Vier Frauen. Weiße Kittel, konzentrierte Blicke, sparsame Mimik. Drei haben Baseballmützen auf dem Kopf, eine trägt eine grüne Baretthaube. Vor ihnen ein Fließband. Darauf Kunststoffkörbe, in denen Hühnerküken vor sich hin fiepen. Die Frauen greifen sich ein paar der Vögel und lassen sie in Metallschächte fallen. Wie Gegenstände. Immer wieder. Die Frau vorne rechts schnappt sich eines der Tiere und wirft es in eine Kiste, die schon an ihr vorbeigezogen ist.
Schnitt. Küken plumpsen auf ein zweites Fließband. Schnitt. Küken plumpsen auf ein drittes Fließband. Schnitt. Küken werden aus einer Apparatur in grüne Plastikkörbe geschleudert. Im Hintergrund ein Wasserhahn, vorne Schläuche und Technik. Die Sequenz stammt aus Nikolaus Geyrhalters Doku „Unser täglich Brot“ von 2005. Sujet: Massenproduktion von Lebensmitteln in Europa. Kein Text aus dem Off, keine Ortsangaben. Wenn man ehrlich ist, handelt es sich, zumindest streckenweise, um einen Horrorfilm.
In freier Natur noch besser als auf dem Bildschirm
Zu sehen sind diese Bilder in der vom Den Haager Mauritshuis präsentierten Ausstellung „Birds“. Die Direktorin des Museums, Martine Gosselink, schreibt im Katalog zur Schau, es gehe darum, die Beziehung zwischen Menschen und Vögeln auszuleuchten. Wo aber soll man da anfangen? Wo sind Grenzen zu ziehen? Empfiehlt es sich vielleicht doch, Ethik und Ästhetik hier zu trennen? Und welche Exponate dürfen nicht fehlen? Gosselink und ihr Gastkurator, der britische Historiker Simon Schama, haben sich mit solchen Fragen herumgequält – und einen Gemischtwarenladen aufgebaut.

Nun ist bekannt, dass jeder, der ein Motiv kulturgeschichtlich zu fassen versucht, vor Sortierungsproblemen steht. Das erzeugt, wenn man damit an die Öffentlichkeit geht, Rechtfertigungsdruck. Eine Möglichkeit ist, auf Masse zu setzen und sich den Vorwurf gefallen zu lassen, nicht ausreichend Darlings gekillt zu haben. Die andere, hier gewählte Variante: Weniger ist mehr. Womit das Risiko steigt, dass informierte Besucher laufend Lücken entdecken. „Birds“ setzt tatsächlich auf nur einen Raum und ein kleines Separee, in dem das Video eines Starenschwarms gezeigt wird. Beeindruckend, aber draußen, in freier Natur: noch besser.
Ein Problem nicht nur vieler Museen, sondern der ganzen Kunstgeschichte ist, dass man sich an bestimmte Epochen- und Stilfolgen gewöhnt hat, als ginge alles organisch auseinander hervor. Christian Demand weist in seinem Buch „Wie kommt die Ordnung in die Kunst?“ (2010) darauf hin. Und er macht auch gleich einen bad guy aus: Ernst Gombrich, für den die entscheidenden Künstler jene sind, die sich ohnehin längst durchgesetzt haben. In vielen Museen lassen sich die Auswirkungen dieser Haltung studieren – die immer gleichen Namen mit immer ähnlichen Werken in der immer gleichen Reihung.
Leonardos Flugmaschine und moderne Boeings
„Birds“ funktioniert genau anders, geboten wird ein leicht verdauliches, mitunter überraschendes Allerlei. Die Schau ist in sechs Bereiche unterteilt, „Worship“, „Adorn“, „Envy“, „Love“, „Hunt“, „Eat“. Jede Sektion besteht aus wenigen Werken. Leonardo da Vincis Studie zur Anatomie des Vogelflügels (etwa 1512) findet sich beispielsweise im Abschnitt „Envy“, ein mumifizierter Falke (304–30 v. Chr.) unter „Worship“, Godfried Schalckens „Nutzlose Moralstunde“ (um 1690) in der Sparte „Love“. Das handliche Ölgemälde zeigt eine junge Frau, die einen Vogel aus einer Schatulle freilässt. Rechts neben ihr hebt eine ältere Dame mahnend den Zeigefinger. Berücksichtigt man, dass das holländische Wort „vogelen“ im siebzehnten Jahrhundert als Euphemismus für den Geschlechtsakt benutzt wurde, erschließt sich, was der jungen Frau bevorsteht.

