Ob das Land, wo die Oliven blühen, der geeignete Ort ist, um ein „letztes Gespräch“ mit dem Millennial-Deuter der deutschen Literatur zu führen? In einem Berliner Waffelladen hatte eine deutsche Journalistin ihn zuletzt getroffen. Das passt. Ein Schweizer Journalist chattete über Wochen mit dem Schriftsteller über den Dienst Signal, Leif Randt hatte schlichtweg keine Zeit für ein reguläres Interview. Fast froh müsste man also sein, ihn nun ausgerechnet in Griechenland zu treffen. Athen wäre als mediterrane Berlin-Alternative dankbar. Doch statt in einem gentrifizierten „New Wave“-Café zu sitzen, warten wir vor einer traditionellen „Ouzerí“ in Thessaloniki, in der Hoffnung, dass bald ein Platz frei werde. Doch weder ein einsetzendes Hungergefühl noch die „zu warme“ Temperatur können erklären, warum Randt die Buchmesse Thessaloniki „etwas unzufrieden“ verlassen hatte.
Möglicherweise lag es an seiner Sprache mitsamt deren vielsagenden Adjektiven und andeutungsreichen Millennial-Bonmots, die in der griechischen Übersetzung ihren Effekt verfehlten. Oder vielleicht lag es am demographischen Unglück, dass mehr Papadopoulosse als Millennials im Publikum anwesend waren. Noch vor wenigen Tagen hatte der Schriftsteller eine „phantastische“ Lesung in Dresden gehabt, jetzt verhedderte er sich auf der Bühne im Kabel seines Mikrofons, vergaß das Headset zur Simultanübersetzung und die Seiten seiner Szenen. Als er über die „chronische Handysucht“ seiner Protagonistin sprach, waren im Publikum schon Unzählige in ihren Smartphones versunken. Unterschrieben wurden ein paar Bücher, Fragen keine gestellt.

Aber jetzt, wo wir endlich einen Platz haben, scheint Randt fast dankbar, dass sich seine Lesung mangels Nachfrage nicht noch künstlich verlängerte. Der Schriftsteller erzählt, dass er mit seiner Freundin im Griechenland-Urlaub immer zu viel bestelle, „man muss da vorsichtig sein“. Noch am Vorabend hatte er auf den Wunsch nach einem Treffen geantwortet, dass ihm der „Seafood-Vorschlag grundsätzlich gefalle“, aber die Regeln der Höflichkeit nahelegten, mit dem Moderator essen zu gehen. Doch weil der Austausch mit dem griechischen Übersetzer von Peter Handke, diesen „Funfact“ hat sich Randt gemerkt, am Vorabend wohl schon ergiebig genug war, bleibt es bei unserem Seafood. Und weil wenig später trotz seiner Warnung der Tisch mit allerlei Gerichten gepflastert wird, ist man hier schon zum Kern jener Lebensphilosophie des randtschen Romans vorgestoßen, in der Konventionen und Erfahrungswerte nur performativ reflektiert werden, aber am Ende der rationale Hedonismus obsiegt.
Die Methode Randt: Selbstbeobachtung als Selbstzweck
Die Methode Randt folgt einem Vokabular, um ästhetisierte Adjektive und Anglizismen kreisend, und einer Soziologie. Selbstbeobachtung als Selbstzweck könnte ein passender Begriff sein. Gerade beschäftige ihn ein sehr akuter „struggle“: die Handy-Frage. Weil er auf einem „Spartrip“ sei, habe er sich entschlossen, ein wiederverwertbares Handy „refurbished“ zu kaufen. Eine Art „Hobby-Routine“ sei es, sich seitdem immer neue „Smartphone Reviews“ anzuschauen. Und das, obwohl er sich schon für ein Handy entschieden habe; wegen der Kamera sei es das Basismodell des iPhone 17 geworden. Ganz zufrieden ist Randt damit aber nicht.
