
Bei der Suche nach den in Jahrzehnten verlorenen Medaillen wird dem deutschen Spitzensport in diesen Tagen mit süffisantem Unterton geraten, doch mal über den Tellerrand hinaus zu schauen, ins Ausland. Wir Weltbürger schlagen, augenzwinkernd, Kenia vor. Zugegeben, Wintersport – ein Teilnehmer bei den Spielen in Italien – ist nicht unbedingt eine Domäne des ostafrikanischen Landes. Aber auf der Tartanbahn kommen die Wenigsten hinterher.
Früher hieß es gerne, das hinge mit der Infrastruktur zusammen, mit zweimal Marathontraining pro Tag schon bei Kindern. Weil sie doch zur Schule laufen mussten. Inzwischen wird das Talent mitunter getunt. Die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) Kenias suspendierte jüngst 27 Athleten und Athletinnen. Suspendierungen, das stimmt, könnten sich noch in Wohlgefallen auflösen. Die hohe Zahl der Verdächtigungen korrespondiert allerdings mit der hohen Zahl Überführter in den vergangenen Jahren.
Daraus lässt sich nicht ableiten, dass kenianische Sportler und Sportlerinnen skrupelloser sind als andere. Vielleicht funktioniert das Kontrollsystem nicht wie behauptet. Vielleicht ist ein einziges Anti-Doping-Labor für ganz Afrika doch zu wenig im Vergleich zu den 17 in Europa. Im Umkehrschluss aber hieße das, europäische, deutsche Spitzensportler stünden unter einer deutlich schärferen Beobachtung. Dafür spricht manches, in Deutschland eines der schärfsten Anti-Doping-Gesetze weltweit. Es soll, so war schon von im Ansatz zur Manipulation Geneigten zu hören, im Zweifel die nackte Angst vor Augen führen. Dann doch lieber nicht?
Schön wär’s schon, wenn die Ausbeute der Deutschen nicht ihren Glanz verlöre, weil Nachtests offenbarten, was anno 2026 in den Laboren noch nicht zu sehen war. Deutsche Gründlichkeit hätte ihren (guten) Preis. Sicher ist aber nur, dass nach dem Fall der Mauer und des DDR-Staatsdopings in Deutschland noch eine Zeit lang munter gedopt und darüber halbwegs laut gesprochen wurde, ehe die Goldausbeute schrumpfte. Heute hört man fast nichts mehr. Allenfalls mal einen Athleten, wie ihm sein Bundestrainer eine schwer entdeckbare Manipulationen erläuterte, ohne sie zu verteufeln.