Von dort aus sind es nur ein paar Schritte zu einer ausgestopften Spatzendame, die beim Domino Day 2003 außerplanmäßig 23.000 Steine zu Fall brachte. Oder zu einem 1995 veröffentlichten Werbespot der Fluggesellschaft KLM, in dem ein Schwan die Hauptrolle spielt. Man kann, wie es der Infotext nahelegt, eine gewisse Kontinuität zwischen Leonardos Flugmaschine und modernen Boeings sehen, denn beide orientieren sich an Vögeln. Man könnte ebenso gut fragen: Woran sollten sie sich auch sonst orientieren?
Fixiert in irren Posen
Noch kurioser wird es, wenn man sich die Knochen und Füße eines Graureihers anschaut. Im Winter des Jahres 2018 wollte ein Obdachloser den erfrorenen Vogel in einem Den Haager Wald rösten. Allerdings ist es verboten, dort Feuer anzuzünden. Die Polizei war gleich zur Stelle, hat den Mann in Gewahrsam genommen und dessen Mahlzeit entsorgt. Leute vom Naturhistorischen Museum Rotterdam stellten die Überreste des Tiers schließlich sicher. Haben wir es hier mit einem zwingenden Exponat zu tun, dessen Anwesenheit etwa angesichts seiner Nachbarschaft zu Rembrandts „Stillleben mit Pfauen“ von 1639 einleuchtet?

Hinreißend ist John James Audubons grell-pinker „American Flamingo“ (zwischen 1827 und 1838), der sich dynamischer präsentiert, als es lebende Exemplare je könnten. Aus gutem Grund, denn der Künstler schoss seine Modelle vom Himmel und fixierte sie anschließend mit Draht in möglichst, man muss das so sagen: irren Posen. Das ausgestellte Bild legt davon Zeugnis ab. Die nach Audubon benannte Gesellschaft engagiert sich übrigens, ironische Pointe, vor allem im Naturschutz.
Star der Ausstellung ist, Picasso hin, Constantin Brâncuși her, Carel Fabritius’ „Der Distelfink“ aus dem Jahr 1654. Das Ölgemälde gehört zum Bestand des Mauritshuis und erlangte vor mehr als zehn Jahren einen Popularisierungsschub, weil es auf dem Cover von Donna Tartts gleichnamigem und von dem Kunstwerk handelndem Roman abgebildet ist. Der Vogel – wegen seiner roten Gesichtsmaske und der Vorliebe für Disteln dient er auf Marienbildnissen und Kreuzigungsszenen oft als Symbol für die Passion Christi – sitzt auf einer Stange und trägt eine Kette am Fuß. Er ist in Untersicht dargestellt und mutet ein wenig keck an. Fabritius hat seine Gestalt exakt erfasst. Das ist keine Selbstverständlichkeit, bis heute sind nicht viele Künstler in der Lage, das Verhältnis von Form und Größe bei Vogelillustrationen genau zu treffen.
Glenn D. Lowry, von 1995 bis 2025 Direktor des New Yorker Museum of Modern Art, gab einmal zu bedenken, ein Kunstmuseum müsse einsichtig machen, was seine Sammlung zusammenhält, es müsse in der Lage sein, „to articulate and shape our understanding of why works of art are singularly important, why they deserve our attention“. Das trifft auch auf Ausstellungen zu. „Birds“ scheitert in dieser Hinsicht. Die Schau liefert einen beliebig angelegten Einstieg ins Thema „Vögel in der Kultur“, nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Birds. Mauritshuis, Den Haag; bis zum 7. Juni. Der Katalog kostet 35 Euro.