Ein Mann, der ein „refurbishtes“ iPhone 17 kauft, aber am Ende trotzdem sein iPhone SE benutzt, das könnte auch eine Figur aus einem Buch von Randt sein. Einen Hehl habe er noch nie daraus gemacht, dass seine Romane vor allem eigene Erfahrungen verarbeiten. Dass er wie Jerome in „Allegro Pastell“ gerne jogge, dass er sich im Schicksal der rastlosen Schriftstellerin Tanja erkenne. Diese Millennial-Chronik, die sich zwischen seiner Heimat im hessischen Maintal und seinem Berliner Wohnort entfaltet, ist die Beschreibung seiner Welt. Entlang des eigenen Milieus „halb verwundert, halb zugewandt“ mitzuschreiben, war eine neue Erfahrung für Randt. Er ahnte, dass „Allegro Pastell“ sein „nahbarstes Buch“ werden könnte und womöglich deswegen ein größeres Publikum finde. Vom Erfolg war er trotzdem überrascht.
„Wohlfeile und teils geheuchelte Kritik“ an seinen Protagonisten
Seitdem gilt Randt als der Literat seiner Generation. „Jeder Millennial, der ein Buch schreibt, müsse sich künftig zu ‚Allegro Pastell‘ verhalten“, erklärte ein bekannter Literaturkritiker. Aber diese Prämisse lässt sich auch umdrehen. Für viele seiner Leser, erwähnt Randt, sei sein vorletzter Roman eben der erste Berührungspunkt. Eine gewisse Erwartungshaltung diktiert „Allegro Pastell“ also auch seinem Autor auf. Und zugleich die Notwendigkeit, seine Protagonisten bis heute gegen „wohlfeile und teils geheuchelte“ Angriffe verteidigen zu müssen. Was sei so ungewöhnlich an einem Tee-Aufguss bei genau 70 Grad, seien Hobbys bei Redakteuren mittlerweile verboten? Klar, Tanja sei eine narzisstische Schriftstellerin. Aber es sei doch „viel pathologischer, jedes auffällige Verhalten sofort zu pathologisieren“. Die intensive Kritik an seiner Protagonistin verstehe er nicht, im Kontrast zu der zaghaften Jerome-Kritik vermutet er manchmal gar „leichten Sexismus“.
Bei Mutmaßungen über seine literarischen Vorbilder bleibt Randt bewusst zurückhaltend. Theorie kenne er grundsätzlich kaum, sein Studium des Kreativen Schreibens in Hildesheim sei praxisnah und gerade deswegen gut gewesen. „Er weiß, dass du nicht so auf den PhD-Swag abfährst“, hatte er im Film-Drehbuch zu „Allegro Pastell“ Tanja beschreiben lassen. Bei Schriftstellern zieht Randt sich auf Anekdoten zurück. Houellebecqs „Karte und Gebiet“ habe er 2011 im Skiurlaub gelesen. Aber daran erinnere er sich eigentlich nur deshalb gut, weil sein Cousin ihn in tiefstem Hessisch während einer Leseeinheit zum Mario-Kart-Spielen aufgefordert habe. Bei anderen Granden der Popliteratur bleibt es bei kurzen Begegnungsberichten.
Auf ein „letztes Gespräch“ in Thessaloniki
Diese vermeintliche Inspirationslosigkeit hat Gründe. Während des Schreibens, und er schreibe meistens, könne er nicht lesen – es fühle sich wie Weiterarbeiten an. Später am Abend wird er sagen, dass „jedes gelungene Buch aus einer guten Haltung“ entstehen müsse. „Haltung“, das wäre eigentlich so ein typisch linksliberaler Begriff. Aber Haltung ist für Randt kein politisches Wort, sondern eine richtige „Einstellung zum Schreiben im Moment“. Er liest kaum Theorie, ein Bezug zu Heideggers „Dasein“ hilft hier nicht weiter, aber etwas leicht Esoterisches hat das schon. Entstehen gute Bücher also nur, wenn man sich im richtigen Verhältnis zur Welt verortet, wenn der Vibe beim Schreiben stimmt? Das ist so ein Satz, den hätte er auch problemlos Tanja sagen lassen können – ein Satz, der Tiefe andeutet, von dem man aber nicht genau wissen kann, ob es nur ein ästhetischer Schnellschuss ist.
