So schürte eine Aussage („Es wird Entscheidungen geben, das kann ich jetzt schon verraten, die vermutlich nicht auf supergroßes Verständnis stoßen. Nicht beim Spieler, aber auch nicht in der breiten Öffentlichkeit.“) bisweilen sogar eine erstaunliche Erwartungshaltung.
Stammspieler könnten unerwartet fehlen auf der Liste, die der Bundestrainer am Donnerstag auf dem Campus des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) präsentierte für die Testspiele am Freitag kommender Woche (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Länderspielen und bei RTL) in Basel gegen die Schweiz und am Montag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Länderspielen und in der ARD) danach in Stuttgart gegen Ghana.
Die Katharsis war nicht ganz so spektakulär wie von manchen erwartet, nicht nur, weil einige Personalien zuvor durchgesickert waren. Jamal Musiala fehlt – aber nicht, weil Nagelsmann ihn plötzlich für verzichtbar hält, sondern weil er unter den Folgen seiner schweren Verletzung leidet. „Wir treffen die Entscheidung, die für den Spieler die beste ist“, sagte Nagelsmann.
Die Probleme seien für den FC Bayern und die Nationalelf zwar ärgerlich, aber es sei sinnvoller, nun noch mal auf Musiala zu verzichten. Für die WM ist er, Gesundheit vorausgesetzt, fest eingeplant. Ansonsten ist das Gerüst aus vierzehn, fünfzehn Spielern, auf die der Bundestrainer setzen möchte, nun dabei.
„Eine realistische Chance, auf den WM-Zug zu springen“
Positionen, die mit anderen Namen als bisweilen gedacht gefüllt werden, gibt es eher in zweiter Reihe: Robert Andrich, Angelo Stiller, Karim Adeyemi, Ridle Baku, Robin Koch, Nadiem Amiri, Jonathan Burkardt, Niclas Füllkrug, Maximilian Beier oder Said El Mala etwa fehlen. Völlig unerwartet sind diese Entscheidungen nicht – die Gründe sind divers.
Sie eint, dass Nagelsmann sie bereits im Kreis der Nationalelf gesehen hat. Er weiß, mehr oder weniger, was er von ihnen bekommt oder vor allem auch, was er nicht bekommt. „Wir haben uns entschieden, ein paar Spieler mitzunehmen, die wir noch nicht gesehen haben, die eine realistische Chance haben, auf den WM-Zug aufzuspringen“, sagte er.
Erstmals nominiert sind der Münchner Jonas Urbig – als Torhüter hinter Oliver Baumann und Alexander Nübel – sowie Klubkollege Lennart Karl. Zurück im Kader sind Kai Havertz und Antonio Rüdiger, langjährige Stammspieler nach langwierigen Verletzungen, wie Pascal Groß (letztes Länderspiel im September 2025), Deniz Undav (Juni 2025), Josha Vagnoman (März 2023) und Anton Stach (Juni 2022).
Während Groß seit seiner Rückkehr nach Brighton Stammkraft ist und Undav in Stuttgart vorbereitet und trifft, kommen die Nominierungen von Vagnoman und Stach überraschender, weil sie von Nagelsmann noch nicht eingeladen worden waren. Der Stuttgarter Vagnoman machte ein Länderspiel unter Hansi Flick, bei Stach, der nun bei Leeds United spielt, waren es zwei.
Julian Nagelsmann: „Die Tür ist nicht zu“
Abschreiben müssen die Fehlenden die WM nicht, wie Nagelsmann am Donnerstag betonte: „Die Tür ist nicht zu.“ Wobei die Nominierung im März schon als Fingerzeig für die im Mai gewertet werden darf. Dass er das Turnierjahr am liebsten beginnt wie das Turnier, bewies er 2024.
Abgesehen vom zunächst verletzten Torwart Manuel Neuer entsprach die Startelf, die er ins EM-Eröffnungsspiel schickte, der, die er zum Jahresauftakt in Frankreich und danach gegen die Niederlande nominierte. Das 2:0 von Lyon und der 2:1-Sieg von Frankfurt spielten Nagelsmann seinerzeit in die Karten. Die deutsche Fußballwelt leuchtete pink.

Um zu erkennen, ob die Nominierten, vor allem die für Plan B in zweiter Reihe, die ihnen zugedachten Nebenrollen im WM-Jahr erfüllen, wird Nagelsmann mit seinem neuen Assistenten Alfred Schreuder genau hinschauen beim Training in Herzogenaurach, wo sich die Nationalmannschaft am Montag trifft, und den zwei Spielen, und auch hinhören bei den Rollengesprächen, die er vor dem Heimturnier vor zwei Jahren ebenfalls führte. Wer im Verein Führungskraft ist, so Nagelsmanns Erfahrung als Verbandstrainer, tut sich mitunter schwer, in der Landesauswahl nur Zuarbeiter zu sein.
Klar ist trotz Nagelsmanns Ansinnen, personelle Fragezeichen nun zu Ausrufezeichen zu formen und auf große Experimente zu verzichten, auch: Geht Plan A gegen die Schweiz und/oder Ghana schief, entstehen neue Fragezeichen. Viel Raum und Zeit für eine große Rolle rückwärts bliebe nicht.
Die Vereinssaison geht in die heiße Phase, Mitte Mai nominiert Nagelsmann den vorläufigen WM-Kader. In der Vorbereitung – vielleicht erst ohne Spieler, die in Europapokalendspielen oder im DFB-Pokalfinale gefordert sind – wartet ein Testspiel am 31. Mai in Mainz gegen Finnland, ehe der DFB-Tross am 2. Juni in die USA fliegt.
Nicht allein die weltpolitische Lage macht die WM zur Reise ins Ungewisse. Nagelsmanns Ringen um Klarheit zu Beginn des WM-Jahres war spürbar, die Fragezeichen, die über der DFB-Elf schweben und möglicherweise auch schweben werden bis zum Abflug gen Chicago, wo am 6. Juni ein letzter Test gegen die USA ansteht, oder gar bis zum WM-Anpfiff, waren es aber auch. Es bleibt spannend, auch wenn die erste Klimax des Jahres auf den zweiten Blick gar nicht so spektakulär endete, wie mitunter erwartet.
Der Kader der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im März
Tor: Oliver Baumann (TSG Hoffenheim), Alexander Nübel (VfB Stuttgart), Jonas Urbig (Bayern München)
Defensive: Waldemar Anton (Borussia Dortmund), Nathaniel Brown (Eintracht Frankfurt), Pascal Groß (Brighton & Hove Albion), Joshua Kimmich (Bayern München), Aleksandar Pavlović (Bayern München), David Raum (RB Leipzig), Antonio Rüdiger (Real Madrid), Nico Schlotterbeck (Borussia Dortmund), Anton Stach (Leeds United), Jonathan Tah (Bayern München), Malick Thiaw (Newcastle United), Josha Vagnoman (VfB Stuttgart)
Offensive: Serge Gnabry (Bayern München), Leon Goretzka (Bayern München), Kai Havertz (FC Arsenal), Lennart Karl (Bayern München), Jamie Leweling (VfB Stuttgart), Felix Nmecha (Borussia Dortmund), Leroy Sané (Galatasaray Istanbul), Kevin Schade (FC Brentford), Deniz Undav (VfB Stuttgart), Florian Wirtz (FC Liverpool), Nick Woltemade (Newcastle United)
