Heute können wir froh sein, dass die Mikrowelle nicht verboten wurde. Skepsis herrschte damals, in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Mikrowellen! Strahlung! Wer weiß, ob man von dem aufgewärmten Essen nicht krank wird? Langzeitfolgen kann man nicht ausschließen! Es gab sogar eine Studie aus der Schweiz, die Schlechtes fürs Blutbild gefunden hatte und erst Jahre später widerlegt wurde. Die Risiken der Mikrowelle waren also buchstäblich: unsicher.
Heute sind viele Leute dankbar, dass sie Essensreste schnell und energiesparend wieder warm machen können. Die Mikrowelle schont das Klima, spart Zeit und hilft gegen Lebensmittelverschwendung – wunderbar.
Mit ähnlichen Argumenten lief auch die Skepsis gegen Mobiltelefone. Die Strahlung! In der Hosentasche! Heute sind Smartphones umstrittener als die Mikrowelle, loswerden will sie aber auch niemand. Sie nützen uns. „Elektrisches Licht macht schlaflos.“ „Margarine schwächt die Knochen.“ „Wer schneller als 30 Stundenkilometer fährt, der wird verrückt“: An all diese Fehlannahmen sollten wir uns öfter erinnern, wenn wir uns über neue Technik ärgern. Denn wir sind nachlässig geworden. Ein sinnvoller Grundsatz wird allmählich übertrieben. Es geht um das „Vorsorgeprinzip“. Das schlägt vor: Wenn wir nicht wissen, ob eine Neuerung uns schaden kann, dann verbieten wir sie lieber erst mal.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Nun weiß jeder: Wenn man dieses Prinzip absolut nimmt, wird es zum Schmarrn. Dann würde Fortschritt unmöglich, weil am Anfang niemand wissen kann, ob nicht doch noch irgendein Schaden entsteht. Umgekehrt wird jeder sagen: Wo Risiken existenziell werden, da gibt das Vorsorgeprinzip einen wichtigen Rat. Und dann denkt jeder an die Lobbyisten der Tabakindustrie, die an Studien über die Schädlichkeit des Rauchens jahrzehntelang Unsicherheit säten und so ihre Produkte noch lange populär hielten.
Dieser Vergleich kam oft auf, als vor einigen Tagen eine Jury im US-Bundesstaat New Mexico den Facebook-Betreiber Meta für den Schaden verurteilte, den er bei Kindern verursacht habe. Da wurde ganz deutlich: Das Vorsorgeprinzip, erfunden im Deutschland der Siebzigerjahre, ist heute einer der größten Exportschlager des Landes.
Ist Social Media schädlich? Man weiß es nicht.
Nun ist die Debatte um Smartphones und Social Media recht typisch. Die besten Forscher wissen bis heute ehrlich nicht, was Smartphones und soziale Medien mit Kindern machen. Es gibt Studien, die Schäden finden. Und es gibt Studien, die keine finden (aber wo kein Effekt ist, da fällt das Publizieren schwer). Das Hirn verändert sich – aber ist das schlecht? Die Lage ist kompliziert.
Wie die Abwägung im Fall von Social Media ausfällt, darf jeder selbst entscheiden. So wie bei allen anderen Vorsorgeforderungen. Es gibt genügend, sie werden immer häufiger. Chemikalien? Verbieten! Zucker? Besteuern! (Obwohl bei genauem Hinsehen gar nicht so klar ist, wie viel das bringt.) KI? Im Zweifel nicht benutzen! (Prompt fällt Deutschland auch im Einsatz dieser neuen Technik zurück.)
Das Vorsorgeprinzip wird zum willkommenen Ausweg
Immer sind die Fragen kompliziert. Und so viel ist schon lange sicher: Komplizierten Fragen gehen wir gerne aus dem Weg. Da wird das Vorsorgeprinzip allzu leicht zum willkommenen Ausweg. Wir sind unsicher? Nicht nachdenken, sondern einschränken!
Der Haken: Je härter eine Sache reguliert ist, umso schwieriger wird es, mehr darüber zu lernen. Doch gerade wenn man die Gefahren nicht kennt, muss man sie kennenlernen. Unfälle werden passieren. Auch die Erfindung der Eisenbahn war mit haarsträubenden Unglücken verbunden. Viele kennen das Bild von der Lokomotive, die 1895 am Gare Montparnasse in Paris vom ersten Stock der Bahnhofshalle auf die Straße hing.
Aber die Gefahren sind oft andere als erwartet. Und wenn man eine Technik gut testet, finden sich oft Lösungen, die Schäden begrenzen und Nutzen steigern. Den größten Gewinn haben dann die späteren Generationen, die vom Mut ihrer Vorgänger profitieren. Insofern gilt: Wer den Kindern Gutes tun will, der schränkt neue Entwicklungen nur nach viel Überlegung ein. Langsamer, als das gerade geschieht.
