
Wie? In Göttingen gibt es eine linke Buchhandlung? Und in Bremen gleich noch eine? Die dritte, in Berlin, heißt „Schwankende Weltkugel“, das ist doch unglaublich. Das muss dringend observiert werden, dachte der Verfassungsschutz. Denn wenn die Weltkugel schwankt, schwankt die Verfassung ja gleich mit. Und das darf keinesfalls geschehen.
Wolfram Weimer, parteiloser Kulturstaatsminister unter Friedrich Merz (CDU), hat sich diesen Gesichtspunkt zu eigen gemacht. Aus der Liste der mehr als einhundert Buchhandlungen, die von seinem Ministerium für ihre Arbeit mit einem Preis in Höhe von verfassungssensiblen siebentausend Euro bedacht werden sollten, hat er die drei Läden aus Bremen, Göttingen und dem Prenzlauer Berg streichen lassen. Was sie sich zuschulden haben kommen lassen, weiß Weimer nicht. Denn das durfte ihm der Verfassungsschutz gar nicht mitteilen.
Er verkauft die Bürger für dumm
Weimer weiß also nur, dass observiert wurde und Aktennotizen existieren. Wenn das reicht, geschäftsschädigende Verdächtigungen in die Welt zu setzen, handelt Weimer im Geist des Polizeirats Knarrpanti aus E.T.A. Hoffmans „Meister Floh“. Der meinte einst, wenn ein Verbrecher ermittelt worden sei, finde sich das Verbrechen von selbst. Welche Gefahren für die Verfassung allerdings von Lesungen und Buchbestellungen ausgehen sollen, müsste Weimer den Bürgern schon erklären. Die Auskunft, es liege „etwas“ vor, verkauft sie für dumm.
Nach dem törichten Vorgehen im Fall der Berlinale und ihrer Chefin, als Weimer um die politische Ohrfeige, die er am Ende erhielt, nachgerade zu betteln schien, ist das binnen Kurzem der zweite Unfall seiner Amtsführung im Bezirk der Meinungsfreiheit. Deren Weite liegt ihm angeblich am Herzen. Er scheint aber keinen Begriff von ihr zu haben und zerschlägt deshalb fortlaufend Porzellan. Es ist nicht die Weltkugel, die schwankt, und nicht die Verfassungstreue der Buchhändler, sondern die Gesinnung des Ministers.
