Die größte Baustelle bei seiner neuen Mannschaft zu identifizieren, war für Trainer Albert Riera nicht besonders schwer. Zum Zeitpunkt der Freistellung seines Vorgängers Dino Toppmöller hatte Eintracht Frankfurt die meisten Gegentore aller Klubs in der Bundesliga kassiert. Probleme machten vor allem die Grundlagen des Verteidigens, insbesondere die tiefe Strafraumverteidigung. Mitten im stressigen Saisonalltag ist es allerdings eine knifflige Aufgabe, so etwas zu beheben. Für ausgiebige Trainingsarbeit bleibt wenig Zeit.
Bisher hat sich Riera dem „Problemfeld Verteidigen“ deshalb auf zwei Wegen genähert: Zum einen hat er für das Defensivspiel einen neuen taktischen Ansatz gewählt. Zum anderen trägt das von ihm verordnete Ballbesitzspiel mit langer Ballzirkulation dazu bei, dass sein Team möglichst wenig verteidigen muss.
Rieras erste Veränderung war das neue Defensivsystem. Unter ihm spielt die Eintracht eine abgewandelte Form der Manndeckung, die in den vergangenen drei bis vier Jahren ein ungeahntes Comeback im Weltfußball erlebt hat. Riera lässt die Manndeckung passiver und defensiver spielen, als es aktuell vielerorts Standard ist. Seine Form der Manndeckung ist näher an der Interpretation, wie man sie vor allem mit den 80er- und 90er-Jahren verbindet – also mit einem freien Mann hinter den Manndeckern.
Rieras Manndeckung birgt eine Gefahr
Libero hat man diese Position früher genannt; das würde im Frankfurter Beispiel aber zu weit gehen, denn der freie Mann in der Abwehr der Eintracht verteidigt sehr aktiv und hält die Höhe seiner Kollegen. Für die Manndecker wiederum heißt das, dass sie Tiefenläufe der gegnerischen Stürmer nicht weit nach hinten begleiten müssen, sondern den Angreifer stattdessen ins Abseits stellen.

Weil die Frankfurter einen freien Zusatzspieler in der Abwehrlinie haben, bleibt ihnen im Umkehrschluss in der vordersten Defensivreihe ein Mann weniger. Die Aufbauspieler des Gegners werden also in einer Unterzahl verteidigt – gegen zwei Innenverteidiger mit einem Stürmer, gegen drei Verteidiger mit zwei Spielern. Dementsprechend lastet viel Verantwortung auf dem nominellen Mittelstürmer. Jonathan Burkardt kann sich mit seiner Laufstärke auch gegen mehrere Gegner aufreiben. Fehlt er, etwa wie zuletzt nach längerer Verletzungspause, agierte deshalb oft Mittelfeldallrounder Mahmoud Dahoud in der Spitze.
Doch selbst unter größtem Laufeinsatz ist es in Unterzahl für die oder den Stürmer nicht leicht, die Verteidiger daran zu hindern, die erste Linie zu überdribbeln. Solche Situationen sind problematisch für die Defensive, weil sich alle Manndecker neu orientieren müssen und man zu Beginn des gegnerischen Angriffs wenig Druck auf den Ball erzeugt. Rieras eher nostalgische Manndeckungsform birgt also eine Gefahr.
Sie funktioniert vor allem unter zwei Bedingungen: Entweder man ist individuell auf fast allen Positionen dem Gegner überlegen – was für die Eintracht in der Bundesliga also eher selten der Fall ist. Oder der Gegner nutzt den Überzahlspieler aus der ersten Aufbaulinie zu vorsichtig beziehungsweise sogar schlecht aus und vergibt damit seinen potentiellen Vorteil.
Der positive Nebeneffekt
Dieses zweite Szenario ist genau das, worauf sich die Eintracht in den ersten Partien – mit Ausnahme der Niederlage bei den Bayern – verlassen konnte. Ein wichtiger Grund dafür liegt im Überraschungseffekt – die Gegner sind ein solches Defensivverhalten nicht gewohnt und tun sich damit kurzfristig schwer. Heißt dies nun, dass die defensive Stabilität der Eintracht in den nächsten Wochen, wenn sich die Gegner darauf eingestellt haben, wieder in Gefahr ist? Nicht unbedingt – weil die Frankfurter ihre angepasste Manndeckung schon jetzt clever auszuführen wissen. Dadurch können sie deren Schwächen vergleichsweise gut kaschieren.

