
Wie die Vereinigten Arabischen Emirate zu den massiven Vergeltungsschlägen stehen, mit denen Iran den Golfstaat seit einem Monat überzieht, hat man in Abu Dhabi früh klargemacht. „Wir befinden uns im Krieg“, erklärte Präsident Muhammad Bin Zayid Al Nahyan Anfang März. Außenminister Abdullah Bin Zayid Al Nahyan äußerte sich in der vergangenen Woche noch schärfer. Man verurteile die Attacken aus Teheran aufs Schärfste, schrieb er auf der Plattform X. Doch „von Terroristen“ werde man sich niemals einschüchtern lassen.
Der Ton macht deutlich, wie groß die Wut über den Dauerbeschuss aus Iran ist, der die Emirate heftiger trifft als jeden anderen Golfstaat. Mehr als 2000 Drohnen und Hunderte Raketen hat das Teheraner Regime seit Kriegsbeginn auf seinen arabischen Nachbarn abgefeuert; zu den Zielen gehören bei Weitem nicht nur amerikanische Militäreinrichtungen, sondern auch Hotels, Finanzinstitute, Ölfelder und Häfen.
Die emiratische Luftabwehr konnte fast alle Flugkörper abfangen. Der Schaden, den der Krieg bislang hinterlassen hat, ist dennoch immens: Das Image der Emirate als sicherer Hafen in einer konfliktgeladenen Region ist schwer beschädigt, der Tourismus zu weiten Teilen eingebrochen. Sollte der Konflikt weiter andauern, rechnen Fachleute mit einem deutlichen Rückgang der Wirtschaftsleistung.
„Wir werden wieder Mauern hochziehen müssen“
Für die Ausrichtung der emiratischen Außenpolitik gegenüber Iran dürfte das erhebliche Folgen nach sich ziehen. Von der vorsichtigen Annäherung der vergangenen Jahre wird nach einem Ende des Waffengangs wohl nicht viel bleiben. „In den vergangenen Jahren haben wir viel dafür getan, das Verhältnis gegenüber Teheran zu entspannen“, sagt Mohammed Baharoon, Direktor der Denkfabrik Dubai Public Policy Research Center. Durch Gespräche und Handelsabkommen mit Teheran habe man versucht, „Verbindungen statt Mauern“ aufzubauen.
Doch Iran habe diese Bemühungen mit einem Schlag zunichtegemacht. „Jetzt werden wir wieder Mauern hochziehen müssen“, ist Baharoon überzeugt. „Die Beziehungen zu Iran werden in den nächsten zehn Jahren von größter Vorsicht geprägt sein.“
Abdulkhaleq Abdullah, Politikprofessor an der Universität der Vereinigten Arabischen Emirate, formuliert es noch drastischer. „Dieser Krieg wird zu einer grundlegenden Neuausrichtung gegenüber Teheran führen“, sagt er. „Iran war lange eine Bedrohung für uns. Aber jetzt ist es zum Staatsfeind Nummer eins geworden.“
Überlegungen, iranische Vermögenswerte einzufrieren
Nach dem Willen der Führung in Abu Dhabi soll die Gefahr durch das Regime in Teheran nun ein für alle Mal beseitigt werden. „Unsere Überlegungen enden nicht mit einem Waffenstillstand“, machte Anwar Gargash, außenpolitischer Berater, jüngst deutlich. Vielmehr gehe es nun um Lösungen, die die „langfristige Sicherheit im Arabischen Golf“ sowie die „Eindämmung von nuklearen Bedrohungen, Raketen, Drohnen und Einschüchterungsversuchen in den Meerengen“ gewährleisteten. „Dass diese Aggression zu einem permanenten Bedrohungszustand werden könnte, ist undenkbar“, so Gargash mit Blick auf Iran weiter.
Emiratischen Fachleuten wie Mohammed Baharoon und Abdulkhaleq Abdullah zufolge dürfte sich der neue Konfrontationskurs vor allem in erhöhten Verteidigungsausgaben niederschlagen. Aber auch auf anderen Feldern zeichnen sich bereits Veränderungen ab. Die emiratische Botschaft in Teheran, die 2022 nach Jahren der Funkstille wiedereröffnet wurde, ist seit Anfang März geschlossen. Das diplomatische Personal wurde abgezogen.
Berichten zufolge gibt es darüber hinaus Überlegungen, iranische Vermögenswerte in den Emiraten in Milliardenhöhe einzufrieren. Professor Abdullah hält das für durchaus realistisch. „Auf dem Gebiet der ‚soft power‘ haben wir viele Möglichkeiten, Iran zu treffen“, sagt er und verweist auf die wirtschaftliche Abhängigkeit Teherans von den Emiraten, die für die Islamische Republik zu einem der wichtigsten Handelspartner geworden sind. „Abu Dhabi kann auf diesen Handel gut verzichten. Aber der Preis, den Iran für seine Angriffe zahlen wird, wird hoch sein.“
Hilfe bei der Sicherung der Straße von Hormus
Die Emirate rücken außerdem näher an die Erzfeinde des iranischen Regimes, Israel und die USA, heran. Ein Grund für die harten Schläge Teherans dürfte sein, dass die Emirate 2020 im Zuge der Abraham-Abkommen ihre Beziehungen zu Israel normalisiert haben. Der Krieg, erklärte der emiratische Spitzendiplomat Gargash nun, werde zu einer weiteren Vertiefung des Verhältnisses führen. Auch die Rolle der USA in der Region werde gestärkt.
Dieser Linie folgen nicht alle Herrscher am Golf. In Qatar oder Saudi-Arabien herrscht große Skepsis gegenüber der aggressiven Außenpolitik Israels und der Sprunghaftigkeit des amerikanischen Präsidenten. Die Emirate hingegen haben Trump sogar angeboten, in Zukunft bei der Sicherung der Straße von Hormus zu helfen. Zuvor hatte man eine aktive Beteiligung an Einsätzen der USA kategorisch ausgeschlossen.
Doch die Solidarisierung hat womöglich Grenzen: Berichten zufolge sollen die Emirate zwar gemeinsam mit Saudi-Arabien bei Trump dafür geworben haben, die Kämpfe nun auch konsequent zu Ende zu führen. In der Führung wird auch laut darüber nachgedacht, die eigene Abschreckung zu stärken. Einen offenen Kriegseintritt Abu Dhabis halten die emiratischen Fachleute aber für sehr unwahrscheinlich.
„Was uns von Teheran unterscheidet, ist, dass wir strategisch über die Zukunft nachdenken“, sagt Politikprofessor Abdullah dazu. Denn auch nach dem Krieg werde man mit dem Nachbarn Iran weiterleben müssen. Ob das Regime tatsächlich gestürzt werde, könne man am Ende nur bedingt beeinflussen – die Zivilbevölkerung des Landes aber werde bleiben. „Und wenn 90 Millionen Iraner irgendwann an diesen Krieg zurückdenken, dann werden sie sich hoffentlich daran erinnern, dass die Emirate keine einzige Kugel auf sie abgefeuert haben.“
