Frau Ballon, die Fernsehmoderatorin Collien Fernandes schildert öffentlich auf Instagram, dass unter ihrem Namen über Jahre Fakeprofile erstellt sowie „falsche“ Nacktfotos und Sexvideos von ihr verschickt worden sind. Mit Ihrer Organisation Hate Aid helfen Sie Betroffenen. Was ist das für eine Form digitaler Gewalt?
Was Collien Fernandes erlebt hat, war vor allem eine massive Form bildbasierter digitaler Gewalt: sexualisierte Deepfakes, die im Internet verbreitet wurden. Hinzu kommt, dass diese Bilder und Videos offenbar gezielt an Männer verschickt wurden. Darüber hinaus sollen sogar sexualisierte Chats und sexuelle Telefonate unter ihrer Identität vereinbart worden sein.
Bei Deepfakes handelt es sich um Bilder, Videos oder Tonaufnahmen, die mit KI so erstellt wurden, dass sie täuschend echt wirken. Beispielsweise werden die Gesichter der Opfer mit denen der Darstellerinnen in Pornofilmen ausgetauscht.
Heutzutage braucht es nicht einmal mehr pornographisches Ausgangsmaterial, in das Gesichter „eingetauscht“ werden. Mit KI lässt sich solches Material über entsprechende Bildgeneratoren aus dem Nichts generieren.

Technisch ist das inzwischen für alle Menschen, die ein Smartphone oder einen Computer haben, sehr einfach. Mit sogenannten Nudification-Tools – wie wir es zuletzt etwa bei Grok, der KI von Elon Musk, auf der Plattform X gesehen haben. Solche Tools gibt es aber schon länger als Apps oder im Browser. In teils sexualisierten oder pornographischen Foren werden Anleitungen geteilt, und in Gruppen tauschen Nutzer solche Bilder aus. Es ist leicht, entsprechendes Bildmaterial zu erstellen: Theoretisch reicht schon ein Profilfoto von Instagram oder sogar Linkedin, um daraus ein Bewegtbild zu erzeugen, das eine Frau in sexualisierter Pose zeigt.
Gibt es belastbare Daten, wie viele Menschen zu Opfern solcher Deepfakepornos werden?
Nach unserer Erfahrung sind vor allem Frauen und Mädchen betroffen. Es gibt keine belastbaren Zahlen, da bislang keine repräsentativen Studien vorliegen. Auch die Strafverfolgungsstatistiken sind unbrauchbar. Es gibt keinen Straftatbestand, der diese Taten abbildet. Vieles fällt unter die Verletzung des Rechts am eigenen Bild, was, wenn überhaupt, als Bagatelldelikt geahndet wird. Aber die Anfragen bei uns nehmen zu. Bei uns melden sich vermehrt auch Privatpersonen und nicht nur Personen des öffentlichen Lebens.
Das Erstellen von Deepfakepornos ist in Deutschland also nicht strafbar?
Nein, nur die Verbreitung solchen Bildmaterials ist eine Straftat, wie gesagt, allerdings eher ein Bagatelldelikt. Das bedeutet juristisch: Es handelt sich um ein absolutes Antragsdelikt. Die Betroffenen müssen für jedes einzelne Bild oder jedes Video einen Strafantrag stellen, damit die Strafverfolgung überhaupt in Gang kommt. Und es ist zudem ein Privatklagedelikt.
Das heißt: In der Regel wird so etwas sehr, sehr schnell eingestellt und gar nicht weiterverfolgt. Für Betroffene, die sich die Mühe gemacht haben, Beweise zu sichern, die sich dieser emotionalen Belastung ausgesetzt haben und sich das alles immer wieder ansehen mussten, fühlt es sich wie ein Schlag ins Gesicht an, wenn dann ein Brief nach Hause kommt, in dem steht, mangels öffentlichen Interesses werde das Verfahren eingestellt.
Wir fordern einen expliziten Straftatbestand für die Erstellung und Verbreitung sexualisierter Deepfakes, der ganz konkret auch den Eingriff in das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung abbilden kann. Und ich sage bewusst auch: Erstellung. Niemand – nicht einmal der eigene Ehemann – sollte das Recht haben, solches Bildmaterial zu erstellen und auf einer Festplatte zu speichern, wenn die abgebildete Person damit nicht einverstanden ist. Denn was auf einer Festplatte gespeichert ist, ist nur einen falschen Mausklick oder ein Datenleck davon entfernt, im Internet zu landen. Und dann kann man die Verbreitung eben nicht mehr aufhalten. Es steht auch im Koalitionsvertrag, dass man mögliche rechtliche Lücken schließen will. Wir hoffen, dass das Justizministerium dazu bald einen Entwurf vorlegt.
