Manchmal ist schon mittendrin klar, noch lange vor dem Ende des Wettbewerbes, dass es vorbei ist. Als Emma Aicher am Samstag im Ziel von Kvitfjell abschwang, verzog die Skirennläuferin keine Miene. Das muss bei der jungen Deutschen zwar nicht viel heißen, denn große Gefühlsausbrüche sind bei ihr eher selten. Aber nach der letzten Abfahrt des Weltcup-Winters wirkte sie so, als ob ihr bewusst wäre, dass es nichts mehr wird mit dem Gewinn der kleinen Kristallkugel als Zeichen für die Saison-Beste in dieser Disziplin. Sie ahnte längst, dass ihr Lauf nicht gut genug war, um die später startende Konkurrentin unter Druck zu setzen und die 28 Punkte Rückstand auf Laura Pirovano in der Disziplin-Wertung vielleicht doch noch aufholen zu können.
Aicher: Vor einem Jahr noch sei sie im Vergleich ein Niemand gewesen
Allerdings hätte wohl nicht einmal eine perfekte Leistung von Aicher am Samstag gereicht. Denn die Italienerin schaffte, was ihr schon bei den vorangegangenen beiden Abfahrten gelungen war: eine schnelle, fehlerfreie Fahrt. Mit dem dritten Sieg in Serie – Aicher wurde Fünfte – gewann sie die Disziplin-Wertung. In der finalen Weltcupwertung liegt Pirovano, die bis zu ihren beiden Erfolgen vor gut zwei Wochen im Fassatal noch nicht einmal in ihrer doch schon ein paar Jahre dauernden Karriere auf dem Siegerpodest gestanden hatte, 83 Punkte vor Aicher.
Auch der Kampf um die große Kristallkugel ist nach dem Super-G nicht mehr ganz so spannend, falls alles normal läuft und Mikaela Shiffrin im Slalom am Dienstag kein grober Fehler unterläuft. Beim Sieg der Italienerin Sofia Goggia belegte Aicher am Sonntag den vierten Platz, eine Hundertstelsekunde hinter ihrer Mannschaftskollegin Kira Weidle-Winkelmann. Der Rückstand auf die Amerikanerin schmolz zwar auf 45 Punkte, aber auch im Riesenslalom ist die Seriensiegerin im Slalom stärker einzuschätzen als die Deutsche.
Es ist ärgerlich für Aicher, dass das Finale bisher nicht nach Wunsch läuft. Aber die Niederlage im Wettrennen um die Abfahrts-Kugel ist zu verschmerzen. „Es passt schon“, sagte sie dem ZDF. Die zweimalige Silbermedaillengewinnerin der Olympischen Winterspiele im Februar steht erst am Anfang ihrer Karriere. „Ich habe schon vor dem Wochenende gesagt, dass alles, was jetzt so passiert, eigentlich nur noch ein Bonus ist.“ Denn vor einem Jahr sei sie im Vergleich noch ein Niemand gewesen.
Ganz so war es nicht. Immerhin hatte Aicher in sehr jungen Jahren schon zwei Medaillen bei Großereignissen gewonnen, allerdings im Teamevent. Und spätestens mit den beiden Siegen in Kvitfjell und La Thule am Ende der vergangenen Saison ließ sie die Konkurrenz wissen, dass mit ihr zu rechnen sein wird.
Aicher ist ihrer Zeit fast ein wenig voraus
Überraschend ist vielmehr das Tempo, das die Halb-Schwedin auf ihrem Weg nach oben vorlegt – und ihr Durchhaltevermögen. Sie ist ihrer Zeit fast ein wenig voraus, gleichzeitig als Vielfahrerin in allen Disziplinen im Ski-Weltcup wirkt sie schon fast nicht mehr zeitgemäß. Vor allem die physischen Anforderungen sind immer größer geworden, so dass schon im zurückliegenden Jahrzehnt nur noch eine Handvoll Athletinnen in allen Disziplinen an den Start ging. Aicher aber bewältigt sowohl das Mammutprogramm mit Reisestress und ständigem Wechsel von den kurzen auf die langen Ski und zurück mit Leichtigkeit.
Von den 35 Weltcuprennen in dieser Saison bestritt sie 34, nur den Riesenslalom am Kronplatz ließ sie aus. Insgesamt fuhr Aicher in Abfahrt, Super-G und Slalom neunmal unter die ersten Drei. Dreimal gewann sie, in St. Moritz, Tarviso und Soldeu. Außerdem schaffte sie zuletzt im Riesenslalom von Are zum ersten Mal den Sprung unter die besten Fünf. Allerdings schied sie auch in dieser Saison wieder häufig aus oder verpasste den zweiten Lauf, insgesamt neunmal. Das bedeutet, dass sie in fast jedem vierten Rennen nicht ins Ziel kam.
Aicher wird aufgrund ihrer Vielseitigkeit als dominierende Skirennläuferin der Zukunft gehandelt. Die Gegenwart beherrscht Shiffrin. Die Amerikanerin hatte zwar auf die Abfahrt am Samstag verzichtet, sich aber zu einem Start im Super-G durchgerungen, weil ihr Aicher vor diesem Wochenende doch etwas zu nahe gekommen war. Allerdings hätte sich Shiffrin den Aufwand sparen können, denn als 22. verpasste sie das Ziel, ein paar Weltcuppunkte zu sammeln. Bei den finalen Saisonrennen gibt es nur Punkte für die besten 15.
Die andere deutsche Starterin, Kira Weidle-Winkelmann, erlebte ein herrliches Wochenende – mit zwei dritten Plätzen. Im Super-G fuhr sie erstmals unter die ersten Drei. Auch ihre Abfahrtssaison verlief außergewöhnlich gut. Noch nie sauste sie in einer Saison so oft aufs Podest, nie zuvor sammelte sie so viele Punkte (411) und stand nach dem Finale so weit oben in der Wertung: Vierte. „Sau cool“, sagt Weidle-Winkelmann. Aber es hätte um ein Haar noch cooler werden können. Um zwei Punkte verpasste sie Rang drei in der Abfahrtsgesamtwertung. Olympiasiegerin Breezy Johnson überholte mit ihrem zweiten Platz im letzten Rennen der Saison die 30 Jahre alte Starnbergerin. Es sei, sagt sie, „ein bisschen hart im Moment“. Aber doch auch ganz schön.
