
Benzin und Diesel an vielen Tankstellen über zwei Euro – das hatten wir doch schon mal. Viele Autofahrer werden sich in den vergangenen Tagen bei diesem Gedanken erwischt haben. Ziemlich genau vier Jahre ist es jetzt her, dass am 7. März 2022 nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine die Preise für Benzin und Diesel zum ersten Mal in der Geschichte im Bundesdurchschnitt die Marke von zwei Euro überschritten haben. Diesmal, nach dem Angriff der Vereinigten Staaten und Israels auf Iran, war es der Dieselpreis, der vorpreschte, und am Mittwoch auf mehr als zwei Euro stieg. Mittlerweile liegen an vielen Tankstellen alle Spritsorten deutlich oberhalb der Marke.
Solche Bilder und solche Erinnerungen können ebenso hilfreich wie trügerisch sein. Deshalb lohnt sich ein genauerer Blick: Was ist heute anders – und was ist gleich oder zumindest ähnlich?
Ähnliche Preise, ähnliche Debatte
Die Grundkonstellation ist etwas ähnlich. Ein Krieg beginnt, nicht völlig unerwartet und nicht ohne Vorgeschichte, aber doch mit einer deutlichen Eskalation. Es gibt Sorgen, ob in Zukunft Öl und Gas knapper werden, im einen Fall aus Russland, im anderen aus Iran und womöglich umliegenden Staaten. Der Preis für Rohöl auf dem Weltmarkt legt deutlich zu, für die Benchmark-Sorte Brent stärker als für amerikanisches Öl. Und in Deutschland gehen die Preise an der Tankstelle in die Höhe, sehr zum Ärger der Autofahrer. Es beginnt eine politische Diskussion, ob sich in diesem Prozess Energieunternehmen bereichern, indem sie ihre Marge ausweiten. Und es wird diskutiert, ob die Politik in den Preis eingreifen sollte oder nicht.
Es gibt aber offenkundig auch Unterschiede. Iran ist nicht die Ukraine und die Vereinigten Staaten sind nicht Russland. Nicht nur gefühlt ist der Iran weiter weg als die Ukraine. Die Handelsverflechtungen, jenseits der Energie, sind geringer. Möglicherweise ist auch das Risiko, dass der Konflikt auf Deutschland übergreift, dann doch kleiner. Und allgemein wird erwartet, dass die Vereinigten Staaten von Amerika den Krieg gegen Iran schneller beenden können, als Russland den gegen die Ukraine, der jetzt immerhin schon vier Jahre andauert. Nicht zuletzt sind aber auch die Voraussetzungen andere: Im Jahr 2022 kam die Welt gerade aus einer Pandemie, die nicht nur den Ölpreis zeitweise extrem hatte sinken lassen – sondern auch zu diverse Störungen der globalen Lieferketten führte.
Anders als nach Beginn des russischen Angriffs seien die Preise für Rohöl diesmal nicht um mehr als 50 Prozent gestiegen, sondern nur um rund 30 Prozent, sagt Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank. Das gelte erst recht für den börsennotierten Gaspreis, der sich damals in der Spitze verzehnfacht hatte. „Die viel heftigere Preisreaktion lag damals an der Erwartung, dass die russischen Gaslieferungen dauerhaft ausfallen würden.“ Es habe eine berechtigte Furcht vor einer Gasmangellage gegeben. Dagegen gehe es heute nur um die Frage, wie kurz oder lang die für Tanker wichtige Straße von Hormus gesperrt sei.
