Ganz gleich, zu welchem Ergebnis die russisch-ukrainischen Verhandlungen über ein Friedensabkommen führen werden, Russland will auf Dauer ein militaristisch-imperiales Land bleiben. Der Chefredakteur der Zeitschrift „Russia in Global Affairs“, Fjodor Lukjanow, der zudem Forschungsdirektor des Waldai-Klubs ist, erklärte zum Jahresbeginn, selbst wenn die „Ukrainefrage“ gelöst werde, so bliebe ein massiver Problemkomplex in Russlands Verhältnis zum Westen bestehen.
Der jetzige Konflikt im Kontext schwächelnder internationaler Regeln und Institutionen versetze gleichsam ins 17. und 18. Jahrhundert, so Lukjanow, als Russland seinen Platz in der Welt mitsamt einem optimalen Grenzverlauf etablierte. Das sei ein langer Prozess gewesen, und militärische Stärke war dabei das entscheidende Mittel.
Das liberale Europa als das absolute Böse
Auch wenn unklar bleibt, ob Russland seine Einflusssphäre erweitern kann, wird die Militarisierung der Gesellschaft im Bildungssystem vorangetrieben. Die Geistes- und Sozialwissenschaften lehren, Gehorsam gegenüber den Machthabern sei erste Bürgerpflicht, und westliche Ideen etwa von der Emanzipation des Individuums führten ins Verderben. Der Vordenker eines apokalyptischen Kampfes zwischen Russland und dem Westen, Alexander Dugin, der an der Moskauer Geisteswissenschaftlichen Universität die Iwan-Iljin-Schule für Politik leitet und den Ukrainekrieg preist, propagiert schon lange die Rückkehr eines „glänzenden“ Mittelalters.
Dugin, ein belesener Autodidakt, der sich für antimodern-okkulte Denker wie René Guénon und Julius Evola, aber auch Heidegger begeistert, hat soeben ein fast 900 Seiten starkes Lehrbuch für das von ihm erfundene Fach „Westkunde“ (Westernologija) herausgebracht, worin er die westliche Aufklärung und Renaissance, die zu Liberalismus, Genderpolitik und Transhumanismus führten, zum absoluten Bösen erklärt.
Schlüssige Argumente und Analysen sind Dugins Sache nicht, er bevorzugt eine dunkel dräuende Rhetorik, bei der Verweise auf das Metaphysische vor allem die Vertikale der Autorität abbilden und dem Adressaten seine Nichtigkeit vorführen. Der Guru des Eurasiertums instrumentalisiert insbesondere die kontemplative ostkirchliche Gebetspraxis des Hesychasmus politisch und leitet von ihr ein autoritär-antieuropäisch staatlich-religiöses System mit sakralisierter Macht ab.
Der heilige russische Soldat
Dugins Mitstreiter sind eine Gruppe sogenannter Z-Philosophen – nach dem Z-Zeichen für den russischen Ukrainefeldzug –, die zur Mobilmachung gegen den Westen aufrufen und das gesamte zivile und kulturelle Leben ihres Landes als „Hinterland“ definieren, das den Militäreinsatz stützen soll. Einer davon ist der an Dugins Iljin-Schule als Experte geführte Wladimir Warawa, der voriges Jahr ein Buch über den Sowjetschriftsteller Andrej Platonow (1899 bis 1951) mit dem Titel „Der russische Soldat ist für mich heilig“ und der Gattungsbezeichnung „Philosophie des Krieges“ herausgebracht hat. Platonows Hauptwerke wie die Romane „Tschewengur“ oder „Die Baugrube“ vergegenwärtigen zugleich die utopischen Hoffnungen des sowjetsozialistischen Projekts und seine dystopische Umsetzung, weshalb sie erst während der Perestrojka in den späten Achtzigerjahren erscheinen konnten.

Warawa weist nun die Rezeption des Klassikers als „Entlarver“ des Sowjetstaats zurück, er deutet ihn anhand seiner Erzählungen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs als krypto-orthodoxen Fürsprecher des Selbstopfers der Sowjetsoldaten, das die Unsterblichkeit ihres Volkes gewährleiste, weshalb er den Sieg als „sowjetisches Ostern“ bezeichnet. Ähnlich verglich Präsident Putin unlängst am orthodoxen Weihnachtsfest die russischen Soldaten mit Christus, dem Erlöser.
Warawa zieht vom zu vernichtenden deutschen Faschismus, den er auf den Rationalismus eines Immanuel Kant zurückführt, eine direkte Linie zum heutigen „faschistischen“ Hochmut des neoliberalen Westens. Dem sündigen westlichen Menschen, der für sein Vergnügen lebe, stellt er den „einfachen“, armen, schicksalsergebenen und politisch subjektlosen Russen aus dem Volk gegenüber, dem der Westen den Garaus machen wolle.
Das Buch gehört zum Projekt der von den Z-Philosophen betriebenen „Großen russischen Korrektur der Namen“, das die Idee des Konfuzius aufgreift, die Namen müssten mit der Realität in Einklang gebracht werden. In einer Aufsatzsammlung mit diesem Titel wettert Warawa gegen Komfortverliebtheit, Seinsvergessenheit und die Tabuisierung des Krieges im liberalen Westen und setzt dem Russlands Ziel entgegen, die Welt durch Krieg zu „retten“.
