Es klingt so klischeehaft, weil es so nahe liegt: Christian Beck hat als Unternehmensberater immer wieder ferne Länder wie China und Japan bereist – und dabei hat er sich in deren jahrhundertealte Teekultur verliebt. Deren Eigenarten haben ihn ebenso wenig wieder losgelassen wie die Teetradition in Taiwan, und deshalb hat er alle drei Länder daraufhin schließlich auch privat mit Freunden bereist. Für den Weg vom westlichsten Punkt Chinas bis zum östlichsten bei Shanghai hat er sich auf einer dieser Reisen drei Monate Zeit gelassen.
Irgendwann wollte Beck die außergewöhnlichen Teesorten, die er auf seinen Exkursionen kennengelernt hatte, auch nach Deutschland bringen – so ist er schließlich sogar Teehändler geworden. Und als ihm Reisen und Verkaufen nicht mehr genügten, begann Beck zu schreiben. Sein erstes Buch „Teatrip“ beschäftigte sich mit dem Teeland China, das zweite, ebenfalls für 69,90 Euro beim Verlag Slanted erschienene Werk beschäftigt sich nun mit Japan. Dessen Aufbau ähnelt dem China-Band, wieder konnte Beck mit dem Fotografen Stefan Braun zahlreiche Orte in Japan erkunden, wieder haben befreundete Autoren Texte beigesteuert.
Maschinenernte auf Japanisch
Das Buch lebt zu einem großen Teil von den atmosphärischen Bildern und gibt ihnen auch den notwendigen Raum. Orte und Regionen in Japan bilden die Struktur der einzelnen Artikel. In den Abschnitten porträtiert Beck viele Familien wie Watanabe, Nishi oder Hosomi, die meist seit mehreren Generationen Tee anbauen. Sie stehen exemplarisch für die in Japan so fest verwurzelte Teekultur.

Zwischendurch präsentiert Beck auf Doppelseiten, die etwas schmaler geschnitten sind und wie Buchzeichen wirken, Erklärungen etwa über die Herstellung von Grüntee und Matcha im Besonderen, einen Lageplan von Kyoto mit den wichtigsten Stationen oder die detaillierte Unterscheidung der Tees aus verschiedenen Regionen. Allein die kleine Vulkaninsel Yakushima im Süden Japans, nach Becks Worten „etwa so groß wie Sylt“, hat der Autor schon drei Mal besucht.
Beck hat nicht den Anspruch, eine vollständige Abhandlung über den japanischen Tee vorzulegen. Das Buch soll vielmehr neugierig machen und zum Schmökern einladen. Dafür hält es dann – abhängig vom Wissensstand des Lesers – auch einige Überraschungen bereit: So erfährt man einerseits, dass auf nahezu allen Teeplantagen Japans Maschinen eingesetzt werden, um die Blätter zu ernten. Da Stefan Braun zu dieser Information das passende Bild liefert, wird dem Leser aber schnell klar, dass diese Erntemaschinen beispielsweise mit Vollerntern bei der Weinlese wenig zu tun haben. Stattdessen fahren die Gefährte mit typisch japanischer Präzision über die einzelnen Reihen der Teepflanzen und ernten gezielt nur die obersten Blätter. Dieses Verfahren sei „genauso gut wie die Handlese“, meint Beck.
Andererseits lernt der Leser im Buch auch die handwerkliche Technik Temomi kennen. Bei einem Besuch der Familie Nishi in der Präfektur Kagoshima, die als Pioniere im ökologischen Anbau gelten, konnte Beck Hiroki Nishi nach einem achtstündigen Arbeitstag in den Teegärten überreden, ihm anschließend noch diese Technik vorzuführen. Schon die Vorbereitung dauert zwei Stunden, wenn der Temomi-Meister Kleber aus Reis herstellt und einen Tisch damit auslegt. Dann behandelt Hiroki Nishi ein Kilogramm Teeblätter „mit dreizehn präzisen Handgriffen“, vier Stunden lang mit den bloßen Händen: Auflockern, Trocknen, Rollen, Pressen, wieder Rollen, Formen, Feinrollen und Ausrichten. Am Ende bleiben 400 Gramm übrig. Der Autor beschreibt den Vorgang recht trocken, die Bilder visualisieren die einzelnen Schritte neutral. Dennoch will man sich nach der Lektüre dieses Abschnitts am liebsten sofort ins Flugzeug setzen, um einen der Temomi-Meister, von denen es nur etwa 100 gibt, bei der Arbeit zu beobachten.

Am Ende darf ein Kapitel über Tokoname nicht fehlen. Der Ort hat in Japan eine ähnliche Bedeutung für Tonwaren wie Seki für Messer. Zentral ist die Kanne, die Kyusu, in der die Blätter im heißen Wasser ziehen. Typisch für dieses Gefäß ist der große seitliche Griff. Im Buch werden zwei Meister aus Tokoname porträtiert, die nicht nur Kannen, sondern auch Schalen und andere Gefäße kunstvoll herstellen. Einige Exemplare von Yuichi Hirano haben es in internationale Ausstellungen geschafft und sogar ins Boston Museum of Fine Arts.
Auch die Lektüre dieses Kapitels macht dem Leser, so er sich denn darauf einlässt, große Lust darauf, die japanische Teekultur mit all ihren Facetten im Land selbst zu erleben – oder das Abenteuer schon einmal zu Hause zu beginnen, etwa mit der Verkostung unterschiedlicher grüner Tees. „Teatrip Japan“ ist also kein Nachschlagewerk im üblichen Sinne, eher eine Aufforderung an den Leser, Japan und seine Teetradition etwas genauer und intensiver kennenzulernen.
