Es ist das blutige Erwachen aus einem märchenhaften Traum, einem vergoldeten Selbstbetrug, einer Illusion so schillernd, als sei sie eine von Scheherazades Geschichten aus Tausendundeiner Nacht: Vor vierzig Jahren beschloss die Herrscherfamilie Al Maktoum, der wirklichen Welt den Rücken zu kehren, um in ihrem Wüsten-Emirat Dubai eine eigene Wirklichkeit zu erschaffen. Schöner, prachtvoller, spektakulärer, unglaublicher als alles sollte sie sein, was es ringsum gab. Eine kosmopolitische Oase des Friedens und der Sicherheit in einer gewalttätigen Weltregion sollte aus Dubai werden, ein Ort der Kunstsinnigkeit und Zukunftszuversicht, in dem das Wachstum grenzenlos, der Zufluss an Geld unerschöpflich und der Superluxus das Standardmaß des Alltagslebens ist.

Und so geschah es: Heute ist Dubai ein gold glitzerndes Märchenland im Morgenland, das nichts anderes als Maßlosigkeit und Superlative kennt. Das höchste Gebäude auf Erden, die größte aller Shoppingmalls, die meisten Fünf-Sterne-Hotels in einer einzigen Stadt für zwanzig Millionen Touristen pro Jahr – das alles gibt es in Dubai, und das alles kann binnen so kurzer Zeit nur an einem Ort entstehen, der sich für unverwundbar, unangreifbar, unantastbar hält.
Bis zum vergangenen Samstag, bis zum Einschlag der Drohnen und Raketen aus dem Iran, durfte das Emirat glauben, dass es keine anderen Gesetze als seine eigenen, keine höhere Gewalt als die Willenskraft der Al Maktoums gibt, als den unbedingten Glauben, dass es möglich ist, im Wüstensand aus dem Nichts das New York und Shanghai des 21. Jahrhunderts zu errichten – und genauso aus dem Nichts eine der größten Fluggesellschaften der Welt zu erschaffen, die Dubai zum wichtigsten Drehkreuz der globalen Luftfahrt gemacht und so viele Airbus A 380 in Dienst gestellt hat wie die gesamte weltweite Konkurrenz zusammen, das größte Flugzeug der Welt, darunter macht es Dubai selbstredend nicht.
Jetzt ist der Flughafen beschossen worden und geschlossen, jetzt ist der gesamte Luftverkehr nach Dubai eingestellt. Die Illusion der Perfektion, der keine irdische Unbill etwas anhaben kann, haben auch Abertausende Passagiere verloren, die bisher in der guten Gewissheit mit Emirates geflogen sind, dass hier die Welt noch in Ordnung, der Service für vergleichsweise kleines Geld exzellent, das Wort Streik unbekannt und absolute Sicherheit allzeit garantiert ist.
Seit Samstag sitzen sie am Flughafen fest und müssen genauso wie jeder andere in Dubai erkennen, dass der Glaube an die eigene Unverwundbarkeit eine Schimäre war. Dubai ist jäh aus seinem Traum erwacht und muss schockiert der Brüchigkeit seines Geschäftsmodells ins Auge sehen: Die Wirklichkeit lässt sich nicht aussperren, das Böse ist in Sichtweite und Blattgold kein zuverlässiger Panzer gegen die tödliche Gefahr.
