Bauer Rajbir Singh bückt sich über den Boden seines Feldes im indischen Uttar Pradesh und gräbt eine reife Kartoffel aus. Wenn sie hier mit der Ernte fertig sind, will der Bauer Ende März auf dem Feld Hirse anbauen. An diesem Morgen Ende Februar, fünf Tage vor Beginn des Irankriegs, ahnt Singh noch nicht, dass der Krieg bald auch ihn als Bauer im Alltag treffen wird. Der Bundesstaat Uttar Pradesh, in dem der 57 Jahre alte Mann lebt, gilt als Ackerfeld Indiens. Etwa ein Drittel des indischen Weizens wächst hier, ein Drittel aller Kartoffeln und rund 20 Millionen Tonnen Hirse.
Vor einem kleinen Altar neben seinem Haus betet Singh zu Shiva, für Gesundheit und eine reiche Ernte. Auf göttliche Hilfe will er sich aber nicht verlassen. So wird er am Tag der Aussaat in einigen Wochen im Laden seines Dorfs Stickstoffdünger der Marke Uttam Veer kaufen, zum Preis von derzeit 300 Rupien für das 45-Kilogramm-Paket, umgerechnet drei Euro. Das ist etwa ein Zehntel des Preises in Deutschland und nur möglich, weil Indiens Regierung den Dünger im laufenden Haushaltsjahr mit umgerechnet 16 Milliarden Euro subventioniert. Es ist sogar mehr, als im Haushalt für Bildung eingeplant ist. Auch andere Länder, arm an Einkommen und reich an Menschen wie Indonesien, Pakistan, Bangladesch oder Vietnam, geben Milliarden für Dünger aus. Es ist der Preis für Lebensmittelsicherheit.
Ohne Gas kein Dünger
Doch Dünger, oder besser gesagt fehlender Dünger, könnte für Bauern in aller Welt nun zum Verhängnis werden. Denn während seit Beginn des Irankriegs alle Welt von Ölknappheit spricht, ist kaum bekannt, dass die Düngermärkte ebenfalls in Schieflage geraten. Der Nahe Osten ist einer der weltgrößten Produzenten chemischer Düngemittel. Etwa ein Drittel des global gehandelten Düngers und fast die Hälfte aller Schwefelexporte passieren für gewöhnlich die Straße von Hormus.
Laut den Rohstoffmarktanalysten von Kpler steckten Anfang der Woche 21 Frachter in der Golfregion fest, die insgesamt knapp eine Million Tonnen Dünger geladen hatten. Seit die Meerenge praktisch blockiert ist, klettern die Preise. Harnstoff, der wichtigste Dünger in der Landwirtschaft, stieg innerhalb einer Woche um rund 30 Prozent auf den höchsten Stand seit 2022. Die Krise trifft nicht nur Importeure von Dünger, sondern auch Länder, die selbst Dünger herstellen, aber dafür auf Energie aus der Golfregion angewiesen sind. Dünger gilt als „veredeltes Gas“, die Produktion ist sehr energieintensiv; 70 bis 80 Prozent der Produktionskosten entfallen darauf. Vor allem aber gibt es ohne Gas keinen Dünger.
„Für Landwirte kommt der Krieg zum schlechtesten Zeitpunkt“
Das Verhängnisvolle: Mineralischer Dünger, der für die Erträge auf den Feldern in aller Welt essenziell ist, wird gerade jetzt dringend gebraucht. „Für Landwirte kommt der Krieg zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt“, sagt Chris Vlachopoulos, Analyst für Düngemittel beim Preisdienst ICIS. In vielen Regionen der Nordhalbkugel hat die Ackersaison begonnen, Pflanzen sprießen, und genau jetzt brauchen sie Dünger, damit sie genug Ertrag abwerfen. Landwirte müssen nun entweder deutlich mehr für Dünger zahlen, darauf verzichten oder sogar etwas anderes anbauen.