Aus einer passenden Haltung heraus hatte Randt wahrscheinlich zugestimmt, sich in Thessaloniki auf ein „letztes Gespräch“ zu treffen. Das „Setting“ hätte gepasst, nach einem anstrengenden Promotion-Jahr für sein neues Buch und der Verfilmung von „Allegro Pastell“. Die Veröffentlichung seines Films in Österreich bringe zwar noch etwas Pressearbeit mit sich, aber die Vorstellung eines letzten Auftritts, ausgerechnet eines Porträts in Griechenland: Dieser Zufall sei zu „charmant“.

Randt ist jemand, für den Mails auch Selbstverarbeitung sind. Aber ganz sicher kann man sich nicht sein, ob die bewusste Kursivierung von „letztes Gespräch“ nicht ein geschickter Schachzug war. Ob er so spielerisch Journalisten an der Angel hält? Randt erwidert, in diesem Fall sei es auch „Selbstmotivation“ gewesen. Früher habe er mit „Feuilleton-Mindset“ geschrieben, heute denke er lieber ans Publikum. Von den Rezensionen zu „Let’s talk about feelings“ habe er „maximal die Hälfte“ gelesen. Diese Performanz unerzwungener Coolness ist aus „Allegro Pastell“ bekannt, und ein kühler Immunisierungsversuch könnte sie auch bei Randt selbst sein. Am Ende des Abends hat er erstaunlich viele Kritiken zitiert oder Interviews, wobei sich seine besten Punkte überhaupt nicht in den Antworten finden. Eigentlich, gesteht er, zeichne er aus diesen Gründen Gespräche mit Journalisten meist auf.
Gefangen zwischen Wehmut und Eskapismus
Für Aufnahmen ist es an diesem Abend fast zu laut, um 23.15 Uhr erhebt sich die Taverne zum Geburtstagsständchen. Vielleicht eine griechische Eigenart, aber irgendwie passend: Wenige Minuten zuvor hatte Randt davon gesprochen, dass gerade „der perfekte Moment“ sei. Die Makrele, die Tintenfischringe und der Barsch sind da schon im Verdauungstrakt. Das gute Essen spielt eine Rolle, aber vor allem die „maximale Offenheit“ seiner Zukunft. Von seinem „neuen Berufsethos“ schwärmt er, von zufriedenstellenden Lesungen, bei denen er „seinen Job mache“, und dem regelmäßigen Schreiben. Ein Roman sei in Planung, ein neuer Film, vielleicht auch ein Erzählungsband. Einige Ideen habe er schon, sie sollen aber nicht in den Bericht, sich selbst und seinen Lesern gönne er noch eine gewisse Offenheit. Veränderungen werde es geben, in seinen Erzählungen plane er mit Protagonisten im Alter zwischen siebzehn und Mitte sechzig.
Man darf gespannt sein, wie der permanente Beobachter Randt andere Generationen aus der Position der perfekten Mitte im Alter von 42 einschätzt. Ob ein erzählter Vertreter der „Gen Z“ etwa die latente Krisenhaftigkeit, der Millennials wie Randt mit in Watte verpackter Gleichgültigkeit begegnen, ernsthafter adressieren kann. Bewusst ist sich Randt schon, dass diese postmaterialistische Lebenswelt bei der Verfilmung von „Allegro Pastell“ schon lange untergegangen war. Aber noch in seinem letzten Buch hatte er die Ehrenrettung seiner postheroischen Kulisse unternommen und sie in eskapistischer Manier als „heilere Nebenrealität“ zur tristen Gegenwart inszeniert.