Schon beim Heimsieg gegen Freiburg in der vergangenen Woche war zu beobachten, wie schnell der am nächsten zum Ball befindliche Mittelfeldspieler sich gegen einen andribbelnden Innenverteidiger aus seiner Manndeckung löste und auf den Ballführenden herausschob (siehe Grafik). So wurde der Vorstoß abgebremst, ohne dass der frei gewordene gegnerische Sechser angespielt werden konnte.
Wobei die Freiburger dies auch begünstigten durch ihre flache und enge Doppelsechs, zwei defensive Mittelfeldspieler also, die auf einer Höhe und nah beieinander positioniert waren, wobei sich der ballnahe Spieler schnell zur Absicherung zurückfallen ließ. Zudem dribbelten die Freiburger Aufbauspieler in vielen Szenen auch einfach nicht gut genug an. In dieser Hinsicht werden es andere Gegner der Eintracht schwerer machen. Zügiges Andribbeln mit schnellen Flachpässen in die Spitzen – statt kurze Kombinationen, Verlagerungen oder hohe Bälle – könnte Rieras Manndecker vor größere Herausforderungen stellen.
Ein positiver Nebeneffekt von Rieras Manndeckungs-Ansatz ist, wie er sich auf die Achillesferse der letzten Monate, die Strafraumverteidigung, auswirkt. Die Frankfurter Verteidiger hatten Schwierigkeiten damit, sich ihren Gegnern schnell genug zuzuordnen, und die Mittelfeldspieler kamen zu spät hinterher. Wenn man aber bereits während des gesamten gegnerischen Angriffs am Mann verteidigt, muss man sich nicht erst innerhalb des Sechzehners zuordnen.
Der Spielplan spielt mit
Dass die gute Defensivbilanz unter Riera zumindest mittelfristig Bestand haben dürfte, liegt auch am Spielplan der Eintracht. In den nächsten Wochen stehen vor allem Begegnungen mit den Abstiegskandidaten an, die die Partien überwiegend mit einer abwartenden Haltung angehen dürften. In diesen Situationen käme Rieras Ballbesitz- und Positionsspiel noch stärker und häufiger zum Tragen als bisher.
Dass der Gegner kein Tor schießen kann, solange man selber den Ball hat, mag eine Binse sein, aber geht an der Sache nicht ganz vorbei. Insgesamt spielt die Eintracht in den ersten Partien unter Riera geduldig und ist stets um Absicherung bemüht. Die hinteren Aufbauspieler positionieren sich eng um die Defensivformation herum, so dass bei Ballverlusten die Wege ins Gegenpressing kurz sind.
Die genauen Feinheiten der Struktur in Ballbesitz passte Riera bisher von Spieltag zu Spieltag akribisch an die jeweiligen Gegner an. Grundlage war aber meist eine sogenannte Drei-Raute-Drei-Struktur, indem Nathaniel Brown von der Außenverteidiger- in eine Mittelfeldposition nach innen rückte. Gegen Freiburg spielte er diese Rolle sogar als Linksfuß von rechts, also mit dem starken Fuß nach innen. Dadurch war es einfacher, das Spiel diagonal nach vorne aufzubauen und Lücken im ballfernen Halbraum zu finden.
Neben diesen Verlagerungen basiert der Ballvortrag unter Riera bislang stark auf Angriffsmustern über die Flügel. Die Treffer der Eintracht entstanden häufig aus solchen Positionsangriffen über Außen, obwohl sie dort mit dem Gegner in Gleichzahl waren. Dafür sind vor allem die sogenannten gruppen- statt mannschaftstaktischen Komponenten entscheidend. Aus dem Mittelfeld beispielsweise hatten Mario Götze und Oscar Højlund ein gutes Gespür dafür, wann sie seitlich ausweichen müssen, um Doppelpässe spielen zu können. Auch kleine Tricks wie Verzögerungen in Dribblings nutzen die Frankfurter in den letzten Partien gut. Gegen hoch anlaufende Gegner ließen Rieras Spieler einige Muster erkennen, etwa dass ein Innenverteidiger dynamisch ins defensive Mittelfeld vorstößt. Es wird spannend zu beobachten, wie sich all das in den kommenden Wochen entwickelt.