Programmierbare Untertanen
Der im von Russland annektierten Luhansk lehrende Vitali Darenski bezeichnet die unabhängige Ukraine als Projekt der „Goldenen Milliarde“ und die ukrainische Sprachpolitik als „linguakulturellen“ Genozid an den Russen. Und der Eurasier Anatoli Tschernjajew listet die „falschen“ Begriffe auf, von denen das russische Denken dekolonisiert werden müsse: von der Ethik der Gewaltvermeidung über die Theorie des gerechten Krieges bis hin zur ökologischen Ethik, weil sie alle Russlands staatliche Souveränität schwächten. Die Z-Philosophen formulieren ihre kremlpatriotischen Positionen freilich so verbohrt fundamentalistisch, dass sie von akademischen Institutionen faktisch ignoriert werden.
Nachhaltiger wirkt das in der späten Sowjetepoche wurzelnde Denktraining „Methodologie“. Sein Schöpfer, der Philosoph Georgi Schtschedrowitzki (1929 bis 1994), betrachtete das menschliche Denken als eine Art programmierbare Software und entwickelte Gruppenspiele, die politischen und Wirtschaftsfunktionären zu mehr Effizienz verhelfen sollten. Schtschedrowitzki hielt jegliche soziale Prozesse für konstruierbar, unabhängig von der materiellen Realität, und bekannte 1989, er sehe für die menschliche Gesellschaft keine andere Zukunft als eine totalitäre Organisation.
Seine bekanntesten Adepten sind der einstmals reformbegeisterte stellvertretende Leiter der Präsidentenadministration, Sergej Kirijenko, und der Polittechnologe Timofej Sergejzew, der als Wahlkampfexperte einst die ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma und Viktor Janukowitsch beriet. Sergejzew, der im April 2022 zur Auslöschung der ukrainischen Nation aufrief, behauptete schon 2021, ein Jahr vor Beginn der russischen Großinvasion, die Ukraine habe mit ihrem Streben in die EU einen Nazi-Schwur geleistet – denn das Europäertum werde von einem Großteil ihrer Bewohner als Zeichen rassischer Höherwertigkeit verstanden.
Auf in den „kognitiven Krieg“
Methodologen haben in den Neunzigerjahren für Reformpolitiker gearbeitet, unter Präsident Putin verbreiten sie revanchistisch-imperiale Botschaften. Ein prominenter Vertreter ist der Philosoph und Polittechnologe Alexej Tschadajew, der Ende der Neunzigerjahre für Boris Nemzow tätig war, heute an der Moskauer Verwaltungshochschule lehrt und zugleich Kampfdrohnen entwickelt. Tschadajew, der sich als konservativ positioniert, sagt, im Krieg gehe es nicht vornehmlich darum, Menschen zu vernichten, sondern das gegnerische Subjekt, dessen Willen und Weltbild. So wie am Ende des Kalten Krieges Sowjetrussland seine Subjekthaftigkeit aufgegeben habe, müsse jetzt die der Ukraine gebrochen werden. Deswegen spricht er, obwohl sein Land das ehemalige Brudervolk keineswegs argumentativ, sondern mit Bomben bekämpft, vom „kognitiven Krieg“.
Mit dem zynischen Spott des überlegenen Intellektuellen erklärt Tschadajew auf seinem Telegram-Kanal, der Sündenpfuhl von Jeffrey Epstein sei für die westliche Elite deswegen so unwiderstehlich attraktiv gewesen, weil diese trotz Geld und Einfluss keine echte Macht besitze – denn die beweise sich darin, viele Menschen in den Tod schicken zu können, wie es für Russland der nordkoreanische Herrscher Kim Jong-Un tat, dessen Land der Philosoph unlängst besuchte. Er polemisiert gegen die feministische Auffassung „mein Körper gehört mir“, weil der Mensch ein Produkt der Gesellschaft sei, die berechtigte Ansprüche an ihn habe. Und wöchentlich erörtert er in der auch auf Youtube abrufbaren Videogesprächsrunde „Reinheit des Verstehens“ (Tschistota ponimanija) mit Gleichgesinnten die Lage an der kognitiven Front.
In einer Januarsendung mit dem Titel „Philosophische Streitkräfte“ kamen Tschadajew, der Polittechnologe Sergej Uralow und der politische Philosoph Pawel Schtschelin überein, dass die EU mit Merz und von der Leyen ein neues „Reich“ sei (sie benutzten das deutsche Wort), und dass es listig mit Samthandschuhen, Soft Power und LGBT daherkomme, ändere nichts an diesem Faktum. Von Demokratie rede dort keiner mehr, so ihr Befund, vielmehr dominierten „Übermenschen“ die „Untermenschen“ aus Osteuropa (sie nutzten wieder die deutschen Worte). Und Russen, die die Politik ihres Staates ablehnten, könnten dort als höchstes der Gefühle erreichen, nach einem Akt der Vaterlandsverleumdung und der Reue mit dem Status eines solchen Untermenschen belohnt zu werden.
