
Er war ein Sprachmeister und ein führender Repräsentant der deutschen Kultur im 20. Jahrhundert: Thomas Mann
Sein Werk sei nichts weiter „als die persönliche Spur eines bewußt und das heißt: gewissenhaft geführten Lebenskampfes“, notierte Thomas Mann als 55-Jähriger. Damit ist das Entscheidende (und für einen bürgerlichen Autor im Grunde wenig Verwunderliche) gesagt: Dieses Leben bestand hauptsächlich darin, dem so genannten wirklichen Leben zu Gunsten seiner literarischen Darstellung zu entsagen.
Die sexuelle Dimension jener Entsagung ist heutzutage vor allem in Übersee ein bevorzugtes Thema universitärer Studien. Spätestens seit der Veröffentlichung der Tagebücher weiß jeder, der es wissen will, dass es den Nobelpreisträger zeitlebens (wenngleich offenbar nicht unwiderstehlich) zu Knaben und jungen Männern zog. Seine berühmte Erzählung „Der Tod in Venedig“ (1912) war im Grunde ein grandioses Coming-out, aber seinerzeit hielt man dieses Buch für nichts anderes als literarische Fiktion. Jedenfalls wagte niemand öffentlich zu fragen, ob der keusch-unkeusche Blick des Gustav von Aschenbach auf den schönen Knaben Tadzio auch jener des Autors selber sei. Beim Blick freilich ist es wohl – einen Kuss auf den Mund eines Jugendfreundes ausgenommen – stets geblieben; der Dichter achtete zeitlebens sorgenvoll darauf, dass „die Hunde im Souterrain“, wie er es nannte, allzeit an der Kette blieben.
Jeden Morgen um neun Uhr betrat Thomas Mann normalerweise sein Arbeitszimmer, wo er seine ausufernden Romane mit dem Gleichmaß einer Waben bauenden Biene zu Papier brachte, frei von genialischen Phasen und Schaffenskrisen. An der „Josephs“-Tetralogie etwa arbeitete er 16 Jahre.
1933 kehrte Mann Deutschland den Rücken, einerseits war er selber gefährdet, andererseits hatte er, mit einer Jüdin verheiratet und somit Vater von jüdischen Kindern, überhaupt keine andere Wahl. Auch im Exil änderte sich sein Arbeitsstil nicht; Mann behielt, bei allem politischen Engagement gegen Hitler, die Idee des Lebenswerks allzeit fest im Blick.
In den „Buddenbrooks“ – jenem Erstling, der ihm später den Nobelpreis eintrug – setzt des Dichters Alter Ego Hanno Buddenbrook in der Familienchronik unter seinen Namen einen Strich. Befragt, was das solle, erklärt der Knabe, er dachte, nach ihm komme nichts mehr. So ungefähr dürfte auch der junge Thomas Mann gedacht haben, als er den Verfall einer – seiner – Lübecker Senatorenfamilie beschrieb. Nur dass in der Realität noch einiges kommen sollte: Deutschlands berühmteste Literatenfamilie des 20. Jahrhunderts – mit ihm als Patriarchen und weltweit gefeierten Romancier.
