Im Anschluss an den nur eine Viertelstunde dauernden offiziellen Teil des Richtfests am 5. Mai 1964 gab es Bier und Eisbein mit Sauerkraut. Ludwig Erhard hatte die Bauleute dazu in die Kantine des Fahrdienstes geladen. Zuvor überreichte der Direktor des Landesmuseums Bonn dem Kanzler noch eine römische Vase, die bei der Ausschachtung für das „Wohn- und Empfangsgebäude des deutschen Bundeskanzlers“ gefunden worden war. Viel mehr ist vom Richtfest für das später vereinfacht Kanzlerbungalow genannte Ensemble aus zwei gläsernen, ungleichmäßig großen und versetzt aneinandergefügten Pavillons nicht überliefert. Was auch auf den Ausschluss der Presse an der Feier zurückzuführen ist. Alle großen Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine hatte in den Monaten zuvor Kritik an den Kosten und dem angeblichen Luxus des Neubaus am Bonner Rheinufer geübt. Worauf das Richtfest ohne Journalisten stattfand und in demonstrativer Schlichtheit ausgerichtet wurde.
Stein des Anstoßes war nicht zuletzt der mit drei mal sechs Metern eher bescheidene Pool im Atrium des Wohngebäudes. „Ludwigslust“ oder „Palais Schaumbad“ wetterten Kritiker in Anspielung auf den künftigen Bewohner und die Lage im Park des Palais Schaumburg. Dabei hatte der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages bereits den Rotstift angesetzt und nur 1,9 Millionen Mark bewilligt, 400.000 Mark weniger, als im Finanzmittelantrag der Bundesregierung vorgesehen waren.
Zwei deutsche Regierungschefs zogen gar nicht erst ein
In der Folge wurden der Atombunker und das Lärchenholz für die Decke gestrichen. Ein normaler Luftschutzraum und Fichtenholz mussten reichen. Die Deckenhöhe für das Wohngebäude schrumpfte auf 2,55 Meter, und damit fast auf das im sozialen Wohnungsbau gesetzlich vorgeschriebene Maß. Erhard reagierte verschnupft. Vor Vertretern des Haushaltsausschusses verwies der Vater des Wirtschaftswunders auf die Kosten für die neuen Botschafterresidenzen in Brüssel und Madrid, die sich auf 2,1 respektive 2,5 Millionen Mark beliefen. Geholfen hat es nicht.
Anderen waren die beiden von Sep Ruf entworfenen Pavillons mit je einem Atrium schlicht zu modern. Eine Überraschung dürfte der zugleich noble Zurückhaltung übende und Weltoffenheit signalisierende Entwurf hingegen nicht gewesen sein. Ruf hatte für Erhard bereits am Tegernsee ein Privathaus mit viel Glas und auskragendem Flachdach errichtet, wo der Architekt und damalige Wirtschaftsminister direkte Nachbarn waren. Wie daheim in Bayern gedachte sich Erhard auch in Bonn modern einzurichten. Der Kanzlerbungalow wurde mit Fauteuils, Sofas und Tischen von Hermann Miller und Knoll International möbliert.

Dass ausgerechnet „Erhards sich in ihrem Alter so supermodern eingerichtet haben“, wunderte noch Jahre später Marie-Luise Kiesinger. Sprach’s und ließ als neue First Lady erhebliche Umbauten im Kanzlerbungalow ausführen sowie das Mobiliar austauschen. Noch kräftiger, fast bis zur Unkenntlichkeit, umgebaut und umgeräumt wurde unter Kanzler Kohl, der es dank Deckenspotlights und Seidenstoffbespannung über den nackten Ziegelwänden immerhin sechzehn Jahre im „absurden Bauwerk“ aushielt.
Überhaupt, abgesehen von Ludwig Erhard hat keiner der sechs deutschen Regierungschefs den von Mies van der Rohe, Frank Lloyd Wright oder Richard Neutra inspirierten Wohnsitz sonderlich geliebt. Zwei sind erst gar nicht eingezogen. Willy Brandt ließ sich ärztlich attestieren, dass die feuchte Rheinluft seiner Gesundheit nicht bekäme, und blieb in der bereits als Außenminister bezogenen Dienstvilla auf dem Venusberg. Gerhard Schröder war schon mit dem Kopf in Berlin, bezog nach seiner Wahl 1998 lieber eine kleine Übergangswohnung im Palais Schaumburg und überließ Altkanzler Kohl die Räumlichkeiten zur weiteren Nutzung.
Geraffte Gardinen, barocke Stilmöbel
Nach dessen Auszug 1999 stand der Kanzlerbungalow leer. Zwei Jahre später wurde der Flachbau mit dem lässig auskragenden Dach unter Denkmalschutz gestellt, ohne eine neue Funktion zu finden. Rettung für das Paradebeispiel der deutschen Nachkriegsmoderne kam schließlich durch die Wüstenrot Stiftung, die den Kanzlerbungalow in ihr Denkmalprogramm für die Revitalisierung herausstechender Bauten der Moderne aufnahm und die Sanierung Ende der 2000er-Jahren unter der Bedingung finanzierte, den Kanzlerbungalow öffentlich zugänglich zu machen.

Blieb die Frage, welcher Kanzlerbungalow für die Nachwelt erhalten werden sollte. Für das Empfangsgebäude fiel die Entscheidung, den Originalzustand von 1964 wiederherzustellen, inklusive der ausladenden „5407“-Sofas des amerikanischen Designers Edward Wormley und der Sessel der Miller-Kollektion im Büro, an dessen Schreibtisch Ludwig Erhard montags den „Kicker“ studierte. Für das Wohngebäude entschieden sich Stiftung und Denkmalschützer hingegen dafür, die Räume so beizubehalten wie von Kohl umgestaltet und hinterlassen, inklusive geraffter Gardinen, barocker Stilmöbel und dunkelbrauner Sofalandschaft.
Als fünfzehn Jahre später die energie- und brandschutztechnische Ertüchtigung anstand, sprang die Wüstenrot Stiftung erneut finanziell ein. Bei den Arbeiten wurde auch der Mechanismus einer Trennwand im großen Saal des Empfangsgebäudes instand gesetzt, die wie in einem James-Bond-Film auf Knopfdruck aus dem Travertinboden auftaucht. Seit Dezember 2025 sind im Rahmen einer über die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland buchbaren Führung wieder Besichtigungen möglich. Das rege Interesse an den Führungen, die im Nu bis weit in den Sommer 2026 ausbucht waren, führt der Präsident der Stiftung Harald Biermann nicht nur auf die architektonische Qualität des Kanzlerbungalows, sondern auch auf die Möglichkeit zurück, einen Blick in die persönlichen Wohnräume des deutschen Regierungschefs werfen zu können.
Umso größer ist oft das Erstaunen. Von ostentativem Luxus oder großzügigen Raumfluchten ist gerade im Wohngebäude keine Spur. Die getrennten Schlafzimmer für den Kanzler und die Kanzlergattin sind bescheidene sechzehn Quadratmeter groß. Was Helmut Schmidt, der die architektonische Qualität des Kanzlerbungalows durchaus schätzte, dazu veranlasste, die beengten Räumlichkeiten als „Schlafwagen-Abteile“ abzukanzlern. Platz für eine Teeküche mit im Stil der Zeit orangefarbenen Einbauschränken, die Loki Schmidt sich einrichten ließ, fand sich dennoch. Es handelt sich um die ehemalige Besenkammer.
Informationen: Haus der Geschichte, Museumsmeile, Willy-Brandt-Allee 14, Telefon: 0228/91650, 53113 Bonn, www.hdg.de.
