
Natürlich ist es ein politisches Signal, wenn der zweite Mann im Staat ein Elternpaar empfängt, dem Ende November auf Anordnung einer Jugendrichterin das Sorgerecht für die drei gemeinsamen Kinder entzogen wurde: Am Mittwoch empfängt Italiens Senatspräsident Ignazio La Russa in Rom Catherine Birmingham aus Melbourne und Nathan Trevallion aus Bristol, die Eltern aus der australisch-britischen „Waldfamilie“ in der mittelitalienischen Region Abruzzen.
Die acht Jahre alte Tochter und die sieben Jahre alten Zwillinge des Paares leben mittlerweile in einem staatlichen Wohn- und Kinderheim, unter Aufsicht von Sozialarbeitern und Kinderpsychologen. Die Mutter durfte zunächst in der Einrichtung wohnen, musste die Nächte aber in einem gesonderten Gebäude verbringen. Dem Vater wurden zunächst zwei, dann drei Besuche pro Woche bei seinen Kindern gewährt. Anfang März ordnete die Jugendrichterin dann an, die Mutter müsse wegen ihres „nicht protokollkonformen“ Verhaltens das Wohnheim verlassen, die Kinder müssten zudem in eine andere Einrichtung verbracht und voneinander getrennt werden.
Derweil wurden an die örtlichen Medien Informationen durchgestochen, offenbar aus dem Gericht in L’Aquila, es werde wohl bald dem Vater das alleinige Sorgerecht für die Kinder zugesprochen, weil dieser – anders als seine renitente Ehefrau – zur Kooperation mit den Behörden bereit sei. Im Narrativ der (rechten) Kritiker der (linken) Gerichtsentscheidung wurde das wie folgt beschrieben: Erst nehmen sie den Eltern die Kinder weg, dann zerschlagen sie die Ehe des verzweifelten Paares.
Das Bauernhaus war nicht ans Stromnetz angeschlossen
Denn längst ist aus dem Kasus der eigenwilligen „famigila nel bosco“ ein Kampf der Weltanschauungen geworden. Die Aussteiger hatten vor knapp fünf Jahren ein kleines Bauernhaus gekauft. Es ist nur über eine Schotterstraße zu erreichen, weder ans Stromnetz noch an die öffentliche Trinkwasserversorgung angeschlossen. Eine Solaranlage sorgt für etwas Strom, das Trinkwasser kommt aus einer Quelle. Gekocht und geheizt wird mit Holz, die Trockentoilette befindet sich außerhalb des Hauses.
Die Behörden nahmen die Familie in den Blick, nachdem die Kinder wegen einer Pilzvergiftung in ein Krankenhaus gebracht werden mussten. Das Jugendamt stellte „unzureichende Lebensbedingungen“ für die Kinder fest, namentlich das Fehlen einer Toilette im Haus sowie prekäre hygienische Verhältnisse, dazu mangelnde Kontakte zu anderen Kindern und unzureichende Beschulung durch die Eltern. Die hielten dem Amt entgegen, ihre Kinder würden im Einklang mit der Natur, im Umgang mit Haustieren und fernab von schädlichen Einflüssen der Gegenwartswelt gesund aufwachsen. Am 20. November kamen Mitarbeiter des Jugendamtes, begleitet von Carabinieri, und nahmen die Kinder mit. Seither kämpfen die Eltern mit ihren Anwälten darum, die Kinder zurückzubekommen.
Zuständige Richterin erhält Drohungen
Selbst in der Debatte zur Volksabstimmung über eine Justizreform am Sonntag und Montag spielte der Fall eine Rolle, womöglich eine entscheidende. In den Abruzzen war die Wahlbeteiligung deutlich höher als in den übrigen Regionen Mittel- und Süditaliens. Der Fall der „Waldfamilie“ hat die Wähler elektrisiert – und sie waren zuvor entsprechend mobilisiert worden. Zu erfahren war etwa, dass die zuständige Richterin Cecilia Angrisano bei den Wahlen zum Selbstverwaltungsorgan der Justiz für die Liste der Sozialdemokraten kandidiert und sich bei Demonstrationen für die Rechte der LGBTQ+-Community eingesetzt hatte. Angrisano erhielt wegen ihrer Entscheidungen gegen die „Waldfamilie“ Drohungen, ihr Polizeischutz musste verstärkt werden.
Auch Nicoletta Orlandi, Berufungsrichterin am Jugendgericht, die Angrisanos Urteile jeweils bestätigte, hat eine „Vergangenheit“: Sie saß von 1987 bis 1992 für die Kommunisten und die Linkssozialisten im Parlament in Rom, ehe sie von der Politik in die Justiz wechselte. Beide Richterinnen erfüllen mithin das Profil der „roten Roben“, gegen welche die rechten Parteien in Italien seit Jahren ankämpfen und deren Einfluss sie mit der Justizreform endlich zurückdrängen wollen.
Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, Justizminister Carlo Nordio und Senatspräsident La Russa warfen den Richterinnen in L’Aquila vor, übergriffig geurteilt zu haben, weil sie das traditionelle Lebensmodell der „Waldfamilie“ ablehnen würden. „Kinder gehören nicht dem Staat, sie gehören ihren Müttern und Vätern“, sagte Meloni. Die Richterinnen wiesen den Vorwurf der ideologischen Voreingenommenheit zurück und erwiderten, es gehe ihnen ausschließlich um das Wohl der Kinder. Und diese „gehörten“ so wenig den Eltern wie dem Staat. Die linken Oppositionsparteien warfen der rechten Regierung vor, den Fall propagandistisch ausgeschlachtet zu haben – mitten in deren Kampagne zum Referendum zur Justizreform.
Wenn Catherine Birmingham und Nathan Trevallion am Mittwoch von Senatspräsident La Russa empfangen werden, wird das Ergebnis der Volksabstimmung feststehen. Ihr Kampf ums Sorgerecht für ihre Kinder ist dagegen noch lange nicht entschieden.