Eines von Randts Lieblingswörtern bringt diese Versuchung auf den Punkt: „Wehmut“. In „Allegro Pastell“ heißt es, dass „Wehmut als politisch links und Nostalgie als politisch rechts einzustufen“ sei. Randt gefällt dieser Gedanke, er impliziere, dass Wehmut, diese „allgemeine Traurigkeit über das Verstreichen der Zeit“, von einer „stolzen Glorifizierung einer Vergangenheit“ abzugrenzen sei. Damit möchte Randt wohl sagen, dass man auch als Linker einen harmlosen Kulturpessimismus pflegen kann, ohne gleich als Konservativer zu gelten.
Die permanente Selbstbeobachtung kennt keine freien Tage
Über Wehmut philosophiert Randt gerne, bei der Liebe wird es etwas technischer. Nach dem ersten Bier kurz vor Mitternacht – zuvor tranken wir Weißwein, eine Ouzo-Runde hatte er abgelehnt – erzählt Randt von seiner „ersten richtigen Beziehung“. Ursprünglich habe „Allegro Pastell“ „Jerome Daimler“ heißen sollen, aber inmitten des Schreibens habe er seine Freundin kennengelernt. Das habe auch thematisch noch mal einiges aufgebracht. Er ist überrascht, wie gut er eine Beziehung führen „kann“, mittlerweile sei man „on easy speaking terms“ verlobt. Als Paar nicht zusammenzuziehen, sei seine Empfehlung, bis auf Weiteres möchten sie ihre beiden Berliner Wohnungen behalten. Bei der Rückfrage, ob sein Schriftsteller-Lebensstil mit Kindern vereinbar wäre, hatte Randt kurz gestockt, aber dann gesagt, dass das Problem sein aktiv gepflegter Freundeskreis sei, den er nicht vernachlässigen möchte. Wer so mit 42 redet, dürfte bei der deutschen Geburtenrate keine Hilfe sein.
Als gegen ein Uhr die Rechnung kommt, bestellt Randt auf Rückfrage des Kellners noch einen Nachtisch – der gehe in Griechenland doch aufs Haus. Und seine Joggingschuhe habe er ja nicht umsonst eingepackt. Als das Eis eintrifft, zückt er sein iPhone SE, um den Abend zu dokumentieren. Ach, ein Hauch von Wehmut geht um: Randt kommt wieder auf die Handy-Frage zu sprechen. In diesen letzten Minuten beschäftigt ihn aber noch etwas anderes. In einem Nebensatz hatte er die Formulierung „Da wird kein Schuh draus“ gewählt. Neben all den Anglizismen, die Randt ganz leicht über die Lippen gehen, ist diese viel zu deutsche Formulierung so out of character, dass sie uns schmunzelnd zurücklässt. Zufrieden verlassen wir also das Restaurant. Randt freut sich auf die freie Woche und darauf, jetzt den Bus zu nehmen.
Um 2.43 Uhr schreibt er aus seiner Unterkunft eine mittellange Mail: Der Bus sei nie gekommen, Uber und Freenow hätten auch nicht funktioniert. Kurzum, er sei gelaufen: „Zu Fuß ging es dann natürlich eigentlich schnell.“ Über den ungewollten Umweg habe er so noch rasch einer Indoor-Drum-’n’-Bass-Party beiwohnen können. Ganz ohne Einlasskontrollen, er bewundere das „pure Vertrauen in die Harmlosigkeit der Leute“. Am Ende war es eben doch the place to be: Thessaloniki sei „ein wirklich netter Ort“. Am nächsten Tag trudelt noch eine Mail ein, er würde „gerne das Wort Harmlosigkeit durch Friedfertigkeit ersetzen“: „Das trifft viel eher, was ich meinte.“ Die permanente Selbstbeobachtung kennt bei Randt keine freien Tage. Es folgt ein zweiter Absatz. In der Nacht habe er sich wieder einige Videos zum iPhone 17 angeschaut: „Stand jetzt wünschte ich, es wäre deutlich kleiner“ – Von meinem iPhone SE gesendet. Nach wenigen Tagen flattern „further news“ ins Postfach: „Mit dem neuen Phone habe ich spätestens heute meinen Frieden gemacht. It’s quite beautiful.“