Collien Fernandes beschuldigt nun ihren Ex-Mann Christian Ulmen, hinter dem zu stecken, was ihr widerfahren ist. Laut einem Bericht des „Spiegel“ hat Fernandes eine Strafanzeige gegen Ulmen gestellt; dessen Anwalt spricht von unwahren Tatsachen. Unabhängig davon, wer für die Taten verantwortlich ist: Welche Strafe droht dem Täter?
Collien Fernandes hat die Anzeige in Spanien erstattet. Dort gibt es strengere, teils sehr explizite Gesetze, die solche Fälle abbilden. Sie hat ihren Ex-Mann unter anderem auch wegen Identitätsanmaßung angezeigt. Und nach meinem Kenntnisstand sind die Strafen für solche frauenfeindlichen Straftaten in Spanien tatsächlich deutlich höher. Möglicherweise war das auch ein Grund, warum sie sich am Ende entschieden hat, Ulmen in Spanien anzuzeigen. Sie hatte aber auch einen lokalen Bezug zu Spanien, da sie dort während einiger Taten gelebt hat.
Kommen die Täter in solchen Fällen häufig aus dem engsten Umfeld der Opfer?
Das ist sehr schwierig zu beantworten, aber es passiert. Der Begriff „Revenge Porn“, also pornographische Inhalte der früheren Partnerin aus Vergeltung zu verbreiten, kursiert schon lange. Wir haben aber auch häufiger Fälle, in denen es keine persönliche Beziehung gibt. Dass es so leicht ist, Bilder zu erstellen, öffnet natürlich Tür und Tor für den Missbrauch durch Fremde. Es gibt aber auch Fälle, in denen man einen Verdacht hat, um wen es sich handeln könnte – und dann am Ende trotzdem nicht beweisen kann, wer dahintersteckt.
Warum ist es so schwer, das zu ermitteln?
Die Verbreitung der Bilder findet nicht offen statt, sondern meistens in pornographischen Foren, auf Filesharingdiensten und anonymen Plattformen. Natürlich haben Strafverfolgungsbehörden Möglichkeiten, aber die sind auch endlich. Das heißt: Es ist wirklich schwer, die Tatpersonen überhaupt zu identifizieren. Wenn Christian Ulmen nicht „gebeichtet“ hätte, wie Collien Fernandes es berichtet hat, hätte man ihn vielleicht nie verdächtigt.
Wie Fernandes auf Instagram schreibt, habe ihr Ex-Mann aus „einer Art Besitzdenken“ heraus gehandelt. Die Erniedrigung habe ihm Lust bereitet. Ist das eines der Grundmotive in solchen Fällen?
Antifeminismus ist in unserer Gesellschaft sehr weit verbreitet. Und natürlich ist das ein mögliches Motiv: Man demütigt hier eine Frau in der Öffentlichkeit, man degradiert sie zu einem Objekt. Dass das so effektiv funktioniert, liegt natürlich auch daran, dass die Verbreitung solcher Nacktfotos Frauen in unserer Gesellschaft tatsächlich immer noch massiv beschämt – und langfristig beschädigt – und sie schnell als „inkompetent“ erscheinen lässt für seriöse Aufgaben.
Den Vorwürfen auf Instagram zufolge soll Ulmen auch Männer aus dem beruflichen Umfeld von Fernandes mit den falschen Profilen seiner damaligen Frau kontaktiert haben.
Es ist ein Versuch, sie kleinzuhalten, sie kleinzumachen. Ihr starkes Auftreten in der Öffentlichkeit ist nicht vereinbar mit einem antifeministischen Bild, in dem Frauen eine klare Rolle zugewiesen wird: zu Hause bleiben, an den Herd, zu den Kindern. Gerade bei einer Frau wie Collien, die in den letzten Jahren anspruchsvolle Dokumentationen gemacht und sich viel zu Feminismus und Gleichberechtigung geäußert hat, ist das natürlich ein sehr effektiver Weg. Diese Deepfakes haben sie ja über Jahre begleitet. Sie hat in mehreren Anläufen versucht, Bilder entfernen zu lassen – und dafür auch sehr viel Geld ausgegeben.