„Ein sehr wichtiger Unterschied ist zudem die Ausgangslage“, sagt Krämer. Anfang 2022 sei die Weltwirtschaft wegen der Pandemie noch durch Angebotsengpässe gezeichnet gewesen, während die gesamtwirtschaftliche Nachfrage durch Coronahilfen angefacht war. „Eine staatlich befeuerte Nachfrage traf also auf ein coronabedingt geschrumpftes Angebot, weshalb die Inflation schon vor Ausbruch des Ukrainekriegs zu steigen begann.“ Diesmal sei die Ausgangssituation entspannter. Der Unterschied liege darin, dass es 2022 noch andere Inflationsursachen gegeben habe als die Energiepreise nach dem Einmarsch der Russen in der Ukraine, meint auch Ulrich Kater, Ökonom der Dekabank: „Das waren die coronabedingten Inflationskomponenten.“
Allerdings gebe es einen Faktor, der diesmal belastender sei, meint Krämer. Vor dem Ukrainekrieg hätten Jahrzehnte mit niedriger Inflation gelegen. Die langfristigen Inflationserwartungen seien niedrig und sehr fest verankert gewesen. „Nach Ausbruch des Ukrainekriegs mussten die Menschen im Euroraum jedoch Inflationsraten von in der Spitze mehr als zehn Prozent erdulden“, sagt der Ökonom. Dieser Inflationsschock stecke vielen Bürgern noch heute in den Knochen: „Steigende Energiepreise können die langfristigen Inflationserwartungen der Menschen diesmal schneller steigen lassen – und damit auch die tatsächlichen Inflationsraten.“
Unterschiede in vielen Details
Im absoluter Höhe seien die Preisreaktionen 2022 beim Rohöl stärker gewesen, hebt Manuel Frondel hervor, Benzinfachmann am Forschungsinstitut RWI in Essen. „Damals erhöhten sich auch die Kraftstoffpreise noch stärker.“ So seien die Dieselpreise von weit unter zwei Euro auf in der Spitze 2,30 Euro je Liter gestiegen. Diesmal seien insbesondere die Dieselpreise auch deutlich angestiegen, aber etwas schwächer, von etwa 1,70 Euro je Liter vor dem Angriff auf den Iran auf aktuell etwa 2,05 Euro. „Insgesamt waren damals also die Preisreaktionen an der Zapfsäule stärker als heute, aber heute gibt es durch die Teilblockade der Straße von Hormus und die Torpedierung von Raffinerien in den kleinen Ölstaaten des Persischen Golfs eine echte globale Angebotsverknappung, während damals die russischen Tanker weiterhin in den Westen gefahren sind und es dadurch erst einmal keine nennenswerte globale Angebotsverknappung gab“, meint Frondel.
Die Kraftstoffpreise hätten in beiden Fällen stärker reagiert als der Rohölpreis, insgesamt mit deutlichen Aufschlägen, und zwar ganz besonders bei Diesel, sagte ein Sprecher des Autoclubs ADAC. Geopolitische Konflikte seien in beiden Fällen der Hauptauslöser gewesen. Unsicherheit auf den Energiemärkten führe zu spekulativen Preisaufschlägen. Zu den Unterschieden gehöre, dass der Irankrieg globale Ölströme betreffe, nicht vor allem Europa. 2022 habe es zudem einen Angebotsengpass gegeben, den man so aktuell noch nicht feststelle. Derzeit seien globale Transportwege, vor allem die Straße von Hormus, unmittelbar bedroht.
Monika Schnitzer, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, meint Unterschiede im Tempo beider Preisrallys wahrgenommen zu haben. „Ich habe nicht in Erinnerung, dass der Preisanstieg damals genauso schnell passierte.“ Wenn sich heute wie damals manche beschwerten, die Preise würden steigen, obwohl noch günstiger eingekauftes Benzin im Tank sei, müsse man als Ökonom natürlich erläutern, dass die Opportunitätskosten gestiegen seien: „Denn bei den gestiegenen Kosten ist das eingelagerte Benzin jetzt mehr wert.“ Richtig sei aber auch, dass solche Kostenanstiege gern von den Anbietern genutzt würden, um sich auf höhere Preise zu koordinieren. Justus Haucap, Wettbewerbsökonom aus Düsseldorf, analysiert das gerade: „Auffällig ist, dass die höheren Ölpreise in Deutschland sehr schnell an die Tankstellenkunden weitergereicht wurden – es sieht so aus, dass dies in anderen Ländern nicht so schnell passiert ist.“
Ein Sprecher des Bundeskartellamts führte aus, die Preisreaktionen seien 2022 dann doch deutlich stärker gewesen. Die Behörde habe damals eine Sektoruntersuchung eingeleitet, weil es die Beobachtung gab, dass sich die Entwicklung der Spritpreise vom Rohöl abgekoppelt habe: „Das konnten wir diesmal für Benzin jedenfalls bislang nicht beobachten – für Diesel untersuchen wir es noch.“
