nebenakteur, sondern das entscheidende Scharnier. Und es gibt wenig Grund anzunehmen, dass Ankara als dauerhafter Damm für eine Krise dienen würde, die nicht aus eigenem Verschulden entstanden ist. Der EU-Migrations- und Asylpakt mag die Union in bürokratischer Hinsicht besser vorbereitet hinterlassen haben als 2015. Doch das verfehlt den Kern. Kein Pakt, der aus den Lehren einer Million Ankömmlinge hervorgegangen ist, kann als ausreichend für eine Krise gelten, die um ein Vielfaches größer sein könnte.
Europa ist schon in den Krieg verwickelt
Die eigentliche Gefahr ist überdies keine logistische, sondern eine politische. 2015 reichten rund eine Million Ankömmlinge aus, um die politische Entwicklung der Union zu verändern. Die Nachbeben sind noch heute sichtbar: das Erstarken des Rechtspopulismus, die Erosion der Mitte, die Aushöhlung des Schengenraums, die Normalisierung einer Politik des Ausnahmezustands an den Grenzen. Marine Le Pens Bewegung in Frankreich, die AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich – sie entstanden nicht allein aus der Migration, wurden aber durch das unverarbeitete politische Gedächtnis jenes Jahres genährt. Eine neue Migrationskrise in erheblich größerem Ausmaß würde die Aufnahmekapazitäten nicht nur belasten. Sie würde das, was vom politischen Zentrum der EU noch übrig ist, unter akuten Druck setzen.
Deshalb ist die beruhigende Fiktion, dies sei ein rein amerikanisch-israelischer Krieg, so gefährlich. Europa steht nicht außerhalb davon. Es ist bereits verwickelt – vorsichtig, defensiv, oft ausweichend, aber verwickelt. Frankreich hat den Flugzeugträger Charles de Gaulle ins östliche Mittelmeer entsandt. Großbritannien hat die Nutzung von Stützpunkten für begrenzte defensive Zwecke gestattet und seine Präsenz in der Region verstärkt. Andere EU-Mitgliedstaaten verlegen Luftabwehr- und Marineverbände zum Schutz ihrer eigenen Interessen, während der Konflikt sich ausweitet. Jede Regierung besteht darauf, ihre Maßnahmen seien begrenzt, stabilisierend, außergewöhnlich. Vielleicht ist das so. Aber aus der Perspektive der Eskalationslogik beobachtet Europa nicht nur.
Diese Ambivalenz mag politisch bequem sein, ist aber strategisch unernst. Europa läuft Gefahr, die Konsequenzen des Krieges zu tragen, ohne maßgeblichen Einfluss auf dessen Verlauf zu nehmen.
Die Europäer müssen einen Waffenstillstand fordern
Dabei sollte es sich nicht damit trösten, es habe keinerlei Hebel. Europa kann die amerikanische Strategie nicht diktieren, und Präsident Donald Trump ist eher durch Ölpreise, Märkte und die Stimmung seiner eigenen politischen Basis zu bewegen als durch verbündete Regierungen, die er vor dem Beginn der Kampagne nicht konsultiert hat. Aber die fehlende Fähigkeit, Ereignisse zu kontrollieren, bedeutet nicht Bedeutungslosigkeit.
Das Argument für ein Engagement ist nicht davon abhängig, ob Erfolg garantiert ist. Deutschland, Frankreich, Italien, die übrigen großen EU-Mitgliedstaaten und Großbritannien müssen dennoch tun, was ihnen noch bleibt. Sie müssen gemeinsam einen sofortigen Waffenstillstand fordern – nicht als rituelle Diplomatenformel, die leicht abgeheftet und vergessen werden kann, sondern als politische Positionierung, die mit Konsequenzen hinterlegt ist und der Bereitschaft, Reibung mit Washington in Kauf zu nehmen.
Sie müssen in die Identifizierung und Aktivierung noch verbleibender Verhandlungskanäle investieren. Europas jahrelanger direkter Austausch mit iranischen Gesprächspartnern im Rahmen des Nuklearprozesses hat Kommunikationsgewohnheiten hinterlassen, über die Washington entweder nicht verfügt oder die es verachtet. Oman, das bis in die letzten Stunden still vermittelte, könnte noch einen Weg unter anderen bieten. In einer Krise, in der staatlicher Zerfall droht, zählen selbst unvollkommene Kanäle.
Das Muster von Irak, Libyen und Syrien
Gleichzeitig muss die EU ernsthaft Notfallpläne für Flüchtlingsbewegungen entwickeln, die möglicherweise bereits teilweise unvermeidlich sind. Keine humanitäre Schauveranstaltung, keine Wiederholung der Festungsrhetorik. Praktische Staatskunst: Aufnahmekapazitäten, Lastenteilung, Koordination mit Ankara und frühzeitige Unterstützung jener Mitgliedstaaten, die den ersten Druck absorbieren würden.
Das Muster ist inzwischen hinreichend vertraut, um als Anklage zu gelten. Irak 2003. Libyen 2011. Dann die Flüchtlingskrise von 2015, deren politische Nachbeben bis heute nicht wirklich abgeklungen sind. Jedes Mal war das Versagen kein Erkenntnisversagen, sondern ein Willensversagen: die Weigerung, auf Konsequenzen zu reagieren, die im Voraus vollkommen sichtbar waren.
Diese Woche lieferte Bundeskanzler Friedrich Merz nach seinem Treffen mit Präsident Trump in Washington die bislang klarste Zusammenfassung der europäischen Lage: „Dieser Plan ist nicht ohne Risiko, und wir müssten auch die Konsequenzen tragen.“ Er hatte recht. Unlängst fügte er eine weitere, nicht minder wichtige Wahrheit hinzu: „Ein endloser Krieg liegt nicht in unserem Interesse.“ Diese beiden Aussagen zusammengenommen ergeben den Beginn einer europäischen Doktrin zu diesem Krieg – wenn Europas Führungen bereit sind, sie ernst zu nehmen.
Denn die Konsequenzen, wenn Iran auseinanderbricht, werden nicht als Argument in einem Brüsseler Memorandum eintreffen. Sie werden als Druck auf die Grenze ankommen, als politische Radikalisierung, als Markterschütterung, als Notstandsdekrete und als ein weiterer Machttransfer hin zur europäischen Rechten.
Europa beobachtet Iran nicht aus der Distanz. Es schlafwandelt auf die Folgen seines Zusammenbruchs zu.
