
Ursprünglich wollte sie Bildhauerin werden. „Aber“, so erzählte Lore Kramer später, „mein Vater hat gesagt: Du machst etwas Handwerkliches, oder du kriegst keinen Pfennig mehr.“ Begonnen hatte die 1926 in Berlin geborene Lore Koehn mit einem Kunststudium in Stuttgart. Nach ein paar Semestern ging sie an die Landeskunstschule in Hamburg, wo sie bei Otto Lindig Keramik studierte, ehe sie in Köln bei Gerhard Marcks, dem Vater zu Trotz, doch noch zweieinhalb Jahre der Bildhauerei nachging. Über Lindig und Marcks war sie mit Geist und Geschichte des Staatlichen Bauhauses Weimar verbunden, 1956 wurde sie Dozentin für Keramik an der Werkkunstschule Offenbach, der späteren Hochschule für Gestaltung (HfG). Dort baute sie eine Lehrwerkstatt auf und erforschte mit ihren Studenten keramische Werkstoffe und Glasuren.
1961 heiratete sie den Frankfurter Architekten und Designer Ferdinand Kramer (1898 bis 1985), der in der Weimarer Republik als Mitarbeiter von Ernst May mit am „Neuen Frankfurt“ gebaut hatte und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Baudirektor der Goethe-Universität das städtische Lebensgefühl durch zahlreiche Gebäude prägte. Während ihr Mann den Frankfurter Stadtraum gestaltete, designte seine zweite Frau Gegenstände des täglichen Lebens und entwarf gebrauchsnahe, vielseitige Objekte wie kombinierbare Vasen und praktisches Junggesellengeschirr. Ihre Schalen, Teller, Dosen und Tassen verbanden Alltagsfunktionalität mit ästhetischer Reduktion, die Kramer auf das Bauhaus ebenso bezog wie auf die Ästhetik ostasiatischer Keramik und lokale Handwerkstraditionen.
In Offenbach lehrte sie als Professorin für Designgeschichte im Fachbereich Produktgestaltung, zwei Mal war sie Dekanin, drei Mal Prorektorin der Hochschule. An der Umwandlung der Lehranstalt in eine Kunsthochschule des Landes Hessen war sie 1970 maßgeblich beteiligt. Sie strebte mit ihren Werken nicht auf den Markt, auch wenn Waechtersbach-Keramik einige serienreife Entwürfe in den Handel brachte. Ihre Öffentlichkeit war die der Hochschule, ihr kam es auf die Weitergabe ihres Wissens an die Studierenden an.
Nach ihrer Emeritierung im Jahr 1988 blieb sie der HfG als Gastdozentin verbunden und gehörte zu den Gründungsmitgliedern ihres Fördervereins, zu dessen Ehrenmitglied sie 2014 ernannt wurde. 1992 wurde sie in den Vorstand des Bauhaus-Archivs berufen, die HfG würdigte sie ein Jahr später mit dem Sammelband „Lore Kramer – Texte: Zur aktuellen Geschichte von Architektur und Design“, einer Zusammenstellung ihrer Schriften.
2017 entwickelte das Taschenlabel Tsatsas eine Handtasche weiter, die Ferdinand Kramer in den Sechzigerjahren für seine Frau entworfen hatte, ein Jahr später machte das Museum Angewandte Kunst in der Ausstellung „Ich konnte ohne Keramik nicht leben“ alte Kenner und neue Fans mit Lore Kramers Werk bekannt.
Am 22. März 2026 ist sie, wie die HfG nun bekanntgab, im Alter von 99 Jahren gestorben. Die Hochschule trauere um eine ihrer prägendsten Persönlichkeiten, heißt es in einer Mitteilung. Sie verliere eine engagierte Keramikerin und Gestalterin, visionäre Denkerin und unverzichtbare Wegbereiterin, die wie keine andere die Verbindung von Design, sozialer Verantwortung und theoretischer Reflexion verkörpert habe: „Lore Kramers Denken war tief verwurzelt in der Idee, dass Design nicht nur Ästhetik, sondern auch gesellschaftliche Funktionen erfüllen muss.“
