
Mit den Inhaltsangaben von Opern ist das so eine Sache. In der Regel gilt: Je kürzer sie sind, desto besser. Das Genre treibt nämlich gerade in seiner oft unverständlichen Langform Stilblüten. Daraus wiederum ist eine gewiefte Unterform hervorgegangen: die Opern-Inhaltsangaben-Parodie.
Die wohl schönste Sammlung bietet „Loriots kleiner Opernführer“. In dem Bändchen sind sage und schreibe 56 Opern von Wagner, Mozart, Puccini, Händel und anderen pointiert zusammengefasst. Eine witzige Form-Variante liefert schon Heinrich Mann in seinem Roman „Der Untertan“. Er legt seinem Titel-Antihelden, dem kaisertreuen Opportunisten Diederich Heßling, eine einfältig-kunstferne, deutschnationale Interpretation von Wagners „Lohengrin“ in den Mund. Heßlings Aufarbeitung einer Aufführung der Oper um den heroischen Schwanenritter ist eine Mischung aus naiver Nacherzählung und dummer Deutung.
In die Rolle des Ahnungslosen ist einst auch Jürgen von Manger geschlüpft, nur ganz anders: Umständlich und abschweifend versucht sein Bühnen-Alias Adolf Tegtmeier, die verworrene Handlung der Oper „Der Troubadour“ zu rekapitulieren und dabei zugleich seine visuellen und akustischen Eindrücke in Worte zu fassen. In seinem Ruhrpott-Dialekt entgleitet ihm dabei manch holprige und doch irgendwie treffende Formulierung.
Oper und Dialekt scheinen überhaupt auf den ersten Blick nicht so recht zusammenzupassen. Doch bei genauerer Betrachtung kann gerade in der Mundart der Brückenschlag gelingen zwischen Otto Normalverbraucher und einer vermeintlichen Hochkultur, die sich so als volksnah offenbart.
Das schafft auch der vor Kurzem im Selbstverlag erschienene „Opernführer uff Hessisch“ von Sam Kram (ISBN 978-3-00-084757-8). Der Neu-Isenburger Autor, der nach Selbstbeschreibung „in einem bipolaren Haushalt“ als Sohn einer Bildungsbürgerin und eines „Plasterschissers aus ahfache Verhältnisse“ aufgewachsen und „langjähriger Opernfan“ ist, beschreibt darin 24 bekannte Opern.
Über „Hänsel und Gretel“ heißt es da beispielsweise im Einleitungsteil unter der Überschrift „Juchenschutz un FSK fer Opern“: „Da dappe unbeaufsichtischde Kinner im Wald erum, begehe Sachbeschädigunge und klaue, bevor se dann selbst Opfer von Nödischung un Freiheidberaubung wern. Un, aus dem Dilemma komme se nur raus, indem se e aal Omma im Ofe entsorche.“ Und zu „Le nozze di Figaro“ rät der Kenner: „Fer de Zuschauer haast’s uffgebasst: Es gibt so viele Verwigglunge, Verkleidunge, Versteckspiele, Fehlbeurteilunge, dass mer hochkonzeentriert bleiwe muss.“ Wer so vorbereitet sein möchte, mag zu dem Büchlein greifen.
