
Doñana atmet auf. Am Rand von El Rocio herrscht reger Flugbetrieb. Das Wasser reicht fast bis zum weißen Marienheiligtum im Südwesten Spaniens. Flamingos und Reiher starten und landen. In den vergangenen Jahren hatte sich der Nationalpark von Doñana immer mehr in eine trockene Steppenlandschaft verwandelt. In diesem Frühjahr glitzert die Sonne auf endlosen Wasserflächen, die gesäumt sind von üppigem Grün.
Im Winter hat es so ergiebig geregnet wie lange nicht mehr. Fast das gesamte Feuchtgebiet, das größte Europas, steht bis zu einem Meter tief unter Wasser. Die Vögel kehren zurück, um sich zu vermehren: 385.649 Exemplare von 88 Arten meldete jetzt die spanische Naturschutzorganisation SEO Birdlife; unter ihnen sind Tausende Zugvögel. Vor zwei Jahren waren es weniger als die Hälfte. Die nächsten Monate böten „optimale Brutbedingungen für große Kolonien von Wasservögeln, unter ihnen auch bedrohte Arten“.
Die Niederschläge ließen die Vegetation in dem 125.000 Hektar großen Biosphärenreservat am Ufer des Guadalquivir und des Atlantiks regelrecht explodieren: Insekten schwirren, Nahrung gibt es reichlich. Das viele Wasser hat selbst die Wildpferde überrascht, die in dem Park leben. Von den Bussen aus, mit denen Touristen nur auf zwei geführten Routen dorthin dürfen, sind Kadaver zu sehen.
Die Temperaturen stiegen auf bis zu 44,5 Grad
Schon im vergangenen Jahr zeichnete sich nach einem ungewöhnlich regenreichen Monat März eine leichte Verbesserung ab. 13 Jahre hatte die längste Trockenphase seit 1970 angedauert. Sie war von Hitzerekorden begleitet. Im vergangenen Jahr stiegen die Temperaturen auf bis zu 44,5 Grad. Laut Fachleuten kommt es jedoch weniger auf die Gesamtmenge des Regens an, die im vergangenen hydrologischen Jahr sogar höher war. Wichtiger sei es, wie sie sich über einen längeren Zeitraum verteilen, wie es in den vergangenen Monaten der Fall war.
„Die Erholung des Grundwasserspeichers braucht mehr als ein einziges niederschlagsreiches Jahr, sondern einen ganzen Feuchtzyklus“, sagt der Leiter des SEO Birdlife-Büros im Nationalpark, Carlos Davila. Nötig sei ein dauerhafter Wandel bei der Wassernutzung, vor allem eine starke Verringerung der Grundwasserentnahme. Das empfindliche Ökosystem der „Marismas“, wie die Sumpfgebiete auf Spanisch heißen, regiert schnell auf Niederschlag, aber auch auf den Klimawandel: Längere Trockenperioden begleiten häufigere und heftigere Unwetter. Gleichzeitig steigen die Temperaturen und der Meeresspiegel. Das Naturschutzgebiet liegt direkt an der Atlantikküste.
Der unterirdische Wasserspeicher hat sich noch nicht erholt
Das Überleben des UNESCO-Naturerbes hängt vor allem vom Zustand seines unterirdischen Wasserspeichers ab. Dass er sich noch nicht erholt hat, lässt sich in den Lagunen beobachten, die bisher nur zu gut einem Drittel gefüllt sind. Sie sind weniger vom Regen als vom Grundwasser gespeist, dessen Spiegel in den vergangenen Jahren kontinuierlich sank.
Erdbeerbauern und Urlauber im Badeort Matalascañas am Atlantik gruben bisher Doñana buchstäblich das Wasser ab. Für ein einziges Kilogramm Erdbeeren sind nach Schätzungen der Umweltorganisation WWF rund 300 Liter Wasser nötig – oft kommt es aus illegal angelegten Brunnen. Mit dem Export der Erdbeeren, Himbeeren, Heidelbeeren und Johannisbeeren, von denen ein großer Teil nach Deutschland geht, lassen sich jedes Jahr Hunderte Millionen Euro verdienen.
Der viele Regen weckte jetzt neue Hoffnung. Aber für Entwarnung ist es noch zu früh. Die Zahl der Vögel ist gestiegen, liegt aber immer noch unter dem Durchschnitt der vergangenen beiden Jahrzehnte und ist weit entfernt vom Jahr 2017, als der International Waterbird Census deutlich mehr als eine halbe Million registrierte.
