Plötzlich lag im Januar dieses Päckchen im Hausflur. Hannah Häffner wusste eigentlich schon, was sich darin verbarg. Sie hatte monatelang, ach was, jahrelang auf das Klingeln des Paketboten hingearbeitet, und trotzdem sträubte sich alles in der Autorin, den Umschlag aufzureißen. Stattdessen schlich sie um das Päckchen herum und starrte es an. „Jetzt mach es endlich auf, Hannah“, habe ihr Mann nach ein, zwei Tagen gesagt, da konnte sie sich endlich dazu durchringen. Und hielt ihren neuen Roman in den Händen: „Die Riesinnen“.
Die Frauen sind größer als das Schwarzwalddorf
So erzählt Häffner es in diesen späten Märztagen bei einem Spaziergang durch den Unteren Schlossgarten in Stuttgart, Gänseblümchen überschwemmen die hügeligen Wiesen. „Ich hatte etwas Angst, das Buch aufzuschlagen und einen Fehler zu entdecken“, sagt die Autorin. „Am liebsten hätte ich für immer am Manuskript gefeilt. Ich bin fertig geworden, weil die Deadline des Verlags drängte. Aber von allein aufhören und denken, es ist perfekt so? Das Gefühl habe ich nie.“
Mittlerweile hat Hannah Häffner Dutzende Male durch die Seiten geblättert und bislang noch keinen Fehler entdeckt. Ein Funke Angst begleitet sie nach wie vor, dabei könnte es für die Autorin derzeit kaum besser laufen. „Die Riesinnen“, so heißt ihr literarisches Debüt, steht seit Wochen auf der Bestsellerliste. Buchhändler schwärmten schon vor dem Erscheinen Ende Februar vom Roman. Ein paar Tage vor dem Spaziergang in Stuttgart hatte Häffner die Leipziger Buchmesse besucht; las auf Bühnen vor dicht aneinandergedrängtem Publikum.
„Die Riesinnen“ ist ein Generationenroman. Schlägt einen Bogen von den 1950er-Jahren bis in die Gegenwart und erzählt aufeinanderfolgend das Aufwachsen und Älterwerden von Liese, Cora und Eva Riessberger – Großmutter, Mutter, Tochter – im fiktiven Dorf Wittenmoos im Schwarzwald. Weil sie etwas größer sind als alle anderen, passen die Frauen nie so recht in das kleine Örtchen; vor allem Liese und Cora begegnen die Dorfbewohner mit Missgunst und Skepsis. Mehr oder weniger auf sich allein gestellt, kämpfen die Frauen sich durchs Leben, bauen aus dem Nichts eine Existenz auf – und bleiben bis auf wenige Ausnahmen immer in Wittenmoos. „Man steuert seine Wurzeln nicht, sie suchen sich selbst, ein Stück Erde, und man muss damit leben“, heißt es an einer Stelle im Roman.
Denn natürlich geht es um mehr als die Riessberger-Frauen. Ihr entbehrungsreicher und doch selbstbestimmter Weg weist auf die universelle Suche nach dem eigenen Platz in der Welt hin. Welche Erwartungen stellt man an sich selbst, welche erfüllt man für andere, und gegen welche lehnt man sich auf? Was geschieht, wenn doch alles anders kommt, „als es sein soll“? Verzweifelt man an den Umständen, oder schafft man es, den Blickwinkel zu verändern: Vielleicht sieht das Glück ja ganz anders aus als gedacht?
Suche nach dem Platz auf der Welt
Nicht immer, aber häufig sind diese Fragen eng verwoben mit einem bestimmten Ort. Einem Zuhause. „Heimat klingt immer erst mal nach Alpen und Dirndl, nach etwas Angestaubtem, aus der Zeit Gefallenem“, sagt Hannah Häffner auf unserem Spaziergang. „Doch ich glaube, das Thema spielt für viele Menschen eine Rolle, auch wenn sie vielleicht nicht explizit darüber nachdenken.“ Wo möchte ich leben, wo gehöre ich hin, diese Überlegungen seien universell: „Gleichzeitig sind sie ein Luxus. Viele Menschen haben ihre Heimat verloren und können nicht zurück. Sich ein Zuhause aussuchen zu können, ist eine besondere Freiheit.“ Diese Entscheidung könne jedoch schwerfallen, die gefühlt unendlichen Möglichkeiten seien überfordernd. „Viele orientieren sich deswegen an ihren Wurzeln“, sagt Häffner, sie habe das selbst in ihrem Umfeld erlebt.
