„Seid ihr alle komplett verrückt geworden in Deutschland?“, fragt Influencerin Ina Aogo vorwurfsvoll in die Kamera, während sie in ihrem Auto auf der Einfahrt zu ihrem Apartment in Dubai sitzt. „Ich wollte nur mal ganz kurz etwas dazu sagen, weil mich das so krass aufregt“, sagt sie bestimmt. Ihr Statement sei eine Reaktion auf die vielen Kommentare und medialen Beiträge, die Dubai-Influencern vorwerfen, nicht die Wahrheit über die iranischen Angriffe zu zeigen. „Ich hör das auch schon aus dem Bekanntenkreis: ‚Ihr sagt ja alle das Gleiche!‘ Glaubt ihr wirklich, wir haben alle ein Briefing bekommen?“
In den Kommentaren pflichten ihr Freunde und Influencer aus Dubai bei. „Ihr sagt alle das Gleiche … Ich sag: Die Wahrheit hat halt nur ein Gesicht“, schreibt die ehemalige Eiskunstläuferin Tanja Szewczenko. Auch Sängerin Kim Gloss weist gegenüber der F.A.Z. die Vorwürfe zurück: „Man denkt ja immer, die Influencer kriegen was vorgegeben von der Regierung. Aber nein, wir fühlen uns hier wirklich gerade relativ sicher.“
Lifestyle-Influencerin Sara Desideria stimmt Aogo in den Kommentaren ebenfalls zu. In ihrer eigenen Instagram-Story erklärt sie, warum laut Regierung weniger Inhalte über die Angriffe gepostet werden sollten: „Das dient wohl dazu, damit die Standorte der Abwehrsysteme nicht bekannt gegeben werden – auch zu unserer eigenen Sicherheit.“ Deshalb sollten sie davon absehen, ständig etwas zu posten oder zu filmen. Anhand von Videoaufnahmen von Raketenabschüssen lassen sich die Standorte von Abwehranlagen orten – die Flugrichtung der Raketen und die Orte der Abschüsse liefern dafür entscheidende Hinweise. Ob die Anweisung der Regierung auch für Videos gilt, in denen sich die Influencer selbst filmen und ihre Erfahrungen teilen, ist unklar.
Nach der Erklärung teilte Desideria in ihrer Story einen Screenshot aus einer Dubai-Whatsapp-Gruppe: eine Abstimmung: „Wer plant zu gehen oder in den Emiraten zu bleiben.“ Alle 109 Stimmen der Gruppe votierten für „Ich werde bleiben“. Die nächste Nachricht im Chat verkündet: „Wir werden nirgendwo hingehen. Wir bleiben“ und erhält als Reaktion Herzen und solidarische Fäuste.
„Für solche Aktionen liebe ich Dubai“
Ina Aogo postet am Dienstag ein weiteres Video ihrer Story, das offenbar Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum, den Herrscher der Emirate, zusammen mit seinem Sohn in einem Einkaufszentrum in Dubai zeigt. „Für solche Aktionen liebe ich Dubai“, schreibt Aogo dazu. „Wo auf der Welt sieht man so etwas? Dass der Herrscher bewusst in die Öffentlichkeit geht, um Ruhe und Sicherheit auszustrahlen.“
Ein Video, das besonders ins Auge sticht, wurde ursprünglich von @emiratesroyalfamily gepostet. Es zeigt das emiratische Militär mit großen Fahnen, dann Scheich Muhammad, wie er ein Selfie mit einem kleinen Jungen macht, dann wieder andere Vertreter der Regierung und des Militärs. Unterlegt ist das Video mit den Worten: „Jede Aktion, die die Vereinigten Emirate heute unternehmen, dient zum Schutz der VAE und der Bürger.“ Das Video endet mit dem Hashtag #TragtKeineSorgen. Die Kommentare laufen über, mit Herzchen-Emojis und den zwei Buchstaben „AE“ – dem Zeichen für die Vereinigten Emirate.
Was auffällt: Negative oder kritische Kommentare wurden unter allen Beiträgen fast vollständig von Instagram verborgen. Andere Kommentare finden sich als exakte Duplikate unter verschiedenen Videos des Accounts wieder, wie dieser des Accounts @euronegro21: „Wir haben niemals Angst. Als 55-jähriger Türke habe ich mich entschieden, nach Dubai zu ziehen. Und ich habe es so schnell wie möglich getan. Trotz der Bomben und Raketen.“ Das wirft die Frage auf, ob hier Social-Media-Mechanismen genutzt werden, um das internationale Image des Landes in der aktuellen Lage zu steuern. Dubai-Influencer, die diese Videos reposten, verkaufen dieses Image weiter – unabhängig davon, wie authentisch es tatsächlich ist.