Aus den USA etwa ist zu hören, dass Landwirte von Mais auf andere Kulturen umschwenken könnten, die mit weniger Dünger auskommen, wenn dieser so teuer bleibt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Märkte saisonal organisiert sind und weitgehend nach dem „Just in time“-Prinzip funktionieren. „Anders als bei Öl gibt es auf der Welt keine strategischen Düngemittelreserven“, sagt Marktanalyst Vlachopoulos. Gekauft und verschifft werde nach dem Anbaukalender, nicht auf Vorrat.

Die Folgen für die Welternährung sind schwer abzuschätzen und dürften vor allem davon abhängen, wie lange der Krieg andauern wird. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen warnte schon davor, dass die steigenden Lebensmittel- und Treibstoffpreise den globalen Hunger verschärfen könnten. Jede Unterbrechung des Düngerhandels gefährde die Verfügbarkeit von Düngemitteln, senke Erträge und treibe globale Lebensmittelpreise nach oben. Analyst Vlachopoulos sieht eher Auswirkungen finanzieller als physischer Natur: Höhere Düngemittelpreise erhöhten die Produktionskosten und könnten die Anbauentscheidungen der Landwirte beeinflussen, insbesondere auf der Nordhalbkugel, wo die Aussaat kurz bevorstehe. „Dünger ist essenziell für die globale Lebensmittelproduktion, aber in diesem Stadium birgt der Konflikt kein unmittelbares Risiko einer weltweiten Hungersnot“, sagt er.
Millionen Tonnen verlorene Ernte möglich
Zu unterschätzen ist die Situation dennoch nicht. Das betont der Handelsökonom Hendrik Mahlkow vom Kiel Institut für Weltwirtschaft. „Das Risiko für Versorgungsengpässe mit Lebensmitteln besteht ganz klar, und zwar am stärksten in Subsahara-Afrika“, sagt er. Dort importiere man mehr als 90 Prozent des verbrauchten Düngers, und die Haushalte gäben einen Großteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus. Stickstoffintensive Lebensmittel wie Mais seien besonders anfällig für Düngerengpässe. Schon moderate Rückgänge bei der Stickstoffausbringung könnten überproportionale Ertragseinbußen nach sich ziehen. „Das könnte sich in Millionen Tonnen verlorener Ernte niederschlagen“, sagt Mahlkow.
Auch in Süd- und Südostasien ist die Lage angespannt. Anruf bei Bauer Singh in Indien, einige Tage nach Kriegsbeginn. Bisher kennen die Menschen in Uttar Pradesh den Krieg in Nahost nur aus den sozialen Medien. Ganz stimmt das aber nicht. „Diesel für Traktoren ist knapp“, sagt der Bauer, ebenso das Gas zum Kochen. Über seine Hirseernte mache er sich wegen des Kriegs keine Sorgen. Doch er könnte sich irren. Schließlich importiert Indien nicht nur 85 Prozent seines Öls, sondern auch einen erheblichen Teil des Gases. Die Hälfte des Öls und zwei Drittel des Gases gehen durch die Straße von Hormus. Die Abhängigkeiten erschweren auch die Düngerproduktion des Landes: Neu Delhi hat seine Düngerhersteller angewiesen, ihre Produktion auf 70 Prozent zu drosseln. Viele Fabriken haben ihre Produktion sogar ganz eingestellt.
Düngerknappheit als tickende Zeitbombe
Seit Beginn des Kriegs ist der Preis für Flüssiggas aus Qatar um 90 Prozent gestiegen. Damit dürften die Herstellungskosten für Dünger heftig in die Höhe schießen. Der indische Gasimporteur Petronet kaufte vor dem Krieg gewöhnlich LNG und verschiffte es über die Straße von Hormus zu indischen Terminals, von wo aus es zu den Düngerherstellern gelangte. Diese wandelten den Wasserstoff aus dem Gas mithilfe von Stickstoff unter hohem Druck und bei großer Hitze zu Ammoniak um, der Grundlage für den Harnstoff.