Nach dem Abitur zogen alle weg, jetzt kommen manche wieder
Seit ein paar Jahren lebt die 1985 in Heidelberg geborene Autorin mit ihrem Mann und zwei Söhnen in der Nähe von Stuttgart. Weihnachten feiern sie allerdings immer noch „zu Hause“: Das ist in Mosbach, einer kleinen Stadt in Baden-Württemberg, in die Häffner und ihre Eltern zogen, als sie 14 war. „Meine Freundinnen sind fast alle nach dem Abitur weg. Nach München, Berlin oder ins Ausland. Hauptsache, frischer Wind“, sagt sie. In den vergangenen Jahren seien jedoch immer mehr Freunde und Bekannte aus Schulzeiten nach Mosbach zurückgekehrt, oder denken zumindest darüber nach. Zum einen aus pragmatischen Gründen: Da sind die Großeltern, die sich um den Nachwuchs kümmern können, dazu sind die Grundstückspreise niedriger als in der Großstadt, sagt Häffner. „Zum anderen kann da auch ein Gefühl von Verlorenheit sein. Egal wie lange man woanders lebt, bei manchen bleibt die Frage, ob man nicht doch in dieses kleine Dorf, das niemand kennt, gehört.“
Trotzdem könne es wertvoll sein, dem Gewohnten für eine Zeit lang zu entfliehen. „Wenn dich jeder von klein auf kennt, kannst du dich schwer neu erfinden“, sagt sie, während eine Schar Nilgänse im Hintergrund schnattert, Küken wackeln ihren Eltern hinterher. Häffner lacht und macht Fotos für ihre Kinder. „Du musst in ein neues Umfeld“, sagt sie dann, „das keine Schablone griffbereit hat, wie du mit fünf, zehn oder 15 Jahren gewesen bist.“
Man kann sich auch in der Heimat neu erfinden
In ihrem neuen Roman scheitern die „Riesinnen“ früher oder später an ihren Versuchen, sich fernab von Wittenmoos ein Leben aufzubauen. „Wurzeln halten natürlich auch zurück“, sagt Häffner, doch in der Heimat zu bleiben, könne ebenfalls eine mutige Entscheidung sein. Anstatt in Barcelona zu studieren oder Südostasien zu bereisen, sei man plötzlich die oder der Daheimgebliebene, ernte mitleidige Blicke, es nicht rausgeschafft zu haben. „Aber wächst man nicht genauso, wenn man sich seinen Freiraum erst mühsam erarbeiten muss?“
Häffner wählte zuerst einen vermeintlich solideren Berufsweg
Nach der Schule entschied sich Hannah Häffner selbst für den Aufbruch ins Ungewisse, wenn auch mit einer soliden beruflichen Zukunft am Horizont. Sie studierte Europastudien in Passau, später Politik und Verwaltungswissenschaft in Konstanz und Paris. Schon damals interessierte sie sich aber auch für kreatives Schreiben. „Aber es wäre mir wohl nicht in den Sinn gekommen, das zu studieren. Nachher hätte es mit der Schriftstellerei nicht geklappt, und ich hätte keine andere Ausbildung gehabt“, sagt sie. „Dafür war ich vielleicht zu vernünftig oder nicht mutig genug, wie man es nimmt.“

Stattdessen liebäugelte sie mit einer Karriere als politische Referentin, machte Praktika beim Auswärtigen Amt und dem Europäischen Parlament. So richtig los ließ sie „ihre kreative Seite“ indes nicht. Nach dem Master entschied sie sich zu einer Ausbildung als Werbetexterin. „Ich wollte etwas Neues ausprobieren, bevor ich endgültig im Berufsleben stehe“, sagt sie. Werbung erschien ihr als ein guter Kompromiss: ein Job mit festem Gehalt, aber mit einem künstlerischen Anspruch.
Arbeit als Werbetexterin reichte nicht aus
Häffner arbeite für die Agentur Jung von Matt, entwarf Slogans und TV-Spots für Firmen wie Mercedes. Aber es reichte nicht. Sie begann, an längeren Texten zu schreiben, setzte sich vor der Arbeit oder in der Mittagspause an ihren Laptop und tippte drauflos. „Ich habe einfach angefangen, ohne die Absicht, das später zu veröffentlichen“, sagt sie. Mal sei es eine Kurzgeschichte, mal ein Romanfragment gewesen, nach zehn Seiten habe sie meistens keine Lust mehr gehabt. Eines Tages sei ihr jedoch die Idee für eine Geschichte gekommen, aus der dann ihr erster Kriminalroman wurde. „Da hat sich ein Schalter in mir umgelegt“, sagt Häffner. Sie schrieb und schrieb, merkte bald, wie die Geschichte Gestalt annahm, und verschickte daraufhin das Manuskript an Literaturagenturen.

Mit Erfolg. 2020 erschien Häffners erster Kriminalroman „Nordseenacht“ im Goldmann-Verlag, in den Jahren darauf folgten „Nebelküste“ und „Dunkle See“. Es sind allesamt dicke Bücher, die eher langsam ihre Spannung entfalten. Häffner nimmt sich Raum, um Personen und Situationen ausgiebig zu beschreiben.
