An den Tag, an dem er zum Fan des 1. FC Köln wurde, kann sich Udo Luy noch genau erinnern. Die Mannschaft war Ende Mai 1961 im Kampf um die deutsche Fußballmeisterschaft beim 1. FC Nürnberg zu Gast, und als der Dreizehnjährige damals am Trainingsgelände mit seinen Eltern spazieren ging, lud ihn ein Spieler des Westmeisters, Karl-Heinz Schnellinger, in die Kabine ein. Er schenkte ihm dort Wimpel und andere Devotionalien. 3:3 sei das Duell später ausgegangen, berichtet Luy. Einen Beleg dafür findet er in einem der alten Magazine, die er am Sonntag zur Sammlerbörse ins Eintracht-Museum im Frankfurter Waldstadion mitgebracht hat. Von einer „großartigen, packenden Partie“ ist in dem Artikel die Rede, über dem die Teamaufstellungen und Torschützen stehen. Die Kölner, betont der Franke, seien bis heute der einzige Verein, für den sein Herz schlage.
Die Leidenschaft des Fußball-Historikers, wie er sich auch selbst auf seiner Visitenkarte bezeichnet, besteht ansonsten darin, die frühe Geschichte seines Lieblingssports bis in die Tiefen hinein zu erforschen. 22 Bücher habe er schon geschrieben, das erste 2012 über Fußball in Pommern, in kleinster Auflage, um zu sehen, ob das überhaupt funktioniert. Heute frage selbst Bayern München an, wenn dem deutschen Meister im Archiv etwas fehle.
Das Fundament für Luys Arbeit bilden Zeitschriften und Magazine. Alle zwischen 1893 und 1945 in Deutschland erschienenen Werke fänden sich in seiner Sammlung. „Was ich nicht habe, gibt es nicht“, sagt der pensionierte Großhandelskaufmann, der seine Urlaube in den vergangenen 25 Jahren oft damit verbracht hat, in Bibliotheken herumzustöbern und alles einzuscannen, was ihm in die Finger kam. Glücklich verheiratet ist er trotzdem, mit Rosetraud seit 40 Jahren. Es bleibe noch genügend Zeit, die die beiden miteinander vor allem in der Natur verbringen, verrät die Gattin, die ihren Mann an den Main begleitet hat. Die Schätze, die sich um des Deutschen liebstes Hobby drehen, seien zu Hause, in Kleinrinderfeld bei Würzburg, in den Keller verbannt worden.
Fußballalmanach weckte die Begeisterung
Weil es auf den 20 Quadratmetern dort eng geworden ist, bietet Luy schon zum dritten Mal Artikel aus seinem Fundus auf der Frankfurter Sammlerbörse an. Sein langer Tisch, der vor einer Wand an der Seite rechts vom Eingang steht, unterscheidet sich farblich von vielen anderen, auf denen Schals, Trikots, Autogrammkarten, Alben, Stadionhefte oder ähnlich bunte Utensilien aller Art locken, ein Sammelsurium aus der Welt der Kicker. Bei Luy finden sich das eher blasse Fußball-Jahrbuch von 1905 bis 1907 oder Ausgaben der illustrierten Wochen-Rundschau „Sport“. Der Titel vom 8. Oktober 1947, der ganz oben liegt, zeigt auf einem Schwarz-Weiß-Bild Max Schmeling bei seinem Comeback im Boxring nach einer Pause von acht Jahren.
Luys eigene Karriere währte nur sehr kurz, wie er erzählt: Nachdem er als Kind auf der Straße gekickt habe, sei er im Alter zwischen 16 und 18 Jahren zwei Jahre im Verein gewesen. Dann sei Schluss gewesen, weil er zum Weiterspielen eine Sportbrille hätte tragen müssen. Mit dieser wollte er aber nicht auf den Rasen.
Ein Fußballalmanach weckte schließlich die Begeisterung für Statistiken. Ein Onkel hatte dem damals Zehnjährigen das Werk geschenkt. Doch Luy vermisste darin genauere Angaben, die Hintergründe des Spielgeschehens. Was seine Neugier anstachelte und ihn dazu brachte, ein Fußballmagazin zu kaufen, sollte sich, als das Internet die Recherchen vereinfachte, zu einem Rausch entwickeln. Allerdings traut der 78 Jahre alte Mann dieser Quelle nach eigenen Worten nicht, erarbeitet sich seine Ergebnisse lieber selbst und kann zahlreiche Fehler nachweisen, die durchs Netz schwirren. Acht bis zehn Stunden am Tag beschäftige er sich mit den Zahlen, hat „viele Daten im Kopf“.

Heute begeistern sich die sportverrückten Kinder vor allem für Fußballkarten, aber auch Klebebilder sind noch gefragt. Thomas Müller, der zu den Organisatoren der Mini-Messe zählt, war in dieser Hinsicht fleißig. Sein ältestes Album stammt von 1963, als der SC Preußen Münster in der Bundesliga spielte. Auch hier hat das Internet das Geschäft verändert. „Man hat mehr Möglichkeiten“, wie er sagt. Man komme leichter an die Fotos heran, mit denen die letzten Lücken gefüllt werden könnten. „Aber das hebt auch die Preise“, sagt der Kenner. Denn nun seien die Porträts nicht nur im eigenen Land, sondern weltweit begehrt. Lohnt sich da noch die Präsenz bei den Börsen? „Man darf das nicht nur unter finanziellen Aspekten sehen“, sagt Müller. „Ich mache das just for fun.“
Auch bei Luy gibt es nicht nur Zeitschriften und Bücher: Hunderte von Pins reihen sich auf einem Kissen aneinander. „Die habe ich geschenkt bekommen“, sagte er. Bei den vielen Einladungen von Vereinen und Verbänden. Aber nicht dass man auf falsche Gedanken gerate: „Ich bin nur Fan vom 1. FC Köln.“ Das sagt er im Waldstadion. Unter Sammlern ist das möglich.