Indien treffen die Preissprünge zwar, doch die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt kann relativ leicht mehr Schulden aufnehmen. Anders sieht das in Ländern wie Indonesien aus. Im Land ticke eine „Zeitbombe“, sagte Alfatehan Septianta von der Denkfabrik Indonesia Food Security Review. Die Reisreserve des Landes reiche im Krisenfall nicht länger als 44 Tage. Indonesien importiert einen guten Teil seines Phosphatdüngers. Wichtige Zulieferer wie China haben seit vergangenem Jahr den Düngerexport gestoppt. Auch andere Länder müssen Einbußen hinnehmen. Bangladesch hat vier seiner fünf Düngemittelfabriken geschlossen. Brasilien, das rund 85 Prozent seines Düngers importiert, könnte ebenfalls betroffen sein, mit Auswirkungen auf die globalen Agrarrohstoffmärkte.
Die unmittelbarste Gefahr aber bestehe für die Golfstaaten selbst, die zwar viel Dünger exportierten, selbst aber auf Lebensmittelimporte angewiesen seien, so Ökonom Mahlkow. „Das Ausmaß der Nahrungsmittelkrise hängt nun entscheidend davon ab, wie lange die Seewegsperrung anhält und ob in dem Fall Alternativrouten etabliert werden können.“
Preissteigerungen bei Lebensmitteln möglich
Für Deutschland und Europa sei die Lage weniger dramatisch als für importabhängige Schwellenländer, sagt der Ökonom, doch durchaus ernst zu nehmen. Europa importiert nur sehr geringe Mengen Dünger direkt aus der Golfregion. Da Düngemittel aber auf dem Weltmarkt gehandelt werden und Europa Nettoimporteur von Stickstoffdüngern ist, treffen Preissprünge die Bauern auch hier. Laut Raiffeisenverband können die Düngemittelkosten bis zu ein Fünftel der Gesamtbetriebskosten für deutsche Landwirte ausmachen. Noch dazu steht die eigene Düngerproduktion in Europa unter Druck. Die heimische Düngemittelindustrie hat nach der Energiekrise 2022 ihre Produktion deutlich heruntergefahren. Unternehmen wie Yara oder die SKW Stickstoffwerke Piesteritz, die in Deutschland angesiedelt sind, klagen seit Jahren über hohe Energiepreise und schlechte Standortbedingungen.
Welche Folgen aber hat die Düngerkrise für Verbraucher und Lebensmittelpreise? Ganz unmittelbar ist der Zusammenhang nicht, sagt Samuel Taylor, Analyst für Agrarmärkte der niederländischen Rabobank. „Während Preissprünge bei Öl und Gas nahezu sofort inflationstreibend für Verbraucher sind, ist die Wirkung von Dünger deutlich komplexer.“ Nur weil ein Landwirt mehr für Dünger bezahlen muss, bedeute das nicht, dass er nach der Ernte auch höhere Preise für sein Getreide verlangen könne.
Ähnlich sieht das IfW-Ökonom Mahlkow. Bei den Düngemittelkosten wirke sich der Preisanstieg erst später aus. Die Preissteigerungen beträfen die Frühjahrsaussaat 2026. Wenn Landwirte die Düngung reduzierten oder auf weniger stickstoffintensive Kulturen umstellten, könnten die Erträge zurückgehen und die Lebensmittelpreise im Spätsommer und Herbst anziehen, sagt er. Preissteigerungen bei Lebensmitteln in Deutschland und Europa hält er für wahrscheinlich, die Frage seien aber Ausmaß und Zeithorizont.
Parallelen zum Beginn des Ukrainekriegs 2022
Sollte sich die Lage an der Straße von Hormus innerhalb weniger Wochen stabilisieren, rechnet Mahlkow mit einem vorübergehenden Preisschub, der sich ähnlich wie nach dem Zwölf-Tage-Krieg 2025 relativ schnell zurückbilden dürfte. „Bei einer monatelangen Blockade wären dagegen strukturelle Verwerfungen auf den Agrarmärkten zu befürchten, mit spürbaren Folgen für die Verbraucherpreise.“ Das International Food Policy Research Institute warnt schon davor, dass die gerade erst erreichte Normalisierung der Lebensmittelpreise erneut gefährdet ist.
