
Wollen wir in der kommenden digitalen Wirtschaft mit amerikanischem oder mit europäischem Geld bezahlen? Diese strategische Frage steht im Kern der aktuellen Entwicklungen rund um digitalen Euro, Stablecoins und tokenisierte Einlagen. Wer stellt in einer rund um die Uhr operierenden digitalen Welt die „Geldschicht“ bereit, über die digitale Transaktionen abgewickelt werden? In genau diese neue Schicht dringen derzeit massiv „Stablecoins“ vor – bislang fast ausschließlich als digitaler Dollar. Hat Europa die Antwort?
Die Verlagerung wirtschaftlicher Aktivitäten ins Digitale birgt für Europa Risiken und Chancen zugleich. Einerseits drohen weitere Abhängigkeiten von US-dominierten Zahlungsinfrastrukturen. Andererseits eröffnen sich Möglichkeiten, eigene Standards zu setzen. Wer hier die Geldschicht prägt, exportiert am Ende Standards, Abhängigkeiten und womöglich seine Währung.
Fremdwährungen gefährden Souveränität
Die geopolitische Dimension ist ebenso nüchtern. In Fremdwährungen denominierte Stablecoins können die monetäre Souveränität gefährden. Denn wird die eigene Währung verdrängt, verliert die Zentralbank an Steuerungsfähigkeit. Für Unternehmen gilt Ähnliches. Wer Einkauf, Löhne und Steuern in Euro bezahlt, braucht auch digitale Liquidität in Euro – um Wechselkursrisiken, Komplexität und Unsicherheit zu vermeiden.
Stablecoins sind keine Randerscheinung der Kryptoszene, sondern potentiell ein effizienter Baustein moderner Zahlungsinfrastruktur. Sie können Transaktionen beschleunigen, Zwischenstufen reduzieren und Risiken senken, weil sie „Settlement“-Zeiten verkürzen. Gerade im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr, der heute oft teuer und intransparent ist, entsteht ein großer Anwendungsbereich.
Gleichzeitig bestehen Risiken: Fragen der Reservehaltung, „Governance“ und Stabilität sind zentral. Entscheidend ist daher die Vertrauensarchitektur. Der Wettbewerb verläuft nicht zwischen „Krypto“ und „Nicht-Krypto“, sondern zwischen gut und schlecht institutionalisierter Geldschöpfung. Europa hat mit der Regulierung einen wichtigen Rahmen geschaffen. Doch das allein reicht nicht.
Dollar-Dominanz wird derzeit durch Stablecoin erhöht
Das Problem: Der Stablecoin-Markt ist derzeit mit 97 Prozent Marktanteil von Coins in Dollar dominiert. Die beiden großen US-Emittenten Tether (USDT) und Circle (USDC) stellen mehr als 80 Prozent der Stablecoin-Marktkapitalisierung auf der Welt. Dieses Übergewicht ist in einer engen Nische als Zahlungsmittel für den Kryptohandel entstanden. Die nächste Skalierungswelle wird aber nicht dort, sondern bei klassischen Transaktionen erwartet: in Unternehmenszahlungen, „Treasury“-Prozessen, dem Settlement tokenisierter Wertpapiere oder in neuen 24/7-Rund-um-die-Uhr-Abwicklungslogiken. Hier sind neue Standards und Infrastrukturen noch nicht entschieden.
Europa scheitert nicht an technischer Machbarkeit, sondern an der Frage, wie aus Exploration, Pilotierung und Regulierung ein skalierbarer Standard wird, auf den Marktteilnehmer verbindlich bauen können. Besonders im Unternehmensbereich bleibt eine Lücke. Während sich die Debatte um den digitalen Euro bislang auf Endkunden konzentriert, entstehen die größten Effizienzgewinne im Interbanken- und Unternehmensumfeld.
Digitales Euro-Geld muss innovativ sein
Wenn nun die neue digitale 24/7-Ökonomie mit den auf den traditionellen Arbeitszeiten von neun bis 17 Uhr basierenden Infrastrukturen kollidiert, stellt sich für Europa die Frage: Wie wird Euro-Liquidität programmierbar, global verfügbar und nahtlos in tokenisierte Finanz- und Lieferkettenprozesse integrierbar?
Die Antwort ist nicht Abschottung, sondern Optionalität. Europa muss sicherstellen, dass Euro-Geld im digitalen Raum genauso verfügbar und leistungsfähig ist wie der digitale Euro.
Dafür braucht es drei Schritte. Erstens sollten Banken Euro-basierte Token-Lösungen entwickeln, eingebettet in klar definierte Reserve- und Transparenzstandards. Zweitens muss das Eurosystem digitale Zentralbanklösungen für den Interbankenmarkt skalierbar machen und Interoperabilität schaffen. Drittens sollten Unternehmen ihre Prozesse auf programmierbare, rund um die Uhr verfügbare Zahlungsstrukturen ausrichten.
Heute ist die Frage noch offen, ob Europa in der digitalen Ökonomie nur Nutzer fremder Geldschichten bleibt oder Architekt einer Euro-Option wird, die in Europa und global skalieren kann. Unsere Chance ist real, weil der entscheidende Markt jenseits des Kryptohandels erst entsteht. Wir können sie aber nur nutzen, wenn wir die Debatte vom Wunschbild zur Baufrage verschieben. Wir liefern die digitale Geldschicht – in Euro, nach unseren Regeln für uns und für alle anderen, die sie nutzen wollen.
Christoph Burger ist Senior Lecturer, Joachim Wuermeling, Executive in Residence, der Hochschule ESMT in Berlin und ehemaliges Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank.
