
Ein Zukunftsforscher ist kein Wahrsager. Und doch stößt es auf, als der Futurologe Matthias Horx ein mögliches Szenario in den Raum wirft: „Der wahre Breitensport liegt vielleicht in der täglichen Bewegung“, sagt er im Hörsaalzentrum der Frankfurter Goethe-Universität. Um langfristig gesund zu leben, brauche man eine Umwelt, in der Bewegung und Sport selbstverständlich seien: „Vielleicht brauchen wir keine Vereine mehr.“
Eine Welt ohne Sportvereine – das dürfte für die meisten der Anwesenden eine Zukunft sein, die es unbedingt zu verhindern gilt. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hatte Wissenschaftler, Unternehmer, die Zivilgesellschaft, in erster Linie aber Menschen aus dem Sport zum „Dialogforum Sportentwicklung“ am Mittwoch und Donnerstag eingeladen, um gemeinsam über die Zukunft des Vereinssports zu diskutieren. „Die Lage unserer Vereine ist teilweise prekär“, sagt Kerstin Holze, Vizepräsidentin des DOSB. Zu den Herausforderungen zählten insbesondere das schwindende Engagement von Ehrenamtlichen und, mit Blick auf die Sportstätten, der erhebliche Sanierungsstau. Umso wichtiger sei es, die Vereine zu stärken. „Denn wenn Vereine wegbrechen“, sagt Holze mahnend, „dann bricht ein wichtiger Teil der Infrastruktur für diese Zivilgesellschaft weg.“
29,3 Millionen Mitgliedschaften zählte der DOSB 2025, so viele wie noch nie. Das heißt jedoch nicht, dass knapp ein Drittel aller Deutschen regelmäßig Sport im Verein treibt. Manche sind in mehreren Vereinen Mitglied oder sitzen als Zuschauer auf den Tribünen. Seit der Corona-Pandemie und mehreren Kriegsausbrüchen sei die Bedeutung des Sports jedoch gewachsen, sagt Zukunftsforscher Horx. Faktoren wie Demokratieverdrossenheit, die Klimakrise, abnehmende soziale Bindungen und der demographische Wandel überlagerten sich und ließen die Zukunft fragwürdig erscheinen: „In Zeiten der Omni-Krise wirkt der Sport wie eine Bastion der Regelbasiertheit.“
Wie der Sport die Digitalisierung nutzen kann
Vereine können in Krisenzeiten ein Ankerpunkt sein. Um herauszufinden, wie sie sich für die Zukunft aufstellen können, betreibt die Wissenschaftlerin Susanne Burger den Trendradar „Organisierter Sport“. Das Forschungsprojekt soll gesellschaftliche, technologische und strukturelle Veränderungen sichtbar machen, von denen sich praxisnahe Lösungen ableiten lassen. Eine Herausforderung sieht Burger in der Notwendigkeit, die Digitalisierung in den Vereinen zu verankern, angefangen mit speziellen Management-Softwares, die ihnen zur Verfügung gestellt werden müssen: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass Sportstätten in Zukunft digitaler, smarter und damit auch leichter zu verwalten sein werden.“ Ein ehrenamtlich geführter Verein könne so Personal sparen und sich stärker auf den Sport selbst konzentrieren. Das wird dringend nötig sein, wenn die Boomer-Generation sich zurückzieht.
Laut Susanne Burger bieten neue Technologien die Möglichkeit, Kinder und Jugendliche durch sogenannte „Gamification“ weg von den Smartphones und hinein in die Sporthallen zu locken. Etwa, indem Leistungen durch Messgeräte vergleichbar gemacht oder bekannte Sportler als Hologramme in den Raum projiziert werden, um für zusätzlichen Ansporn zu sorgen. Auch der Krise des Ehrenamts, erklärt Burger, könne mit digitalen Tools entgegengewirkt werden. Das Problem sei nicht die mangelnde Bereitschaft, sondern die fehlende Flexibilität. Mit einer digitalen Infrastruktur ließe sich die Einarbeitungszeit verringern und auch ein kürzeres Engagement ermöglichen, ohne dass dabei Wissen verloren gehe.
Wie könnten Sportvereine im Jahr 2040 aussehen?
Darüber hinaus können Gesetze dazu beitragen, das brüchige Fundament der Sportvereine zu stärken. Als erstes Bundesland hat Thüringen 2024 ein Ehrenamtsgesetz eingeführt. Vereine erhalten etwa eine stärkere finanzielle Unterstützung, die Aus- und Weiterbildung ehrenamtlicher Mitarbeiter wird gefördert. Sie helfe nicht zuletzt dabei, qualifizierte Ehrenamtliche stärker an den Verein zu binden, sagt der ehemalige Rodel-Weltmeister David Möller, Thüringens Staatssekretär für Sport und Ehrenamt. Auch das erst kürzlich verabschiedete Bayerische Sportgesetz hat sich insbesondere die Stärkung der Vereine auf die Fahnen geschrieben. Trendforscherin Burger wirkte mit.
Neben wissenschaftlicher und politischer Arbeit ist es die Vorstellungskraft, mit der sich die Zukunft gestalten lässt. In einem Labor sollten Teilnehmer beschreiben, wie Sportvereine im Jahr 2040 aussehen könnten. Viele der Ideen ähneln sich: Von offenen Räumen ist die Rede, in denen sich Generationen und Sportarten begegnen, in denen nicht nur geschwitzt, sondern auch gearbeitet oder Kaffee getrunken werden kann. Hybride und naturnahe Sportstätten werden genannt, die inklusiv und klimafreundlich gestaltet sind. So hätten sich die Vereine nicht überflüssig gemacht, sondern sich an die Bedürfnisse der zukünftigen Gesellschaft angepasst.