Collien Fernandes selbst spricht von einer „virtuellen Vergewaltigung“. Ziehen Sie Parallelen zum Fall von Gisèle Pelicot, die jahrelang von ihrem damaligen Ehemann betäubt und anderen Männern zum Missbrauch überlassen wurde?
Ja – natürlich „nur“ auf digitale Weise. Ich will damit nicht sagen, dass es vergleichbar wäre mit einer analogen Vergewaltigung. Aber von der Motivation des Täters her ist es das. Und es ist sehr belastend und beschädigend, wenn so etwas passiert. Und deshalb würde ich sagen: Der berühmte Satz „Die Scham muss die Seite wechseln“, der durch den Fall Pelicot so bekannt wurde, ist hier sehr passend.
Dem Bericht des „Spiegel“ zufolge soll Fernandes unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Wie sehr setzt der digitale Missbrauch den Opfern zu?
Es ist eine enorme psychische Belastung, die auch genau solche Krankheitsfolgen nach sich ziehen kann: Das kann zu Depressionen führen, zu Angstzuständen. Und wir erleben auch massive Einschränkungen im sozialen Umfeld. Frauen haben Angst oder werden vielleicht sogar am Arbeitsplatz erkannt, wenn Kolleginnen oder Kollegen die Bilder sehen. Im Freundeskreis, in der Familie hat man Angst, dass die Bilder gesehen werden. Einige haben sogar Angst, auf der Straße erkannt zu werden, und trauen sich in Zukunft nicht mehr, öffentlich sichtbar zu sein oder den Arbeitsplatz zu wechseln, weil ein neuer Arbeitgeber einen googeln könnte. Wir haben Klientinnen, die umgezogen sind. Denn eine beliebte Methode ist, personenbezogene Daten mit diesem Bildmaterial zu verknüpfen, um dafür zu sorgen, dass die Scham noch einmal ganz besonders groß wird.
Wissen Sie, wie es Collien Fernandes derzeit geht?
Es ist öffentlich bekannt, dass Collien Fernandes sich schon seit Längerem gemeinsam mit uns für einen besseren Schutz vor Deepfakes eingesetzt hat. Wir haben mit ihr zusammen eine Petition an den damaligen Digitalminister Volker Wissing übergeben und stehen deshalb mit ihr in Kontakt. Um zu sagen, wie es ihr geht, kenne ich sie nicht gut genug und würde es ohnehin gerne ihr selbst überlassen, sich dazu zu äußern. Dass sie diesen Schritt gegangen ist, davor habe ich große Hochachtung. Es ist wahnsinnig mutig, denn es ist nicht gesetzt, dass alle für sie Partei ergreifen werden.
Wie können sich Betroffene gegen die Verbreitung und die Täter wehren?
Es sind nicht die Frauen, die sich dafür schämen müssen. Doch oft hält die Scham die Betroffenen ab, sich Hilfe zu suchen. Aber es ist sehr wichtig, nicht einfach wegzusehen. Der Reflex ist häufig, zu hoffen, dass es vorbeigeht und man es vergessen kann. Aber je länger man wegsieht, desto schwerer wird es, diese Bilderflut in den Foren überhaupt noch einzudämmen. Viele Betroffene haben ein Leben lang damit zu tun. Selbst wenn es nicht der Ehemann ist, der immer wieder Material erstellt und hochlädt, sondern Fremde, die es weiterverbreiten.
Wie sichert man am besten Beweise?
Man braucht auf jeden Fall Screenshots. Man sollte nicht nur die URL sichern, sondern auch aussagekräftige Screenshots machen, die Datum und Uhrzeit enthalten – um, falls Inhalte verschoben oder gelöscht werden, den Nachweis erbringen zu können. Dann sollte man so schnell wie möglich zur Polizei gehen und sich kompetente Unterstützung suchen.
Bei Beratungsstellen wie Hate Aid oder Frauenberatungsstellen kann man sich kostenlose Unterstützung holen, falls man aus finanziellen Gründen nicht direkt eine Anwaltskanzlei aufsuchen möchte.