Mit den „Riesinnen“ ist sie dort angelangt, wo sie hinwollte
Ohne ihre ersten drei Kriminalromane und die Erfahrungen, die sie dabei sammelte, wäre sie niemals an dem Punkt, an dem sie jetzt sei, erklärt Häffner heute. „Aber ich war damals noch auf der Suche nach Stoffen, bei denen ich mich wohlfühle.“ Jetzt, mit den „Riesinnen“, sei sie bei den Geschichten angelangt, die sie erzählen möchte.
„Ich kann nicht sagen, woher die Idee stammt. Sie war plötzlich einfach da“, sagt Häffner über den neuen Roman. Das sei meistens bei ihr so, es falle ihr schwer, sich etwas gezielt auszudenken. Stattdessen prasseln ständig Gedanken auf sie ein. „Manchmal denke ich, in meinem Kopf gibt es ein Hinterzimmer und dort kocht jemand seinen eigenen Tee, spinnt sich Ideen zusammen und schickt sie dann weiter, damit ich mich darum kümmere“, sagt sie und zupft an ihrem Schal, Sonnenstrahlen wärmen den märzkalten Tag langsam auf. „Ich brauche bloß in der Bäckerschlange zu stehen und ein unfreundliches Wort in der Ferne aufschnappen, sofort rattert es in mir. Gibt es einen tieferen Grund für die schlechte Laune, was mag die Person wohl heute Morgen erlebt haben?“
Geschichten würden ihr also ständig einfallen, die Kunst sei eher „abzuwägen, welche finde ich spannend genug, um mich zwei Jahre mit ihr zu beschäftigen“, sagt sie. „Und im besten Fall muss sie natürlich auch Menschen interessieren.“
Schreiben sei ihr ein inneres Bedürfnis
Die Begeisterung, auf die ihr viertes Buch jetzt stößt, könne sie immer noch kaum fassen. „Ich finde es albern, dass beim Schreiben dieser Professionalisierungsdruck herrscht. Wenn man Trompete spielt, denkt auch niemand, dass das auf eine Tournee hinauslaufen muss.“ Bücher zu schreiben, das dürfe auch ein bloßes Hobby sein. „Für mich ist es ein inneres Bedürfnis. Ich werde nie damit aufhören, selbst wenn keiner Notiz davon nimmt. Aber natürlich fühlt es sich besonders an, dass sich fremde Menschen die Zeit nehmen, um gerade meine Geschichten zu lesen.“
Während man ihr so zuhört, macht es nie den Anschein, als wolle diese Autorin sich demonstrativ bescheiden darstellen; dass sie ihren Erfolg nur mit Vorsicht genießen könne, erwähnt sie in flüchtigen Nebensätzen. Hannah Häffner ist freundlich und ein bisschen aufgeregt, wird verhalten bei persönlichen Fragen, dafür leuchten ihre Augen auf, sobald die Rede auf „Die Riesinnen“ und ihren Beruf kommt.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Schriftstellerin zu sein: Das sei „Peak dessen, was ich machen möchte“, behauptet sie. Und es habe sie für jeden anderen Job verdorben. „Ich hoffe, dass ich es noch lange weiter machen darf“, sagt Hannah Häffner, „denn bloß, weil die Leute einen Roman von mir mögen, schätzen sie nicht zwangsläufig auch den nächsten. Autoren und Autorinnen leben von Buch zu Buch.“
Und sie habe sich schon jetzt verboten, falls sie irgendwann keinen Buchvertrag mehr erhalte, verbittert auf dem Sofa zu sitzen und alles zu verfluchen. Stattdessen wolle Hannah Häffner sich ihre Erinnerungen gut aufbewahren. Sich immer wieder daran erfreuen können, wie es gekommen sei. Anders, als sie erwartet habe. Besser.
Hannah Häffners Roman „Die Riesinnen“ ist im Penguin-Verlag erschienen (416 Seiten, 24 Euro). Vom 1. April an finden Sie in unserem Literatur-Newsletter (nl.faz.net/#literatur) weitere Texte und Hintergründe zu Leben und Werk von Hannah Häffner und die Einladung, im Rahmen unseres Buchclub-Projekts „Gemeinsam Lesen“ in Kooperation mit Thalia den Roman „Die Riesinnen“ mitzulesen und darüber zu diskutieren. Am 26. Mai wird es zum Abschluss eine Veranstaltung mit der Autorin in der Berliner Thalia-Buchhandlung in der Tauentzienstraße geben, die der Leiter der Literaturredaktion der F.A.S., Tobias Rüther, und F.A.S.-Feuilletonredakteurin Anna Vollmer moderieren werden.
