Wenn an diesem Sonntag (17.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei DAZN) der 1. FC Köln in der Arena im Frankfurter Stadtwald antritt, beginnt für Eintracht Frankfurt die Schlussphase der Saison – eine Zeit, in der sich nichts mehr kaschieren lässt. Sieben Spieltage bleiben, um zu retten, was zu retten ist. Und auch für Albert Riera verdichten sich die kommenden Wochen zur Probe aufs Exempel. „Wir haben jetzt noch sieben Endspiele“, sagte der Trainer. Der Spanier, sonst ein Freund des Pathos, traf mit diesem Satz einen selten nüchternen Ton.
Die Ausgangslage ist klar umrissen: Die SGE verteidigt Rang sieben, einen Platz, der am Ende den Zugang zum internationalen Geschäft sichern kann. Die Konkurrenz sitzt ihr im Nacken. Jeder Punkt verschiebt die Perspektive. Riera muss sichtbar machen, dass es ihm gelingt, aus einer Mannschaft, die zuletzt an vielen Stellen Schwierigkeiten hatte, ein Team zu formen, das weniger mit sich selbst beschäftigt ist und stattdessen den Gegner beschäftigt. „Mainz hat das Spiel nicht gewonnen“, sagte er an Karfreitag im Rückblick, „sondern wir verloren.“ Er benannte „drei Fehler“, die beim 1:2 zu den Gegentoren geführt hätten, diese Anfälligkeit gelte es abzustellen.
„Wir wollen vieles besser machen“
Der Schlüssel zur Veränderung liegt zuallererst beim Coach und seiner Spielanlage, die bislang nur bedingt überzeugte. Der 43-Jährige hat Positionen verschoben, Rollen verändert, Personal überraschend gewählt: Defensiv konnte sich das Resultat sehen lassen, der Angriff kam dagegen weitgehend zum Erliegen.
Nun stellt sich die Frage, ob er seine Experimentierphase beendet und den Spielern Aufgaben gibt, die ihren Stärken entsprechen. In diesem Bundesliga-Frühjahr bleibt der Eintracht kein Raum mehr für weitere Suchbewegungen. „Wenn wir gewinnen, ist nicht alles gut. Und wenn wir verlieren, ist nicht alles schlecht“, lautete Rieras Sicht der Dinge, und er fügte an: „Wir wollen vieles besser machen.“
Die Ausgangsbasis ist keineswegs schlecht. Robin Koch kehrt nach seiner Sperre zurück, im Angriff stehen Optionen bereit, die unterschiedliche Profile mitbringen. Jonathan Burkardt, Arnaud Kalimuendo, Michy Batshuayi und Younes Ebnoutalib konkurrieren um zentrale Rollen, auch Can Uzun ist wieder fit. Riera setzte zuletzt meist auf eine einzelne Spitze.
Angesichts der ausbleibenden Torgefahr drängt sich die Überlegung auf, die Statik zu verändern. Eine Umstellung von Beginn an auf ein 4-4-2-System mit zwei Stürmern würde die Last verteilen und die Strafraumpräsenz erhöhen. Die Eintracht kontrollierte zuletzt oft Phasen des Spiels, ohne daraus Konsequenz zu entwickeln. Die Ballzirkulation blieb häufig folgenlos, die Wege in die Tiefe waren nicht klar abgestimmt.
Rieras Lob für Götze
Riera wollte sich nicht festlegen, ob er Mario Götze nach dreimaliger Nichtberücksichtigung wieder in den Spieltagskader beruft. Der 33-Jährige habe „phantastisch“ trainiert. Das gelte aber auch für Dauer-Reservist Timothy Chandler, den er namentlich nannte, und viele andere. „Wenn das Team ihn braucht“, sagte Riera, „wird Mario spielen.“ Eine Entscheidung falle an diesem Samstag.
Die Auftritte gegen Mainz, Heidenheim (1:0) und St. Pauli (0:0) gehörten – ohne Götzes Beiträge – zu den unerquicklichsten, die von Frankfurter Mannschaften in der jüngeren Vergangenheit zu sehen waren. Und dieser Befund wiegt umso schwerer, als er den Kern von Rieras Anspruch berührt: Er wolle mit der Eintracht „wunderschönen Fußball kreieren“, hat er bei seinem Antritt Anfang Februar als Maßgabe formuliert. Der Satz steht weiterhin im Raum, wobei die Wirklichkeit auf dem Platz kaum Argumente dafür lieferte, dass seine Absicht eingelöst werden konnte.
Auch abseits des Rasens boten seine Entscheidungen Diskussionsstoff. Wobei die Deutung, dass er den Spielern einen „Kurzurlaub“ gewährt habe, zu kurz greift: Die Fakten lagen anders. Die Profis, die nicht mit ihren Nationalteams unterwegs waren, erhielten die Auszeit, abgestimmt mit den medizinischen Betreuern, und jeder bekam zudem einen individuellen Trainingsplan an die Hand. Viele, darunter Uzun und Ebnoutalib, nutzten die acht Tage für tägliche Einheiten am Campus.
Die freien Tage während der Länderspielphase waren eine ungewöhnliche Maßnahme. Sie lassen sich als Rieras Versuch lesen, den Spielern nach turbulenten Wochen Zeit zum Durchatmen zu geben und dem Trainerstab Raum, das bisherige Abschneiden dezidiert zu analysieren. Die Führungsspitze trug das Vorgehen des Trainers jedenfalls mit.
Ausflug nach Liverpool sorgt für Irritationen
Für Verwunderung sorgte allerdings die Tatsache, dass Riera selbst einen Trip auf die britische Insel unternahm und sein Mitwirken an einem „Legendenspiel“ in Liverpool zelebrierte, wie in Social-Media-Posts deutlich wurde. Diese Form der Selbstinszenierung sorgte nach F.A.Z.-Informationen in Klubkreisen für Irritationen. Riera steht mehr denn je intern unter Beobachtung.
Hinzu kam eine kommunikative Schärfe, die nicht ohne Risiko ist. „Ich sage immer, dass wir Trainer den Spielern alles beibringen können, aber am Ende zählt die Qualität“, sagte der Coach nach dem verpatzten Rhein-Main-Duell. Solche Sätze dringen in die Köpfe der Spieler ein. Sie können als Ansporn gelesen werden. Sie können aber auch Zweifel verstärken.
In einer Situation, in der die Eintracht dringend auf Stabilität angewiesen ist, gewinnt dieser Aspekt an Bedeutung – zumal Akteure wie Farès Chaibi, Ellyes Skhiri und Mo Dahoud zuletzt lesen konnten, dass sie keine Zukunft am Main haben, während andere wie Nathaniel Brown als kommende Millionen-Abgänge gehandelt werden und Hugo Larsson selbst Abschiedsgedanken formuliert.
Die Verantwortlichen hielten sich in der Bewertung zurück, formulierten ihre Maßstäbe jedoch klar: „Wir bewerten, wie wir Fußball spielen“, sagte Sportvorstand Markus Krösche auf dem F.A.Z.-Kongress.
Daraus ergibt sich eine doppelte Aufgabe für Riera. Er muss einen tragfähigen Stil konzipieren und Ergebnisse liefern. Die Partie gegen Köln ist der erste Prüfstein auf der Reststrecke. Sie zeigt, ob Riera personell und taktisch richtigliegt, ob er vereinfacht oder weiter verkompliziert. Für Frankfurt geht es um Europa – und für Riera darum, seinen Kurs zu legitimieren.