Einige Parallelen lassen sich ziehen zum Beginn des Ukrainekriegs 2022. Wie nach dem russischen Angriff ist eine Kettenreaktion erkennbar: Steigende Gaspreise treiben die Ammoniakpreise, was wiederum auf Harnstoff und letztlich die Nahrungsmittelpreise durchschlägt. Beide Konflikte bedrohen die Düngemittelversorgung. Doch 2022 ging es vor allem um Sanktionen gegen russisches Gas und den Ausfall der Ukraine als Getreideexporteur.
Damals hat sich die Blockade der Schwarzmeerregion direkt auf die Märkte ausgewirkt. Länder, die auf Getreide angewiesen waren, mussten kurzfristig nach Alternativen suchen. Im Irankrieg nun geht es hingegen nicht um zentrale Exportströme von Lebensmitteln, sondern um Dünger als ein vorgelagertes Produkt, dessen Auswirkungen nicht ganz so unmittelbar spürbar sind.
Warum Dünger für die Landwirtschaft so wichtig ist
Eine Krise wie diese lenkt den Blick auch auf die Schattenseiten des Düngers. Mineraldünger gilt als Schlüssel zu hohen Erträgen, und das Haber-Bosch-Verfahren, auf dem seine Herstellung beruht, wird mitunter als wichtigste Erfindung des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Fritz Haber erhielt 1918 den Nobelpreis für Chemie für die Entwicklung des Verfahrens, das Stickstoff aus der Luft in Ammoniak umwandelt. Unstrittig ist, dass die moderne Landwirtschaft ohne Düngemittel längst nicht so produktiv wäre. „50 Prozent der weltweiten Lebensmittel existieren nur dank chemischer Düngemittel“, sagt Analyst Chris Vlachopoulos. Fast zwei Drittel der Weltbevölkerung verdanken ihre Existenz dem Haber-Bosch-Verfahren, sagt der kanadisch-tschechische Energieforscher Vaclav Smil. Ohne synthetischen Stickstoff könnten die Böden dieser Erde keine acht Milliarden Menschen ernähren.
Doch in Krisenzeiten wie diesen wird klar, dass sich die Abhängigkeit vom Dünger rächen kann. Wegen hoher Preise weniger zu düngen, wirkt zunächst naheliegend, kann aber Folgen über mehrere Jahre haben. Mit jeder Ernte werden Nährstoffe vom Feld abgefahren. Werden sie nicht ersetzt, entsteht ein Defizit, der Boden wird stärker beansprucht, und das kann sich schon in der nächsten Saison in niedrigeren Erträgen niederschlagen.

Warum also nicht unabhängiger von industriell hergestelltem Dünger werden und stärker organisch düngen, mit Gülle oder Mist? Ganz so einfach ist es nicht. Im Ökolandbau ist es üblich, kaum mineralisch zu düngen. Stattdessen setzt man stärker auf Mist und Gülle, auf andere Kulturen, auf Fruchtfolgen und Nährstoffkreisläufe. Das macht Biobauern weniger anfällig für Preisschocks. Umgekehrt muss man sich häufig mit niedrigeren Erträgen begnügen. So führt auch diese Düngemittelkrise zurück zur Grundfrage, wie viel Ertragssicherheit eine hochproduktive Landwirtschaft braucht und wie viel Abhängigkeit von industriell hergestellten Mitteln akzeptabel ist. Und es bleibt die Frage, wie sich von der begrenzten Fläche der Erde möglichst viel ernten lässt, ohne Ressourcen zu zerstören.
Im indischen Rajawal jedenfalls wird Bauer Singh in einigen Wochen die Hirse säen, so, wie er es geplant hat. Er kauft seinen Sack Stickstoffdünger im Laden vor Ort wie gewohnt, vielleicht wird er teurer, vielleicht kommt er später. Er hat Hoffnung, dass ihm die Folgen des Kriegs die Ernte nicht verderben werden – aber ganz sicher sein kann er sich nicht mehr.
